Gestern

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMein neuer Laden war voller Menschen. Blumen, Flaschen, nette Worte schmückten die Eröffnung. Bekannte und Unbekannte waren voll des Lobes. Schöne Wünsche. Eine Ansprache des Bürgermeisters. Mit geschmeidigen Worten und geliehenen Zitaten. Nach erprobtem Muster. Ein Bild voller Zuversicht, eine Unterschriftszeile für den Wochenendkurier, der uns all sonntäglich ins Haus flattert.

Tag zwei: Die Spuren der Feier sind beseitigt, mein mit Liebe ausgewähltes Sortiment  zeigt sich in bestem Licht, bereit, entdeckt zu werden. Bereit, gegen Cash oder Bares auszufliegen und Platz zu machen für neue verlockende Ware.  Es ist wechselhaft draußen, für die Jahreszeit zu kühl. Mir scheint, als ob sich heute kaum jemand aus dem Haus traut.  Ist ja auch klar. Dann geht es eben morgen richtig los.

Keine 500 Meter weiter: Ein Räumungsverkauf. Kein Wunder, dass die Kunden bei mir rar bleiben. Aber das geht vorüber. Man braucht als Händler viel Durchhaltevermögen. Also: Keine Panik. Das lässt sich alles erklären. Außerdem: Ein Wettbewerber weniger. Das lässt hoffen.

Ein bisschen Stöbern im Netz. Noch ist es ruhig. Ich bleibe auf der Internetplattform AMAZON stecken: Waren meines Sortiments, winken dort zum Spottpreis. Unbegreiflich. Ich schließe rasch die Seite. Vielleicht merkt´s ja keiner.  Wir sind ja hier nicht bei AMAZON.

Vereinzelt kommen Passanten in meinen Laden, prüfend, wartend auf „den Kick“. Stumm und mit kurzem Gruß. Was bleibt, sind Spuren des Gebrauchs. Mein Sortiment verliert an Glanz, mit jedem Tag. „Sie müssen mehr werben“, ja, ich folge diesem Rat. Erschreckend teuer ist die  Anzeige in der nächsten Wochenendausgabe.  Aber:  „Wer nicht investiert, hat schon verloren.“ Auch diese klugen Worte habe ich vor Augen. Und: Mein Kontokorrentkonto gibt mir die Freiheit, auch einmal zu „powern“. Die „Wirkung ist gleich Null“.  Niemand verirrt sich wegen der Anzeige in mein Geschäft.

Der erste Monat ist nicht so gelaufen wie erhofft. Aber das will nichts heißen. Startschwierigkeiten von Existenzgründern sind bekannt. Man macht ja noch viele Fehler, wenn man neu ist im Geschäft. Lieferantenrechnungen und die Miete reißen ein tiefes Loch in mein Konto. Kein guter Start für den neuen Monat mit den vielen Feiertagen, in dem die Kunden zwischen zu viel Arbeit und Kurzreisen hin- und her gerissen werden.

Der zweite Monat war ein Totalausfall. Die Pleite folgte. Mein Geschäft war von gestern. Heute.

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