Drehschwindel

0286KleinNasskalter Schnee legt sich auf das welke Laub des verblichenen Sommers. Das kurze spätherbstliche Aufleuchten warmer, tiefer Farben ist vorbei. Fahles Licht vermag nicht mehr, als die langen Nächte ein wenig aufzuhellen. Das Leben hat sich zurückgezogen, es hält inne, zieht Bilanz. Und im Verborgenen, in jeder Krume des Bodens, richtet es sich auf das Warten ein, das besinnungsvolle Warten auf die Chance, neu zu erblühen. Unbelastet vom Ballast des Jahres, den es abgeworfen hat und der nun in den Furchen und Rändern verrottet.

Und wir? Wir machen weiter wie bisher. Nein. Der Winter schreckt uns nicht, ihn haben wir längst im Griff.  Wir heizen aus unserer Erde Öl, verfeuern unsere Schätze und haben es warm. Nein, die Jahreszeit, die macht uns keine Sorgen.

Und ansonsten, was könnte denn sonst noch problematisch sein? Naja, die Politik ist schlecht und ungerecht und es wird alles nicht besser. Aber sonst? Sonst nichts!? Wir machen weiter wie bisher. Tagtäglich, tagtäglich ertragen wir den Stress, nähren uns hastig, verflüchtigen unser Leben im Rhythmus unserer schnellen Welt. Besinnungslos sitzen wir im Riesenrad der Zeit, an dem ganz andere drehen. Aussteigen erscheint zwecklos, die Landung hart. Und doch wäre es uns bisweilen wohler, diese Fahrkarte nicht gelöst zu haben, nicht in diesem Karussell zu sitzen, das täglich neue Opfer aus der Bahn wirft, abgelöst von der Zentripetalkraft der Rotation, hinausgeworfen auf den Boden, der allein uns sicher ist und dem wir doch so gerne entkommen wollten.

Drehschwindelig taumeln wir durch eine bunte Welt, in der nur der Sommer zählt. Glanz und Glamour, Farbe und Spiel rauben uns die Sinne, mit Krediten und Betrug entfacht zu grellem Schein. Von Herbst ist keine Spur und nicht von Winter. Basta. Es gibt sie nicht und nicht die Chance, neu zu erblühen. Wir rasen ohne zu rasten. Und drehen uns mächtig im Kreise. Unter uns der Boden, dieser verdammt verlässliche Freund.

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