Qualitätsmanagement

OLYMPUS DIGITAL CAMERASei redlich. Sieh genau hin. Plane sorgfältig. Prüfe deine Pläne gründlich und setze sie umsichtig um. Sieh dir dein Werk an und lerne aus Fehlern, die du gemacht hast.  Beherzige dies in allen geschäftlichen Dingen („DIN ISO 00000“). Unsere uralte neue Norm löst ab: alle DIN ISO Qualitätssicherungsvorschriften, alle darin geforderten QM- Handbücher, alle Verfahrensvorschriften sowie alle internen und externen Audits. Das Zertifikat entfällt ebenfalls. Wir wollen ja redlich bleiben.

Lernmittelfreiheit

OLYMPUS DIGITAL CAMERAUnsere Schulbücher. Sie waren immer teuer. Und unser eigen. Wir haben sie geschleppt, aufgeschlagen und gelesen, haben Randbemerkungen und Kritzeleien hinterlassen. Unsere Bücher waren hernach wie wir. Schwer zu verstehen und höchst individuell. Bis die Lernmittelfreiheit kam, ein zwielichtiges, billiges Vergnügen. Die Schulbücher wurden ein Stück Gemeingut, verwaltet und zugeteilt. Gebraucht waren sie, wenn nicht ausnahmsweise neu. Geschleppt in fremden Taschen. Aufgeschlagen von den Vorgängern, von ihnen beschrieben. Ein bisschen abgenutzt, ein bisschen schmierig. Mal mehr, mal weniger. Langfingrig nahmen wir sie entgegen, blätterten unwillig darin.  Arbeiteten uns durch sie hindurch. Tauchten in sie ein, bis sie auch uns in sich aufgenommen hatten. Für den nächsten Jahrgang. Unsere Schulbücher.

Gestaltungssatzung

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Zeit des Wiederaufbaus hatte das zerstörte Land erfasst. Es ging wieder aufwärts. Mit viel Kraft und Zuversicht, sparsamen Mitteln und Bescheidung auf das Machbare. Das Notwendige war zu tun. Überflüssiges musste warten. Schlicht wurde es. Vielleicht auch schön. Es war die Leistung einer Generation, die aus den Trümmern Neues schuf. Häuser zum Leben. Nicht mehr.

Die 60er Jahre kamen, die 70er. Wir wurden mobil. Und die Städte veränderten ihr Gesicht. Kaufhauskuben drängten in innerstädtische Räume, prägten die Wahrnehmung, wurden zu Magneten für eine halbe Generation. Zeitgeist-schöne Tempel für bürgerliches Mittelmaß. Sie sind jetzt gottverlassen, haben ausgedient. Verloschen ist ihr Glanz. Graue Monumente einer vergangenen Zeit. Im Herzen unserer Städte. Unverrückbar, unantastbar. Bausünden unserer Vorfahren.

Wir kaufen längst woanders. Wir leben anders. Wir haben nichts am Hut mit dem, was mal war. Wir treiben es viel bunter. Schriller sind wir und natürlich schöner. Wir machen´s richtig. Nein, wir sind nicht sündenfrei. Wir leben jetzt. Heute. Basta.

Doch wir lassen es nicht treiben, haben uns unser unnachahmliches Gespür für  Gut und Böse erhalten. Wir gebieten der Verschandelung Einhalt. Wildes Plakatieren ist ab sofort verboten, noch viel mehr als sonst. Werbung darf um keinen Preis in der Welt auffallen. Fassaden kleiden sich künftig ganz im Retro-Look. Vorbei ist´s mit verwegener Vielfalt, vorbei mit Experimenten, die die Seele des Ästheten kränken könnten.

Vorbei ist´s mit des Planers frechem Übermut, der Formen sprengend Eigenes wagt. Wir räumen auf. Dort, wo Schlimmes geschehen ist und dort, wo Schlimmes geschehen könnte.  Zurück zu den Ursprüngen, heißt es jetzt. Zurück zu den 50er und den 60er Jahren. Als die Welt noch in Ordnung war. Als die Straßenzüge noch Format hatten, als die bunten Übertreibungen der 70er noch so weit weg waren. Wir verfügen: Einer Baugenehmigung der Bauordnungsbehörde unserer Stadt bedarf jede Veränderung des baulichen Zustandes, der Fassade oder der Fassadenelemente innerhalb des überplanten Bereichs. Verboten handelt, wer nicht unsere Erlaubnis hat.

Der gute Zweck gibt uns allen Anlass streng zu sein,  Recht und Ordnung amtlich zu besiegeln. Präventiv. Entschieden und auf kurzem Wege. Wir haben dem Wildwuchs den Kampf angesagt. Mit der ganzen Härte des Gesetzes. So ist´s recht.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Jetzt nicht mehr. Wo er doch amtlich ist. Geregelt in unserer Gestaltungssatzung.

