Auf und davon

OLYMPUS DIGITAL CAMERASie ist ein Segen, die Globalisierung. International handeln. Für alle Welt offen sein. Die Menschen miteinander verbinden. Grenzen überwinden, über Länder und Kontinente. Entwicklungsländern eine Chance geben. Liegt es nicht in unserer Verantwortung, den Ärmsten der Armen zu helfen, sie teilhaben zu lassen an den Errungenschaften unserer modernen Gesellschaft? Die medizinische Versorgung zu sichern, Zugang zu sauberem Trinkwasser und ausreichender Nahrung zu schaffen?

Ja, die Globalisierung dient nicht an erster Stelle uns. Profiteure sind allen voran die Armen, die dem Dunkel ihrer Aussichtslosigkeit entrinnen. Bildung wird sie frei machen von der Knechtschaft ihrer Diktaturen. Wenn sie erst einmal Arbeit haben. Zum Beispiel in einer unserer modernen Fertigungsstätten. Natürlich arbeiten sie zunächst zu Löhnen, die deutsche Gewerkschaftler auf die Barrikaden treiben würden. Und doch gewährt der Lohn dem einzelnen nie gekannten Reichtum, gemessen an den Verhältnissen vor Ort. Sie können eine Familie ernähren, ihre Kinder zur Schule schicken. Und irgendwann einmal haben sie das Geld für bescheidenen Wohlstand. Sie können Autos kaufen, Häuser bauen und sich vielleicht ab und zu etwas Überflüssiges leisten, ein bisschen Luxus eben. Sie werden es uns danken.

Liebe europäischen Arbeiter: Wir stehen in einem harten globalen Wettbewerb. Bezahlbare Löhne sind kein „Wünsch-dir-was-Spiel“. Vor den Toren der Gemeinschaft wartet ein großes Heer hungriger Menschen, die alles dafür geben würden, die Jobs machen zu dürfen, zu denen sich unsere feine Gesellschaft zu schade ist, die dankbar sind für den kargen Lohn, der weit unter eurem liegt, die bereitwillig rund um die Uhr arbeiten, für ein Stückchen Freiheit. Ihr aber verteidigt eure Privilegien, eure Freizeit, die euch über alles geht, die mehr zählt als die Sicherheit eures Arbeitsplatzes. Schämen solltet ihr euch angesichts der Not, die Menschen in den armen Ländern täglich erleben. Schämen. Seid dankbar dafür, dass Ihr Arbeit habt. Das ist nicht selbstverständlich. Stattdessen fühlt ihr euch ungerecht behandelt.

Ungerecht. Was ist schon gerecht? Es ist doch nichts anderes, als eine Neiddiskussion, die ihr führt. Ihr könnt es nicht vertragen, wenn jemand durch seine Leistung mehr verdient als ihr. Sozialer wollt ihr die Gesellschaft. Sozialismus! Habt ihr nicht gesehen, wohin der führt? Dann haben alle nichts. Das leuchtet doch jedem ein, kommt aber in den Schulen viel zu kurz. Da müsste dringend mal was dran gemacht werden. Total verfehlte Bildungspolitik. Macht ruhig so weiter, dann findet hier morgen nicht mehr viel statt. Der Wettbewerb ist hart. Die anderen schlafen nicht.

Ohne die Globalisierung wären wir heute noch auf einem ganz anderen Stand. Freie Märkte, freie Arbeitsmärkte, Schwellenländer wie China haben aufgeschlossen und viele Volkswirtschaften überholt. Auch wir sind reicher geworden. Die Entwicklung schreitet rascher voran denn je. Was gestern noch undenkbar erschien, ist morgen schon in der Praxis zu kaufen. In der Bekämpfung bisher unheilbarer Krankheiten sind wir dank globaler Zusammenarbeit große Schritte voran gekommen. Das sollten alle diejenigen beherzigen, die heute die Globalisierung kritisieren und versuchen, das Rad zurückzudrehen. Eine Umkehr gibt es nicht. Sie wäre auch fatal.

Und schließlich: Lasst das Kapital in Ruhe. Es arbeitet rund um die Uhr und rund um den Globus. Es arbeitet schnell und mit hoher Rendite. Es kennt keinen Urlaub und keine Krankheitstage. Und schweigt diskret. Es ist stets zur Stelle, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Es meidet die Faulen und belohnt die Genügsamen. Es sucht die Freiheit und fühlt sich dort am wohlsten, wo es sein Werk in aller Freiheit verrichten kann. Kapital ist der Ausdruck von Leistung. Es mobilisiert die Menschen, nutzt ihren Fleiß und ihren ergebenen Einsatz und bezahlt sie reichlich mit schönen Dingen wie Glasperlen. Und so schafft Leistung klare Verhältnisse. So trägt das Kapital reiche Früchte. Seht nur die Politik, wie sie ihm hinterher schaut wenn es längst über alle Grenzen ist, um anderswo sein zerstörerisches Werk fortzusetzen. Auf und davon.  

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