Welt ohne Geheimnisse

Ein Geheimnis ist Wissen, das ein Mensch nicht preisgibt oder aus anderen Gründen anderen nicht zugänglich ist. Jeder hat so seine kleinen Geheimnisse. Sind sie Basis fürs Geschäft, sind sie Geschäftsgeheimnisse. Damit sind sie wertvoll und stehen unter dem Schutz des Gesetzes. Wer Geheimnisse verletzt, macht sich ersatzpflichtig und kann bestraft werden.  So unsere Gesetze, die unserem Zusammenleben und unserem wirtschaftlichen Handeln Grenzen setzen. Darauf haben wir uns eingerichtet. Darauf haben wir in großem Maße vertraut. Darauf haben wir unsere Betriebe eingestellt. Das ist bisher Teil unserer Geschäftsgrundlagen und Teil unseres wirtschaftlichen Erfolges in der Welt.

Jetzt, da wir wissen, dass es heute möglich und wohl auch Praxis ist, auf unsere und die Daten unserer technischen Geheimnisträger elektronisch zuzugreifen und sie auszulesen, gibt es zwei Handlungsmöglichkeiten: Wir können die Zugriffe auf unser Geheimes zulassen oder uns dagegen zur Wehr setzen.

Wir haben uns als erstes gewehrt, haben Verantwortliche und Schuldige gesucht, bis zu der Einsicht, dass Widerstand zwecklos erscheint angesichts der Erwartung, dass nicht nur die Amerikaner, die Briten und Franzosen, sondern auch die Russen, die Chinesen, beliebig viele andere Nationen und selbst Menschen und Einrichtungen in unserem Lande als mögliche Datenräuber verdächtig und womöglich unaufhaltsam tätig sind.  Aber ist es sinnvoll, sich zu wehren? Wenn jede Mühe vergebens sein könnte? Weil jede brauchbare Abwehrmaßnahme große Summen verschlingt und lückenhaft bleibt? Viel Aufwand um Nichts, wenn doch nichts zu retten ist. Also werden wir uns darauf beschränken, wachsamer zu sein, den Datentransport auf jeden Fall dort einzudämmen, wo er jenseits möglicher Spionagetätigkeit alltäglich stattfindet: Über offen zugängliche Computer und Netzwerke, über USB-Sticks und sträflichen Leichtsinn aller Beschäftigten.

Wir haben uns gewehrt, uns aber doch der Übermacht technischer und politischer Übergriffe gebeugt.  Wir leisten noch Widerstand und richten uns gleichzeitig auf die lästigen Eindringlinge in unsere geheimen Welten ein. Gezielte Desinformation, Verwirrung der ungebetenen Gäste, organisierte Datenbits, die mit ihnen Schabernack spielen, geben unserer Fantasie  reichlich Stoff für Abwehrstrategien und neue Produkte. Gegenattacken mit zweifelhafter Wirkung.  Das Problem bleibt auf dem Tisch.

Deshalb gehen wir weiter: Was wird, wenn am Ende Betriebsgeheimnisse die Ausnahme, Datenzugriffe und Datensammlungen durch Eindringlinge aber zur Regel werden?  Wenn unsere Kunden und unsere Angebote unseren schärfsten Konkurrenten mit bester Empfehlung präsentiert werden? Werden wir dann noch forschen und entwickeln? Wenn nichts mehr geheim zu halten ist?  Wollen wir dann ebenfalls den gesellschaftlichen Konsens kündigen, Regeln brechen, die unter ehrenhaften Kaufleuten hoch gehalten werden? In Zeiten, in denen die Wirtschaft immer wieder beteuern soll, dass sie alle gesetzlichen Vorschriften in ihrer ganzen Fülle und ihren versteckten Tücken gewissenhaft einhalten wird (Compliance)? Wenn doch offenkundig der Staat, unsere eigene Geschäftsgrundlage in so bemerkenswerter Weise fremden Geheimdiensten zu opfern scheint?

Sollen wir mehr Kontrolle der Datensammler fordern? Kontrolle darüber, dass die Daten eben nicht der Konkurrenz in die Hände fallen? Oder bedeutet gerade die Kontrolle nicht eine eigene Gefahr, dass alles das, was gesammelt wird oder wurde, wegen der notwendigen Beteiligung der Öffentlichkeit erst recht ans Tageslicht befördert wird?

Sollen wir jedem jeden Einbruch in fremde Datenwelten erlauben? Eine Welt ohne Geheimnisse?  Wenn irgendwann jeder von jedem alles wüsste oder wissen könnte? In der es kein Wissen gäbe, das gegen Geld eingetauscht werden könnte? Wenn Untaten ebenso wie Großartiges stets öffentlich wären? Ohne Versteckspielen? Eine neue Gesellschaft. Unsere Fantasie reicht nicht aus, sich auszumalen, was die Zukunft noch bringen könnte. Freuen wir uns drauf.

Das Leben bleibt spannend. Doch in der Zwischenzeit halten wir uns besser an das, was uns vertraut und Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens ist: An die Gesetze, an den Datenschutz sowie an die Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns. Es ist aber nicht zu viel, wenn wir auch unser Gemeinwesen, unseren Staat in die Verantwortung ziehen, uns wirksamer als bisher vor dem Informationshunger staatlicher Stellen im In- und Ausland zu schützen. Die Welt wird sich dann ohnehin auf ihre Weise weiter drehen.

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