Kleinigkeiten

OLYMPUS DIGITAL CAMERASie sind unbedeutend. Und doch nicht ohne Bedeutung. Sie sind so klein. Und doch so groß. Bedeutungsvoll schieben sie sich nach vorn. Fesseln unsere Aufmerksamkeit. Sie sind nicht der Rede wert, sind weniger als die Randnotiz eines flüchtigen Augenblicks. Aber sie sind da. Unübersehbar. Unausrottbar. Nah. Sie lassen uns nicht los. Diese Kleinigkeiten.

Neue Zeit

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir haben Grenzen überwunden. All die kleinen. Wir haben unsere Territorien verlassen. Wir haben Mauern eingerissen. Wir bewegen uns im grenzenlosen Schengen-Raum. Wir jetten um die Welt. Nur noch wenige Enklaven bleiben uns verschlossen.

Wir offenbaren unser Innerstes und unser Äußeres auf Twitter, Facebook, Youtube und Co. Wir liefern unsere geheimsten Gedanken der Google Datenkrake aus. Wir zeigen Haut und sind so frei. Unser Freundeskreis: vertraute Grüppchen sind passé. Wir haben Freunde in aller Welt. Finde ich gut. Unsere engen Sprachräume haben an Weite gewonnen. Dialekte haben wir gleich gemacht. Die Sprache unseres Landes ist nur eine von vielen. Wir sprechen Englisch. Normung hat Wände eingerissen. Sie eröffnet die globale Zusammenarbeit. Die kleinen Nester, aus denen wir kommen, brauchen unsere Aufmerksamkeit nicht mehr. Da gibt es nichts zu verteidigen.

Wenn jetzt alle von allen alles wüssten. Wenn es keinen Grund gäbe für Industriespionage? Weil alle Gedanken, alle Pläne, von jedermann einsehbar wären? Wenn die Leidenschaften und die Tiefen menschlichen Geistes nicht im Verborgenen blühen könnten, sondern offenkundig wären. Wenn es keine Geheimnisse mehr gäbe, wenn jeder um die Entlohnung des anderen wüsste? Was wäre dann? Was hätten wir zu fürchten, was zu gewinnen?

Werden wir in ein paar Jahren unsere heutige Aufregung über NSA-Spionage, die Mitwirkung anderer Geheimdienste, selbst des Bundes, noch verstehen? Wie war das doch gleich mit der Orwellschen  Vorahnung einer total überwachten Welt? 1984 ist längst Geschichte. Alles ist um Zehnerpotenzen schlimmer, als er es vorausgeahnt hat.

Und wir sorgen uns nicht? Doch. Wir müssen uns sorgen. Denn es sind noch zu wenige, die über alle alles wissen. Müssen wir nicht die Geheimdienste stürmen, uns ihre Erkenntnisse zu Gemeingut machen? Alles für alle. Wo könnte dann noch ein Feind lauern? Mit welcher Absicht?

Wo es nichts zu verbergen gibt, gibt es keinen Anlass, etwas zu schützen, Mauern zu ziehen, und keinen Anlass, einzubrechen oder Mauern niederzureißen. Wenn erst an jedem Ort der Welt alles hergestellt werden kann, wie wir es heute bereits bei den exportierten Fabriken sehen. Wenn wir in absehbarer Zeit die kleinen Dinge des Alltags überall und an jedem Ort der Welt nach den gleichen Plänen herstellen können, wo bleibt dann die Notwendigkeit großer Transporte, der Umweltbelastungen, der schweren Infrastruktur? Zurück zur Natur mit modernen Mitteln?

Werden wir Betriebe haben? Werden unsere Arbeitsverhältnisse ganz andere sein? Werden wir Hierarchien einreißen? Wer wird morgen unsere Entwicklung vorantreiben? Was brauchen wir zum Leben? Wie könnten wir unseren Lebensunterhalt verdienen? Was wird aus denjenigen, die sich nicht einbringen können oder wollen? Wo gewinnen wir wieder Land und Boden, damit wir ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit im Magen haben?

Wir stehen am Beginn einer Neuen Zeit.

Curriculum

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWas habt ihr uns nur erzählt: Sei redlich, achte den Menschen. Gewissenhaftigkeit und Fleiß führen zum Erfolg.  Die Vernunft siegt. Heute weiß ich: Das ist alles Kappes. Erfolg fordert das glatte Gegenteil.

Warum habt ihr uns das verschwiegen? Mit welchem Recht habt ihr uns verschwiegen, dass das, was ihr uns gelehrt habt, nur der Realität entrückte Hoffnung war? Warum habt ihr uns verschwiegen, dass es mehr fruchtet, Menschen zu bewegen als kluge Gedanken? Warum habt ihr uns nicht gelehrt, was Menschen bewegt und wie Menschen zu bewegen sind,  dass die Klatschkolumne in der Boulevardpresse um ein Vielfaches schwerer wiegt, als strengste wissenschaftliche Disziplin? Warum habt ihr uns verschwiegen, dass Politik weniger mit Logik als mit dem Bauch zu tun hat, und im Streit von Bauch und Verstand stets der Klügere nachgibt? Warum habt ihr uns nicht gelehrt, wie der Mensch „tickt“, welche seiner Saiten wir bespielen müssen, um ihm seine Stimme zu entlocken?  Warum habt ihr uns das verschwiegen? Was habt ihr uns nur erzählt?

