Honoris causa

SAMSUNG OMNIA7_001087Eigentlich war er kein besonders guter Schüler. Damals im Städtischen Gymnasium. Eigentlich war er auch kein guter Student und auch nur ein mäßig begabter Ingenieur. Doch er mauserte sich mit der Zeit. Bei der Bundeswehr verpflichtete er sich für ein paar Jahre. Er wurde Offizier. Dafür reichte seine Begabung. Er befahl, die Mannschaft gehorchte. Sein Beruf erfüllte ihn mit großem Stolz. Er war eine Führungskraft. Bis seine Zeit herum war. Neue Herausforderungen warteten auf ihn.

Die zivile Welt wollte erobert sein. Dafür bedurfte es einer guten Strategie, das war ihm klar, das hatte er gelernt. Er trat in die Ortspartei ein, präsentierte sich als gewiefter Stratege, dessen geschultem Geist nicht der kleinste Patzer entging. Er war ein gefürchteter Mann. Ihm stellte sich niemand in den Weg, als er sich anschickte, die Ortspartei zu übernehmen. So etwas geht nicht ohne Freunde. Das wusste er. Und so versprach er ihnen eine gehörige öffentliche Vergütung, sobald er über die Kasse verfügen würde. Und er bekam die Kasse, hatte sich im Wahlkampf gut verkauft. Und seine Freunde gerieten in Ämter und geliehene Würden und dienten im treu und manchmal auch redlich. Es funktionierte. Keiner widersprach, nur die Opposition meldete sich ab und zu ein bisschen kleinlaut zu Wort.

Als sein Ort pleite war, wurde ihm das Amt zu provinziell. Er war zu Höherem berufen, zur höheren Instanz. Der Amtsinhaber sei unfähig, sagte er. Dieser habe bei der Aufsicht über den Ort versagt und trage die Verantwortung für die Pleite. Der Amtsinhaber nahm resigniert den Hut. Soviel Unverfrorenheit hatte er nichts entgegen zu setzen.

Und der nur mäßig begabte Ingenieur bekam die Stelle und verbot den Orten seines Machtbereichs all die vielen Sünden, die ihm den Weg auf so wunderbare Weise bereitet hatten.  Doch das wusste schon keiner mehr. Die Presse lobte ihn und druckte sein Bild, wann immer er zu Konferenzen lud. Das blieb bei höchster Stelle nicht unbemerkt. So erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande, verziert und vergoldet. Er war ganz oben. Einflussreiche hörten auf ihn. Davon profitierte auch die Universität. Sie wäre sonst geschlossen worden, denn sie war unwirtschaftlich. In Anerkennung seiner Leistungen verlieh sie ihm die Doktorwürde. Honoris causa.

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.