Wabenbeton

Das Eleganteste, was die Zeit zu bieten hatte. Die typische Wabenstruktur der Fassade war Ausdruck unserer Modernität, des Zeitgeistes, des Aufbruchs in eine bessere Welt.  Alles unter einem Dach anzubieten, war Ausdruck modernen Handels. Und wir stimmten freudig zu, opferten bereitwillig die wertvollsten Plätze unserer Städte. Der Zukunft eine Chance.

Es war eine nachhaltige Investition. Die Waben trotzen noch heute Wind und Wetter, sind nur ein bisschen grau geworden, ein bisschen unansehnlich und nicht ganz frei von  bröckelnden Elementen. Halb so schlimm, ein feines Netz beschützt den ahnungsvollen Passanten vor Ungemach. Während nebenan unser neues Paradies mit neuem Glanz und überwältigender Größe alles anlockt, was in der Handelswelt Rang und Namen hat, bleibt unser Wabenbeton in seinem Innern seltsam dunkel, kalt und leer. Die Fenster sind verhangen, der Glanz der frühen Jahre ist erloschen. Eine graue Staubschicht bedeckt die einst so verheißungsvollen Auslagen. Seit Jahren. Unter dem Dach der tristen Betonhülle findet unser Warenreichtum einfach keinen Platz mehr. Und etwas anderes auch nicht. Dafür wurde der Koloss nicht gebaut, ist er nicht geeignet. Gebaut als Warenhaus, liegt er der Stadt nun schwer im Magen. Die Zeit läuft eben weiter.

Wir shoppen jetzt unter einem neuen Dach, dem ebenso unerschrockenen, wie zahlungskräftigen Investor sei Dank. Natürlich ist es nicht so wie früher. Eher so: Viel größer, viel schöner, nach einem ganz anderen Konzept, mit einer ganz anderen Auswahl und flexibel bis zum Umfallen. Eben ganz anders als früher. Ein Warenhaus ist gegen unser Einkaufszentrum, na sagen wir mal, eine „Hundehütte“ (die Hunde mögen´s mir verzeihen). So baute man eben damals.

Heute baut man anders. Zukunftsweisend. Und: Ein großes Haus gehört mitten in die City, ins Herz der Stadt. Schließlich sind die Kunden praktisch schon da und außerdem und an erster Stelle soll ja ein lebendiger urbaner Raum entstehen, mit einer großen Vielfalt an Waren- und Dienstleistungen, einladend, freundlich, gut zu erreichen und richtig attraktiv. Ja, die Handelsstruktur im Umfeld verändert sich. Das zeigt unsere Erfahrung. Erwiesen ist aber auch, dass die Ansiedlung unseres Zentrums zahllose Investitionen auslöst. Plötzlich werden auch diejenigen aktiv, die meinten, in wenig attraktiven Räumen dösend auf Kunden warten zu können. Neuer Wettbewerb führt zu neuen Aktivitäten. Und so weiter.

Ein großer Schritt in die Zukunft. Und doch beschleicht uns eine böse Ahnung, dass unser neuer Tempel einmal gottlos werden könnte, aus der Mode kommen, abgeschrieben, überflüssig und zu teuer werden könnte.  Ja, große Dinge zeigen große Wirkung. Oder sie bedeuten großen Aufwand. Mitunter zu großen. Nicht heute, sondern morgen. Wenn die Erträge nicht mehr die Kosten decken, wenn der Leerstand günstiger als ein Abriss wird? Wenn die Dividenden längst geflossen sind, wer  befreit dann die Herzen unserer Städte von Häusern, neben denen Warenhäuser das Format einer Hundehütte haben?  Sehen wir uns wirklich in der Verpflichtung, heute die Bausünden von morgen zu begehen, ohne die unsere Nachkommen nicht mit dem Fingerzeig auf unsere Bausünden davon ablenken, dass sie just in dem Moment wiederum ihren Nachfolgern in gleicher Weise Unverdauliches auftischen, an denen noch Generationen zu knabbern haben?

Jede Betriebsform und jede Investition ist willkommen. Der Wettbewerb wird´s richten.  Niemand darf aber aus der Verantwortung für sein Handeln entlassen werden. Wer mit dem Versprechen, die Innenstadt zu beleben, antritt und wem das Herz der Stadt anvertraut wird, der muss dafür sorgen, dass es auch morgen noch schlägt. Wann denn das, mag man fragen, und wie ist das überhaupt möglich? Heute, wann sonst, ist die einzige Antwort. Denn allein heute fließen die Erträge, aus denen der Abriss und die Beseitigung des Objektes überhaupt finanziert werden können, die ansonsten der kommenden Generation zur Last fallen.

Morgen, wenn die Erträge einbrechen, und ein neues Konzept unsere Gesellschaft an anderer Stelle fesselt, ist es zu spät. Wir sind es unseren Nachkommen schuldig, über den Tag hinaus zu denken und den „Verursacher“ heranzuziehen, so lange er greifbar ist. Am besten gleich mit der Baugenehmigung. Das sollte rechtlich möglich sein oder werden. Nach Finanzierungsmodellen, in die wir vielleicht noch etwas Phantasie stecken müssen, so wir nicht auf die bereitwillige Hilfe der Investoren vertrauen dürfen. Sie werden ihre Vorhaben anders rechnen müssen als in der Vergangenheit. Sie werden unsere Nachkommen in ihre Kalkulation einbeziehen müssen, eine Generation, an die wir hohe Erwartungen stellen. Unsere Kinder haben Lasten genug zu schultern. Unsere Sünden, die Sünden der Vergangenheit. Eine weitere sollten wir ihnen ersparen: Wabenbeton der modernen Art.

Juli 2013

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.