Problemlösung

OLYMPUS DIGITAL CAMERALösung, wo ist dein Problem? Ist es gelöst? War es nie da, nie hier, nie ein Problem, dein Problem, das der Lösung, das ungelöste, das Problem ohne Lösung, gelöst ohne Problem? Lösung, wo ist dein Problem?

Amtsgewalt

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEr hatte gewonnen. Seiner Amtseinführung wohnten alle Honoratioren bei. Er gehörte nun dazu, war einer von ihnen. Standesgemäß waren Büro und Dienstwagen. Er saß nun hinten, der Chauffeur vorne. So gehörte sich das. Eine wohltuende Distanz für großzügige Gesten. Er wuchs in seiner Achtung. Die ersten Entscheidungen waren ungewohnt. Er brauchte niemanden zu fragen. Das lernte er schnell. Er wurde hofiert. Von den Schmeichelnden. Er genoss es. Er war wer. Sein Wort galt. Er unterschied Gut und Böse, richtig und falsch. Er. Er gefiel sich. Ihm war es recht. Alles. Es war so schön.

Die Mitarbeiter waren ihm wichtig. Er brauchte sie. Er hatte keine Ahnung. Vom Geschäft. Brauchte sie auch nicht. Hatte jetzt seine Leute. Aber Mitarbeiter mäkeln. Ein alter Hut. Unter Führungskräften. Disziplinieren. Ja, man muss zeigen, wer Herr im Haus ist. Dann gibt´s Ruhe.

Es blieb unruhig. Dass Menschen so uneinsichtig sein könnten, war ihm bis dahin verborgen geblieben. Er versuchte es mit seinen guten Ratschlägen. Dann mit verdeckter Drohung, mit Nachdruck und gespieltem Verständnis. Es half nicht. Er bediente die Schmeichelnden und verstand die Welt nicht mehr. Er befahl. Bewegung gab es nicht. Dann gab er auf. Er hatte sein Amt. Und nichts dazu gelernt.

Politik

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMenschen. Siebzig oder achtzig Millionen. Menschen. Oder mehr oder weniger. Das spielt keine Rolle. Keine Verbraucher, keine Politiker, keine Staatsbürger, keine Kunden oder Zuschauer. Menschen. Irgendwo auf der Erde. Die Erde ist rund.

Politik. Von Menschen gemacht. Unmenschlich. Unerklärlich und doch erklärbar. Kein Zufall und doch keiner Logik unterworfen. Einfluss haben, mächtig sein. Das ist menschlich. Und unmenschlich. Politik.

Untrennbar sind sie miteinander verknüpft. Die Menschen mit ihrer Politik. Die Politik mit ihren Menschen. Sie lächelt machthungrig. Sie ist bereit, Opfer zu bringen. Große Opfer. Die Verlässlichkeit, die Berechenbarkeit, die Menschlichkeit. Opfer der Politik.

Politik bannt unseren Blick. Lenkt ihn. Gibt ihm Richtung. Auf Gesichter, die um die Welt gehen. Lenkt ihn ab. Erschwindelt unsere Sinne. Raubt unseren Verstand und unsere Zuneigung zu den Menschen, die so viel Gutes bewirken könnte.

Souverän

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGlänzend ist es gelaufen. Regie, Dramaturgie, alles in rechtem Maße. Er lehnt sich zurück. Bald ist es vorüber. Er ist einen Schritt weiter, ein souveräner Macher, intelligent, durchsetzungsstark und bei alledem auch noch mit sympathischer Ausstrahlung. Der Rest ist Routine. Links ein Handzeichen: Ja, Herr Redlich? Redlich erhebt sich. „Ich habe erfahren, dass in Ihrem Hause…“

Redlich ist ganz nahe dran. Zu nahe… Jetzt bloß nicht nervös werden. „Entschuldigen Sie, Herr Redlich, aber das ist doch ein ganz alter Hut. Damit müssen wir uns doch heute wohl nicht noch einmal beschäftigen, meine Herren?“ Er wendet sich dem Plenum zu. „Alles frei erfunden. Das haben wir schon hundertmal erklärt. Ich glaube, da sollten wir heute keine Zeit mehr drauf verschwenden!“

Er blickt in die Runde. Leichtes Nicken hier und dort. Zu wenig. „Wir sollten das bilateral besprechen, Herr Redlich, wenn Sie damit einverstanden sind?“ Leises Raunen. Ein Zwischenruf. