Volltreffer

Höflichkeit, die Kleiderordnung und die Spielregeln guter Manieren bauen uns einen Schutzzaun, ein Frühwarnsystem vor Übertritten, vor Überraschungen. So können wir unbesorgt in die Welt hinausgehen, können Freunde treffen und Geschäftspartner. Wir haben unseren Frieden.

Wer auffällt, fällt auf und bei uns durch, kommt in die Quarantäne-Station unserer Gesellschaft, bleibt unter Beobachtung.  Bis er gleich ist. Oder angepasst. Oder äußerlich unverdächtig. Er bleibt dennoch unter unserer verschwiegenen Kontrolle.  Sozusagen unter Sicherungsbeobachtung. Denn wir müssen mit allem rechnen. Auch mit dem Schlimmsten.

Aus geheimer, jedoch verlässlicher, Quelle wissen wir um die schlimmsten Spekulationen. Wir dürfen nicht drüber reden. Das versteht sich. Ehrensache. Und doch wissen wir, dass unser Unbehagen nicht unbegründet war. Das hätte ins Auge gehen können. Selbstverständlich müssen wir Freunde warnen. Auch wenn wir den letzten Beweis noch nicht haben können. Wie denn auch?

Auffällig schweigsam in einer bemerkenswerten dunklen Ecke. Volltreffer. Wusst´ ich´s doch. Da ist was faul. Sonst stände er nicht so abseits. Von uns, der feinen Gesellschaft. Fein und wachsam. Ja, das sind wir. Dazu stehen wir. Zusammen. Alle.

Im Juli 2013

Einfaches

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEinfaches ist nicht einfach an den Mann oder die Frau zu bringen. Es ist zu einfach. Doch dann beginnt es, seine Geschichte zu erzählen. Authentisch, persönlich, einfach mitreißend echt. Wie viel Leben doch in ihm steckt. Dieses anmutige Wesen, dieses Einfache. Übersichtlich, schön, gut, nah. Wer wäre da nicht bereit, ein paar Euro springen zu lassen? Faszinierend, gut und teuer. Packen Sie´s mir bitte in Folie ein. Es soll ganz einfach ein Geschenk sein. Ein einfaches.

Im Juli 2013

Wabenbeton

Das Eleganteste, was die Zeit zu bieten hatte. Die typische Wabenstruktur der Fassade war Ausdruck unserer Modernität, des Zeitgeistes, des Aufbruchs in eine bessere Welt.  Alles unter einem Dach anzubieten, war Ausdruck modernen Handels. Und wir stimmten freudig zu, opferten bereitwillig die wertvollsten Plätze unserer Städte. Der Zukunft eine Chance.

Es war eine nachhaltige Investition. Die Waben trotzen noch heute Wind und Wetter, sind nur ein bisschen grau geworden, ein bisschen unansehnlich und nicht ganz frei von  bröckelnden Elementen. Halb so schlimm, ein feines Netz beschützt den ahnungsvollen Passanten vor Ungemach. Während nebenan unser neues Paradies mit neuem Glanz und überwältigender Größe alles anlockt, was in der Handelswelt Rang und Namen hat, bleibt unser Wabenbeton in seinem Innern seltsam dunkel, kalt und leer. Die Fenster sind verhangen, der Glanz der frühen Jahre ist erloschen. Eine graue Staubschicht bedeckt die einst so verheißungsvollen Auslagen. Seit Jahren. Unter dem Dach der tristen Betonhülle findet unser Warenreichtum einfach keinen Platz mehr. Und etwas anderes auch nicht. Dafür wurde der Koloss nicht gebaut, ist er nicht geeignet. Gebaut als Warenhaus, liegt er der Stadt nun schwer im Magen. Die Zeit läuft eben weiter.

Wir shoppen jetzt unter einem neuen Dach, dem ebenso unerschrockenen, wie zahlungskräftigen Investor sei Dank. Natürlich ist es nicht so wie früher. Eher so: Viel größer, viel schöner, nach einem ganz anderen Konzept, mit einer ganz anderen Auswahl und flexibel bis zum Umfallen. Eben ganz anders als früher. Ein Warenhaus ist gegen unser Einkaufszentrum, na sagen wir mal, eine „Hundehütte“ (die Hunde mögen´s mir verzeihen). So baute man eben damals.

Heute baut man anders. Zukunftsweisend. Und: Ein großes Haus gehört mitten in die City, ins Herz der Stadt. Schließlich sind die Kunden praktisch schon da und außerdem und an erster Stelle soll ja ein lebendiger urbaner Raum entstehen, mit einer großen Vielfalt an Waren- und Dienstleistungen, einladend, freundlich, gut zu erreichen und richtig attraktiv. Ja, die Handelsstruktur im Umfeld verändert sich. Das zeigt unsere Erfahrung. Erwiesen ist aber auch, dass die Ansiedlung unseres Zentrums zahllose Investitionen auslöst. Plötzlich werden auch diejenigen aktiv, die meinten, in wenig attraktiven Räumen dösend auf Kunden warten zu können. Neuer Wettbewerb führt zu neuen Aktivitäten. Und so weiter.

Ein großer Schritt in die Zukunft. Und doch beschleicht uns eine böse Ahnung, dass unser neuer Tempel einmal gottlos werden könnte, aus der Mode kommen, abgeschrieben, überflüssig und zu teuer werden könnte.  Ja, große Dinge zeigen große Wirkung. Oder sie bedeuten großen Aufwand. Mitunter zu großen. Nicht heute, sondern morgen. Wenn die Erträge nicht mehr die Kosten decken, wenn der Leerstand günstiger als ein Abriss wird? Wenn die Dividenden längst geflossen sind, wer  befreit dann die Herzen unserer Städte von Häusern, neben denen Warenhäuser das Format einer Hundehütte haben?  Sehen wir uns wirklich in der Verpflichtung, heute die Bausünden von morgen zu begehen, ohne die unsere Nachkommen nicht mit dem Fingerzeig auf unsere Bausünden davon ablenken, dass sie just in dem Moment wiederum ihren Nachfolgern in gleicher Weise Unverdauliches auftischen, an denen noch Generationen zu knabbern haben?

Jede Betriebsform und jede Investition ist willkommen. Der Wettbewerb wird´s richten.  Niemand darf aber aus der Verantwortung für sein Handeln entlassen werden. Wer mit dem Versprechen, die Innenstadt zu beleben, antritt und wem das Herz der Stadt anvertraut wird, der muss dafür sorgen, dass es auch morgen noch schlägt. Wann denn das, mag man fragen, und wie ist das überhaupt möglich? Heute, wann sonst, ist die einzige Antwort. Denn allein heute fließen die Erträge, aus denen der Abriss und die Beseitigung des Objektes überhaupt finanziert werden können, die ansonsten der kommenden Generation zur Last fallen.

Morgen, wenn die Erträge einbrechen, und ein neues Konzept unsere Gesellschaft an anderer Stelle fesselt, ist es zu spät. Wir sind es unseren Nachkommen schuldig, über den Tag hinaus zu denken und den „Verursacher“ heranzuziehen, so lange er greifbar ist. Am besten gleich mit der Baugenehmigung. Das sollte rechtlich möglich sein oder werden. Nach Finanzierungsmodellen, in die wir vielleicht noch etwas Phantasie stecken müssen, so wir nicht auf die bereitwillige Hilfe der Investoren vertrauen dürfen. Sie werden ihre Vorhaben anders rechnen müssen als in der Vergangenheit. Sie werden unsere Nachkommen in ihre Kalkulation einbeziehen müssen, eine Generation, an die wir hohe Erwartungen stellen. Unsere Kinder haben Lasten genug zu schultern. Unsere Sünden, die Sünden der Vergangenheit. Eine weitere sollten wir ihnen ersparen: Wabenbeton der modernen Art.

Juli 2013

Zu grell

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGrelles Licht. Das heißt nichts Gutes. „Die Sonne scheint falsch“, so hieß das damals. Danach wurde es todsicher ungemütlich. Regen, Wind, Kälte. Ja, „schlechtes Wetter“ hielt Einzug, vergällte uns den Tag. Aber Blendwerk täuscht uns heute nicht mehr. Wir wissen Bescheid, geben uns keinen falschen Erwartungen hin. Haben´s einfach schon zu oft erlebt. Keine Chance.

Ein unerwarteter Anruf. Eine Auszeichnung erwartet mich. Mit Urkunde und Trophäe. Und Applaus. Gerne, ja, ich stehe gerne zur Verfügung. Und darf mich noch herzlich bedanken. Hochstimmung pur. Ich wusste es doch immer: Irgendwann würde mein Einsatz seine verdiente Anerkennung erfahren.

Feierlich geht´s zu. Sogar die Prominenz ist da. Oder zumindest vertreten. Ja, komplett vertreten. Schöne Worte aus der Feder versierter Redenschreiber. Bewundernswert die Routine. Ich bin ergriffen. Dankbarkeit steigt in mir auf. So nette Worte, so klug und so wohltuend. Darauf einen kühlen Sekt. Hände schütteln. Glückwunsch und so. Die vertretene Prominenz verabschiedet sich. Tiefes Bedauern, andere Termine, volles Verständnis. Der Raum leert sich. Ich umschließe meine Urkunde und die Trophäe in meiner kleinen Seligkeit ganz fest.

Und das alles meinetwegen. Doch, man muss es auch so sehen: Die Redner haben glänzend dagestanden, vor ihrem Publikum. Haben den richtigen Ton getroffen, das Herz. Gut gemacht. Bravo. Feine Menschen. Große Persönlichkeiten.

Ich raffe meine Sachen zusammen. Draußen hat der Wind zugenommen, treibt dunkle Wolken durch die Stadt.  Ein eisiger Schauer läuft mir über den Rücken. Ich bin wieder hellwach. Das Licht. Ich Idiot. Es war einfach zu grell.

Juli 2013

Mancher Mann

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn mancher Mann wüsste, wer mancher Mann wär´, 
gäb´ mancher Mann manchem Mann weniger Ehr´. Er weiß es aber nicht und wird´s wohl nie wissen. Und wenn er´s wüsste, er würd´s nicht glauben. Und was er nicht glaubt, stimmt nicht.  Ganz bestimmt nicht. Das wüsste er.

21. Juli 2013

Denk mal

0010KleinDer ist einfach nur genial gut. Modern, durchsetzungsstark, eloquent und schon gar nicht von gestern. Gerne geben wir. Wird schon richtig sein. Denn andere tun´s ja auch. Große Namen. Wir sind in feiner Gesellschaft. Beispielhaft. Ein Beispiel für Deutschland. Ein Beispiel für die Welt. Zweifellos. Mit unserem Geld wird Gutes getan. Für die Schwachen und natürlich für uns. Aber das ist nebensächlich.  Der Erfolg wird sichtbar, er wächst aus dem Boden. Bald schon wird es fertig sein.  Unser Haus. Unser Denkmal, ein Zeichen des Gemeinsinns. Wir glauben ganz, ganz fest dran. Und an ihn. Augen zu. Der ist einfach nur genial gut.

21. Juli 2013

Viele bunte Alte

Wir werden weniger, bunter und älter. Auf der Kundenseite, wie auch beim Personal. Das ist die so gar nicht froh gemeinte Botschaft an unsere Handelstreibenden. Werden aber nun die Jungen älter oder die Alten bunter? Oder vielleicht sogar die Alten jünger?  Und haben wir zukünftig weniger Junge und mehr junge, bunte Alte?

Ja, wir brauchen schon ein paar kluge Köpfe, um Ordnung in unsere Gedanken zu bringen. Denn das Verwirrspiel zieht weitere Kreise: Gehandelt wird auf allen Kanälen: Im Fachhandel, im Markenstore, in Filialen, auf Märkten und Messen und schließlich auch im Wege des Versandhandels, per Katalog, Inserat und Internet. Und auch dies ist nur die eine Seite, nämlich die des Verkäufers. Was passiert beim Käufer? Wird er nur alt und bunt, oder „tickt“ er morgen auch anders? Und wo steckt er und wie können wir ihn zum Kauf verführen?

Was wollen wir künftig überhaupt für ihn tun? Ihm Waren über die Theke reichen oder als „Service“ deklariert dienstbeflissen zustellen? Ist dieses Geschäft nicht längst in fester Hand des komfortablen Online-Handels und seiner „göttlichen“ Boten, die auf halsbrecherischen Kleintransporter-Touren millionenfach in Kartonagen verpackte Luft zu den entlegensten Ortschaften karren, um sie mit der bestellten Ware beim Nachbarn des todsicher gerade abwesenden Bestellers abzuliefern? In rekordverdächtiger Zeit? Bisweilen selbst am Rande des finanziellen Ruins?

Was zählt unser Rat als gut informierter Händler in einer Zeit, in der der Kunde mit einem Wissens-Overkill das Geschäft betritt, darauf lauernd, den erstbesten Fachberater mit soeben im Online-Shop angelesenem Spezialwissen an die Wand zu spielen?  Spezialwissen zu dem von ihm begehrten Produkt? Einem der Millionen Produkte des Gesamtsortiments? Armer Fachberater. Du bist von vornherein chancenlos. Oder richtig gut. Bis der Kunde zielsicher eine App(lication) seines Smart-Phones aktiviert und neue Fakten präsentiert. Einmal tief durchatmen bitte. Ja, das stand nicht auf dem Stundenplan unserer Ausbildung, die nun auch schon ein paar Jahre zurück liegt. Und doch sprechen wir hier von einer vergleichsweise günstigen Ausgangslage: Immerhin hat ja der Kunde den Weg in den Handel vor Ort gefunden und nicht gleich im Internet bestellt. Hier hat der Händler noch die Möglichkeit, ihm das gute Gefühl zu vermitteln, dass das eine sehr gute Entscheidung sei.

Wie sieht es aber mit den Kunden aus, die kein Vertrauen zum Händler aufbauen können, weil sie ihn ja gar nicht mehr kennen oder ihn nie kennen gelernt haben? Was wirkt bei dem Kunden, an dem alle Versuche, mit Emotionen Bindungen aufzubauen, scheitern? Was ist mit den Käufern, die sich offline als komplette Versager  herausstellen? Klar, es liegt nahe, diese online, also auf ihrer eigenen Wellenlänge, anzusprechen. Shop-Betreiber wissen aber nur zu gut, dass der Ruin schneller eintreten kann, als erwartet. Spätestens jetzt kennzeichnet geräuschvolle Ratlosigkeit die mit klugen Ratschlägen glänzende Beratergilde. Das darf man ihr nicht einmal verübeln, weil sie ja berät und nicht Handel treibt. Guter Rat wird an dieser Stelle schon fast zu teuer.

Was bleibt: Wir  müssen wohl bescheiden sein: Die Kosten im Griff halten, die Entwicklungen genau beobachten, den Puls des Kunden spüren, unser Personal mit ganz anderen Augen sehen und in der Dienstleistung Perfektion anstreben. Flüchtigen Empfehlungen nachzurennen, könnte die Kraft kosten, die nur durch Ruhe zu gewinnen ist.

Die Strukturverschiebungen im Handel sind offenkundig. Und wir alle werden überrascht sein, welch unerwartet neue Chancen sich in dieser Umbruchphase auftun werden. Nutzen werden sie diejenigen, die sich nicht an falscher Stelle haben aus der Reserve locken lassen. Was passiert etwa, wenn die Differenzierungsmöglichkeiten im Internet erlahmen, wenn eine perfekter Shop und ein perfekter Service längst Standard bei Online-Anbietern sind? Was passiert, wenn nur noch der Preis zählt? Wenn ein Großteil der aufstrebenden Online-Adressen aus dem Markt ausgeschieden ist? Wenn „Platzhirsche“ das Geschäft dominieren? Dann beginnt der Handel der nächsten Generation. Warten wir´s aktiv ab. Gutes Personal, Kapital und die Grundtugenden eines guten Händlers sollten sich dann auszahlen.

Drehschwindel

0286KleinNasskalter Schnee legt sich auf das welke Laub des verblichenen Sommers. Das kurze spätherbstliche Aufleuchten warmer, tiefer Farben ist vorbei. Fahles Licht vermag nicht mehr, als die langen Nächte ein wenig aufzuhellen. Das Leben hat sich zurückgezogen, es hält inne, zieht Bilanz. Und im Verborgenen, in jeder Krume des Bodens, richtet es sich auf das Warten ein, das besinnungsvolle Warten auf die Chance, neu zu erblühen. Unbelastet vom Ballast des Jahres, den es abgeworfen hat und der nun in den Furchen und Rändern verrottet.

Und wir? Wir machen weiter wie bisher. Nein. Der Winter schreckt uns nicht, ihn haben wir längst im Griff.  Wir heizen aus unserer Erde Öl, verfeuern unsere Schätze und haben es warm. Nein, die Jahreszeit, die macht uns keine Sorgen.

Und ansonsten, was könnte denn sonst noch problematisch sein? Naja, die Politik ist schlecht und ungerecht und es wird alles nicht besser. Aber sonst? Sonst nichts!? Wir machen weiter wie bisher. Tagtäglich, tagtäglich ertragen wir den Stress, nähren uns hastig, verflüchtigen unser Leben im Rhythmus unserer schnellen Welt. Besinnungslos sitzen wir im Riesenrad der Zeit, an dem ganz andere drehen. Aussteigen erscheint zwecklos, die Landung hart. Und doch wäre es uns bisweilen wohler, diese Fahrkarte nicht gelöst zu haben, nicht in diesem Karussell zu sitzen, das täglich neue Opfer aus der Bahn wirft, abgelöst von der Zentripetalkraft der Rotation, hinausgeworfen auf den Boden, der allein uns sicher ist und dem wir doch so gerne entkommen wollten.

Drehschwindelig taumeln wir durch eine bunte Welt, in der nur der Sommer zählt. Glanz und Glamour, Farbe und Spiel rauben uns die Sinne, mit Krediten und Betrug entfacht zu grellem Schein. Von Herbst ist keine Spur und nicht von Winter. Basta. Es gibt sie nicht und nicht die Chance, neu zu erblühen. Wir rasen ohne zu rasten. Und drehen uns mächtig im Kreise. Unter uns der Boden, dieser verdammt verlässliche Freund.

Die Neue

OLYMPUS DIGITAL CAMERADa sitzen sie. Was sage ich, sitzen? Sie fläzen sich. Mehr liegend oder gar nicht in der Reihe. Kaugummi kauend. Verunstaltet durch Piercings, Kappen und Make-up aus dem Baumarkt. Das kann ja heiter werden. Die erste Stunde entscheidet. Sie zeigt denen erst mal, wo´s lang geht.

Der Erfolg ist mäßig, die Reaktion müde. Es steht unentschieden. Aus dem dumpfen Scharren, Schaben, Murmeln und Schwatzen wabern Gesprächsfetzen, vulgär, provokant, lauernd auf die Reaktion der Neuen, doch sicher versteckt unter der fremden Vielzahl verschlossener Gesichter.

Kein Zugang heute. Vielleicht später. Vielleicht öffnet sich in ein paar Tagen die eine oder andere Tür, gibt einen kleinen Spalt frei, gewährt Einblick in eine ihr nicht mehr vertraute Welt, in die jungen Erfahrungen und Empfindungen und Träume der ihr auf Zeit zur Lehre anvertrauten Wesen. Warten auf morgen.

Access denied

Eilige Schritte, flüchtige Gestalten schweben vorbei. Eingehüllte Paare, Verliebte, Verkrachte, Gedankenlose und Versunkene, Lauernde und Suchende. Arme und Reiche, strömen unablässig über das Trottoir. Gauner darunter. Wie viele? Ich weiß es nicht.

Zwischen uns die Scheibe. Ich drinnen, die draußen. Ich warte. Irgendwann tritt eine Gestalt ein. Wann? Irgendwann, früher oder später. Stumm suchend, bescheiden höflich, mitunter auch laut fordernd. Sie legt ihre Maske nicht ab, bleibt mir ein Rätsel. Wenige geben sich ein Gesicht, schenken mir ein Puzzlestück ihrer Persönlichkeit. Selten werden Ware und Kunde eins.

Ich warte wieder. Im Nacken meine Bankschulden, vor mir die nächste Ladenmiete und haufenweise schwer verkäufliche Ware. Ich möchte schreien. Diese gesichtslose Masse möge mir endlich erklären, was sie will. Warum all meine Anstrengungen nicht fruchten. Warum das alles vergebens sein soll. All die Aufwendungen, die langen Arbeitstage, sechs Tage im Geschäft und einer zuhause, der Verzicht auf den letzten Rest einer so genannten Freizeit. Meine Phantasie, meine Freundlichkeit, meine Beflissenheit im Kampf um König Kunde.

König Kunde will gar nicht mehr bedient werden. Er ist nicht einmal mehr Kunde. Hat kein Geld mehr, hat´s ausgegeben, verplant oder nie gehabt. Sein Reich wird geschlossen.

Gestern

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMein neuer Laden war voller Menschen. Blumen, Flaschen, nette Worte schmückten die Eröffnung. Bekannte und Unbekannte waren voll des Lobes. Schöne Wünsche. Eine Ansprache des Bürgermeisters. Mit geschmeidigen Worten und geliehenen Zitaten. Nach erprobtem Muster. Ein Bild voller Zuversicht, eine Unterschriftszeile für den Wochenendkurier, der uns all sonntäglich ins Haus flattert.

Tag zwei: Die Spuren der Feier sind beseitigt, mein mit Liebe ausgewähltes Sortiment  zeigt sich in bestem Licht, bereit, entdeckt zu werden. Bereit, gegen Cash oder Bares auszufliegen und Platz zu machen für neue verlockende Ware.  Es ist wechselhaft draußen, für die Jahreszeit zu kühl. Mir scheint, als ob sich heute kaum jemand aus dem Haus traut.  Ist ja auch klar. Dann geht es eben morgen richtig los.

Keine 500 Meter weiter: Ein Räumungsverkauf. Kein Wunder, dass die Kunden bei mir rar bleiben. Aber das geht vorüber. Man braucht als Händler viel Durchhaltevermögen. Also: Keine Panik. Das lässt sich alles erklären. Außerdem: Ein Wettbewerber weniger. Das lässt hoffen.

Ein bisschen Stöbern im Netz. Noch ist es ruhig. Ich bleibe auf der Internetplattform AMAZON stecken: Waren meines Sortiments, winken dort zum Spottpreis. Unbegreiflich. Ich schließe rasch die Seite. Vielleicht merkt´s ja keiner.  Wir sind ja hier nicht bei AMAZON.

Vereinzelt kommen Passanten in meinen Laden, prüfend, wartend auf „den Kick“. Stumm und mit kurzem Gruß. Was bleibt, sind Spuren des Gebrauchs. Mein Sortiment verliert an Glanz, mit jedem Tag. „Sie müssen mehr werben“, ja, ich folge diesem Rat. Erschreckend teuer ist die  Anzeige in der nächsten Wochenendausgabe.  Aber:  „Wer nicht investiert, hat schon verloren.“ Auch diese klugen Worte habe ich vor Augen. Und: Mein Kontokorrentkonto gibt mir die Freiheit, auch einmal zu „powern“. Die „Wirkung ist gleich Null“.  Niemand verirrt sich wegen der Anzeige in mein Geschäft.

Der erste Monat ist nicht so gelaufen wie erhofft. Aber das will nichts heißen. Startschwierigkeiten von Existenzgründern sind bekannt. Man macht ja noch viele Fehler, wenn man neu ist im Geschäft. Lieferantenrechnungen und die Miete reißen ein tiefes Loch in mein Konto. Kein guter Start für den neuen Monat mit den vielen Feiertagen, in dem die Kunden zwischen zu viel Arbeit und Kurzreisen hin- und her gerissen werden.

Der zweite Monat war ein Totalausfall. Die Pleite folgte. Mein Geschäft war von gestern. Heute.

Fingerfood

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch muss noch fahren, bitte keinen Sekt. Gelber Orangensaft zieht Schlieren aufs Glas. Zwischen Zeigefinger und Daumen meiner Rechten klemmt ein pappig grauer, winzig kleiner Happen mit lustigem Obendrauf. Radieschen mit Gürkchen und Grün auf einem Hauch Schinkenbeilage. Zu haben sind auch fröhliche Ausführungen in Lachs und Käse. Alles mit kleinen Spießchen aus Holz. Haltung wahren, small talken und „genießen“. Fingerfood.

Was redet der Schwätzer da? Ach so, …. war in der Toskana. Billigflieger und so. „Ja, ja, die sind unglaublich günstig geworden.“… „Bin mal gespannt, wie lange das noch gut geht.“ Dieser widerliche Kerl hat doch schon wieder Urlaub gemacht. Und ist im Betrieb stinkefaul. Wann die den wohl endlich rauswerfen. „Ja, das muss man mitnehmen. Sie wären ja dumm, das nicht zu tun.“… „Wie geht’s denn eigentlich Ihrer Tochter, wollte die nicht auch ein Jahr ins Ausland?“… „Ist schon zurück?“…„Ja, das ist nachvollziehbar, wenn es ihr da so schlecht ergangen ist.“… „Sie haben den Veranstalter verklagt?“… „Ach so, mit einer Rechtsschutzversicherung.“… „Ja, dann man viel Erfolg. …“ Was steht der eigentlich noch da herum? Dieser falsche Fuffziger. Warum muss der sich unbedingt an mich hängen?

Drüben ist’s viel lustiger. Ein kreatives Clübchen junger und gesetzter Lebenskünstler ist gut drauf. Krasser Kontrast zu dem Knaben. Da möchte ich mittendrin sein.  „Bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“

„Ach Sie, Herr Dr. Nochsonfall, schön Sie hier zu sehen.“… „Sie hätt’ ich hier gar nicht erwartet. Sind Sie schon länger hier?“… „So, … nein, ich habe Sie nicht bemerkt, obwohl ich offensichtlich ganz in Ihrer Nähe saß.“ Der tingelt hier auch wohl so rum, weil er keinen Anschluss findet. „Ich war gerade auf dem Weg…., wollte gerade gehen. Sie verstehen, meine Familie hat mich in dieser Woche noch gar nicht gesehen.“ „Ja, dann, einen schönen Abend noch.“

Im Ausgang blicke ich mich sehnsüchtig um. Das kreative Clübchen amüsiert sich prächtig. Über mich?

Viel zu lieb

Gute Botschaften schmeicheln der Seele, öffnen das Herz für Wohlwollen, versetzen uns in Spendierlaune. Automatisch. Ohne Frage. Eine phantastische Reaktion des Kleinhirns, so herrlich unvernünftig. Und so gewinnbringend für den, der sie zu nutzen weiß. Stille Attacke auf den sonst so wachen Verstand. Ein Opfer ohne Leiden.

Wiederholung gefällig? Aber gerne. Schon wieder Erfreuliches. Ein erfolgreicher Mensch, dieser Überbringer. Und wenn sich jemals Zweifel an geschenkter Großzügigkeit eingeschlichen haben sollten, jetzt haben wir den Beweis: Es hatte schon seine Richtigkeit. Schließlich zählt der Erfolg. Nun, Verstand, genug geleistet, ruh´ dich wieder aus, hier steht alles zum Besten.

Beachtlich, diese Steigerung: 50 Prozent. Steigerung ist positiv. Und positiv ist gut. Ist eine gute Botschaft wert. Adrenalin fürs Gemüt und der Schlüssel zum Tresor. Verstand, du bist nicht gefragt. Wir lassen uns die Stimmung nicht vermiesen, dieses Glücksgefühl, das uns so traumhaft schön verbindet. Es ist uns viel zu lieb und teuer.

Ein Lächeln

SAMSUNG OMNIA7_000845Und …….Cheeeeeese ……Gesichter erstarren zur Maske. Routinierte Lachmuskeln heben Oberlippen über kunstfertige Zahnfassaden und offenbaren deren künstliches Weiß den Fotolinsen. Eingefrorenes Lächeln mit betrügerischer Botschaft. Ein Bild für die Presse. Adressat: Lieschen Müller. Kein Grund zur Sorge. Es steht alles zum Besten. Der rechte Mann am rechten Fleck. So muss es sein.

Zweifel müssen schweigen. Deshalb grinsen die öffentlich ausgestellten Figuren. Honorig sehen sie aus, galant und charmant, geradezu nett, beladen mit bereits erwiesenen Ehren und gezahlten Geldern, mit Aufmerksamkeit und Andacht. Erhaben sind sie, über jeden Verdacht und über das gemeine Volk, dessen kleinbürgerliche Welt sie erschaudern lässt.

Sie denken großzügiger, in größeren Beträgen, toleranter im Umgang mit den kleinlichen Vorschriften, an deren Geburt sie schließlich selbst beteiligt waren. Was soll der Geiz, die buchhalterische Akribie? Steuerfreie Kostenpauschalen räumen auf. Den großen Mann zeichnet Großzügigkeit aus. Und er lässt sich einladen und aushalten. Er ist es sich wert. Und ist er nicht ein feiner Mensch? Dieses Lächeln …. !

Ich übernehme die Verantwortung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAJa, schlimmer hätte es nicht ausgehen können. Die Kiste ist aufgeflogen. Keine Frage, dumm gelaufen. Leugnen hat auch nicht geklappt. Also durch. Haltung wahren, Verantwortung übernehmen und Bauern opfern. Möglichst öffentlich und möglichst empört ob derart unverantwortlicher Kompetenzüberschreitung, die einfach nicht geduldet werden darf. Eine breite Welle öffentlicher Anteilnahme trägt mich hinauf zu höheren Weihen.

 

Honoris causa

SAMSUNG OMNIA7_001087Eigentlich war er kein besonders guter Schüler. Damals im Städtischen Gymnasium. Eigentlich war er auch kein guter Student und auch nur ein mäßig begabter Ingenieur. Doch er mauserte sich mit der Zeit. Bei der Bundeswehr verpflichtete er sich für ein paar Jahre. Er wurde Offizier. Dafür reichte seine Begabung. Er befahl, die Mannschaft gehorchte. Sein Beruf erfüllte ihn mit großem Stolz. Er war eine Führungskraft. Bis seine Zeit herum war. Neue Herausforderungen warteten auf ihn.

Die zivile Welt wollte erobert sein. Dafür bedurfte es einer guten Strategie, das war ihm klar, das hatte er gelernt. Er trat in die Ortspartei ein, präsentierte sich als gewiefter Stratege, dessen geschultem Geist nicht der kleinste Patzer entging. Er war ein gefürchteter Mann. Ihm stellte sich niemand in den Weg, als er sich anschickte, die Ortspartei zu übernehmen. So etwas geht nicht ohne Freunde. Das wusste er. Und so versprach er ihnen eine gehörige öffentliche Vergütung, sobald er über die Kasse verfügen würde. Und er bekam die Kasse, hatte sich im Wahlkampf gut verkauft. Und seine Freunde gerieten in Ämter und geliehene Würden und dienten im treu und manchmal auch redlich. Es funktionierte. Keiner widersprach, nur die Opposition meldete sich ab und zu ein bisschen kleinlaut zu Wort.

Als sein Ort pleite war, wurde ihm das Amt zu provinziell. Er war zu Höherem berufen, zur höheren Instanz. Der Amtsinhaber sei unfähig, sagte er. Dieser habe bei der Aufsicht über den Ort versagt und trage die Verantwortung für die Pleite. Der Amtsinhaber nahm resigniert den Hut. Soviel Unverfrorenheit hatte er nichts entgegen zu setzen.

Und der nur mäßig begabte Ingenieur bekam die Stelle und verbot den Orten seines Machtbereichs all die vielen Sünden, die ihm den Weg auf so wunderbare Weise bereitet hatten.  Doch das wusste schon keiner mehr. Die Presse lobte ihn und druckte sein Bild, wann immer er zu Konferenzen lud. Das blieb bei höchster Stelle nicht unbemerkt. So erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, verziert und vergoldet. Er war ganz oben. Einflussreiche hörten auf ihn. Davon profitierte auch die Universität. Sie wäre sonst geschlossen worden, denn sie war unwirtschaftlich. In Anerkennung seiner Leistungen verlieh sie ihm die Doktorwürde. Honoris causa.

Faust in der Tasche

Es war einmal ein einfacher Mann. Der lebte in einer sehr einfachen Welt. Rechts war rechts, links links. Oben war auch noch dort, wo es hingehört und unten hatte er den Boden unter seinen Füßen.

Der einfache Mann verrichtete einfache Arbeiten, treu und fleißig, bis er die Kündigung bekam. „Wir…. bedauern diesen unausweichlichen Schritt sehr…“ sagte sein Chef. „Die Globalisierung, Sie verstehen…., und so.“ Er übergoss den einfachen Mann mit geheucheltem Dank und süßem Lob und drückte ihm zum Abschied die Hand.

Schlagen war verboten. Das wusste der einfache Mann. Fluchen war es auch. Denken nicht.

Seine Faust trägt er noch immer in der Tasche.  

Zaungast

Reine Seide. Umgarnter Jetset. Paradiesisch bunter Reichtum, herrlicher Marmor. Lichte Seiten schöner Existenz. Uneinholbare Verschwendung. Realitätsferner Überfluss, verlockend und verführend in die Welt der Ahnungslosigkeit.

Ahnungslos wovon? Von der Härte des vergossenen Betons, dem Schweiß des Minenarbeiters, der Staublunge des Bergmanns, dem Tod des Sklaven, der nichts anderes wollte, als seiner Familie ein karges Überleben zu sichern.

Ab und zu fliegt der Jetset aus. Reichtum ist langweilig geworden. Abenteuerreisen in die Realität: Rafting, Climbing, der Flug ins All. Harte Landung und Bestätigung zugleich.

Weiter so. Zuhause in zwei Welten. Nein. Nur in einer. Die andere bleibt ihm verschlossen. Unserem Zaungast.

Unglaublich

Nur ein bisschen. Das machen doch alle. Weltfremd, wer anderes denkt. Und anders handelt. Ein bisschen korrigieren. Ja. Das muss erlaubt sein. Das ist sogar geboten. Ja klar, geboten. Auch ohne Anordnung. Wie sollte sonst… Schließlich geht es um den Betrieb. Um Arbeitsplätze. Um Verantwortung. Tun, was getan werden muss.

Ja, das erzeugt schon ein bisschen Schwindel. Nicht bei mir. Ich stehe drüber. Ja. Diese Kleingeister…Und außerdem kommt´s ja auch gar nicht raus. Und wenn… doch, ja, dann greift Plan B. Ja, sicher. Plan B. Hab ich doch gleich gesehen, ja, sogar eingeplant. Das ist  Führungsqualität. Ja. Das ist Management.

Plan B fordert Opfer. Selbstverständlich. Dazu stehe ich. So ist das nun mal. Was heißt hier Opfer? Was sage ich da? Ach Unsinn. Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder Buchhalter so ohne weiteres Bilanzen fälschen könnte? Auch wenn er dreist behauptet, im Sinne der Firma getan hat? So etwas kann man einfach nicht dulden. Dass ich nicht lache – wer hat denn den Schaden?

Ich weiß nicht, wie jemand wie er auf die Idee kommen könnte, dass so etwas nicht auffliegt. Armer Tropf. Weiß der denn überhaupt nicht, was er seiner Familie damit antut?

Es ist unglaublich.

Escadada

Erste Adresse. Frankfurt, Madrid, Rom, New York und sonstnochwo. Boulevard des Überflusses. Hier entlädt sich die Kunstfertigkeit der besten  Manufakturen. Hier wartet sie auf ihre Belohnung. Streng gefasstes Glas teilt dem Betrachter kleine Einblicke zu. Große Namen treiben die Wertschätzung der Auslagen, öffnen das Herz. Der Preis? Spielt keine Rolle. Wird ganz klein geschrieben. Nicht der Rede wert. Unter uns. Das kleine Schildchen steht da nur wegen des Preisangabengesetzes. Ja, sehen Sie nur genauer hin… Und staunen Sie… Ja, so ist´s recht. Dem Mann von der Straße verschlägt´s die Sprache. Das ist eben der kleine Unterschied. Nicht dass ich etwas gegen diese Leute hätte. Aber…

Wir gehen hinein. Der Doorman nickt ergeben. Das Personal erledigt geflissentlich unsere Wünsche, auch die besonderen. Lieferung nach Hause? Gut gemeint. Nein, wir nehmen die Ware direkt mit, das gehört zum Shoppen dazu. Wir treten nach draußen. Ein gutes Gefühl. In der Tasche unsere reiche Beute. Und die Gewissheit, dass der kleine Mann noch nicht einmal ahnt, wie viel Geld in einem solchen Fummel steckt. Der kleine Unterschied eben. Escadada.

Auf und davon

OLYMPUS DIGITAL CAMERASie ist ein Segen, die Globalisierung. International handeln. Für alle Welt offen sein. Die Menschen miteinander verbinden. Grenzen überwinden, über Länder und Kontinente. Entwicklungsländern eine Chance geben. Liegt es nicht in unserer Verantwortung, den Ärmsten der Armen zu helfen, sie teilhaben zu lassen an den Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft? Die medizinische Versorgung zu sichern, Zugang zu sauberem Trinkwasser und ausreichender Nahrung zu schaffen?

Ja, die Globalisierung dient nicht an erster Stelle uns. Profiteure sind allen voran die Armen, die dem Dunkel ihrer Aussichtslosigkeit entrinnen. Bildung wird sie frei machen von der Knechtschaft ihrer Diktaturen. Wenn sie erst einmal Arbeit haben. Zum Beispiel in einer unserer modernen Fertigungsstätten. Natürlich arbeiten sie zunächst zu Löhnen, die deutsche Gewerkschaftler auf die Barrikaden treiben würden. Und doch gewährt der Lohn dem einzelnen nie gekannten Reichtum, gemessen an den Verhältnissen vor Ort. Sie können eine Familie ernähren, ihre Kinder zur Schule schicken. Und irgendwann einmal haben sie das Geld für bescheidenen Wohlstand. Sie können Autos kaufen, Häuser bauen und sich vielleicht ab und zu etwas Überflüssiges leisten, ein bisschen Luxus eben. Sie werden es uns danken.

Liebe europäischen Arbeiter: Wir stehen in einem harten globalen Wettbewerb. Bezahlbare Löhne sind kein „Wünsch-dir-was-Spiel“. Vor den Toren der Gemeinschaft wartet ein großes Heer hungriger Menschen, die alles dafür geben würden, die Jobs machen zu dürfen, zu denen sich unsere feine Gesellschaft zu schade ist, die dankbar sind für den kargen Lohn, der weit unter eurem liegt, die bereitwillig rund um die Uhr arbeiten, für ein Stückchen Freiheit. Ihr aber verteidigt eure Privilegien, eure Freizeit, die euch über alles geht, die mehr zählt als die Sicherheit eures Arbeitsplatzes. Schämen solltet ihr euch angesichts der Not, die Menschen in den armen Ländern täglich erleben. Schämen. Seid dankbar dafür, dass Ihr Arbeit habt. Das ist nicht selbstverständlich. Stattdessen fühlt ihr euch ungerecht behandelt.

Ungerecht. Was ist schon gerecht? Es ist doch nichts anderes, als eine Neiddiskussion, die ihr führt. Ihr könnt es nicht vertragen, wenn jemand durch seine Leistung mehr verdient als ihr. Sozialer wollt ihr die Gesellschaft. Sozialismus! Habt ihr nicht gesehen, wohin der führt? Dann haben alle nichts. Das leuchtet doch jedem ein, kommt aber in den Schulen viel zu kurz. Da müsste dringend mal was dran gemacht werden. Total verfehlte Bildungspolitik. Macht ruhig so weiter, dann findet hier morgen nicht mehr viel statt. Der Wettbewerb ist hart. Die anderen schlafen nicht.

Ohne die Globalisierung wären wir heute noch auf einem ganz anderen Stand. Freie Märkte, freie Arbeitsmärkte, Schwellenländer wie China haben aufgeschlossen und viele Volkswirtschaften überholt. Auch wir sind reicher geworden. Die Entwicklung schreitet rascher voran denn je. Was gestern noch undenkbar erschien, ist morgen schon in der Praxis zu kaufen. In der Bekämpfung bisher unheilbarer Krankheiten sind wir dank globaler Zusammenarbeit große Schritte voran gekommen. Das sollten alle diejenigen beherzigen, die heute die Globalisierung kritisieren und versuchen, das Rad zurückzudrehen. Eine Umkehr gibt es nicht. Sie wäre auch fatal.

Und schließlich: Lasst das Kapital in Ruhe. Es arbeitet rund um die Uhr und rund um den Globus. Es arbeitet schnell und mit hoher Rendite. Es kennt keinen Urlaub und keine Krankheitstage. Und schweigt diskret. Es ist stets zur Stelle, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Es meidet die Faulen und belohnt die Genügsamen. Es sucht die Freiheit und fühlt sich dort am wohlsten, wo es sein Werk in aller Freiheit verrichten kann. Kapital ist der Ausdruck von Leistung. Es mobilisiert die Menschen, nutzt ihren Fleiß und ihren ergebenen Einsatz und bezahlt sie reichlich mit schönen Dingen wie Glasperlen. Und so schafft Leistung klare Verhältnisse. So trägt das Kapital reiche Früchte. Seht nur die Politik, wie sie ihm hinterher schaut wenn es längst über alle Grenzen ist, um anderswo sein zerstörerisches Werk fortzusetzen. Auf und davon.  

Gepiercte Geschöpfe

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine schwarz- bunte Mischung gepiercter Geschöpfe hockt am Diensthäuschen des städtischen Linienbusunternehmens. Paradiesvögel ohne Paradies. Gleich ganz anders und irgendwie doch gleich. Aufenthalt am Rande des Trottoirs und im Schmutz unserer sauberen Gesellschaft. Ihre rot und grell gefärbten Hahnenkämme, ihre genagelten Accessoires, ihre angezogenen Fetzten und ihre lila-schwarz bemalten Augenhöhlen signalisieren Abstand. Von uns, die höchst aufmerksam passieren. Fremd sind sie uns. Ihre Sprache, ihr Aussehen, ihre Ausstrahlung kennen wir nicht. Sie widersetzen sich unserem Ordnungssinn mit den vielen Schubladen, in die wir Menschen einzuordnen pflegen. Ganz weit weg sind sie. Unsere Phantasie versucht, ihre Wege zurück zu verfolgen. In dunkle Höhlen, in Gruften mit Kerzenschein oder schlicht in verwahrloste Behausungen. Doch selbst da sind wir nicht sicher. Ist es gar Mode? Nichts weiter als eine Modeerscheinung mit einem Hauch Stoff und Alkohol? Vielleicht ein bisschen „Jugend von heute“, nur viel schlimmer, so wie es mit jeder Generation aus unvordenklicher Zeit immer schlimmer geworden ist? Es ist eine eigene Gesellschaft in ihrer eigenen Zeit, mit Gewinnern und Verlierern, reserviert gegenüber der Welt, die wir ihnen bereitet haben, vielleicht auch ohne die Chance, die wir ihnen hätten geben müssen.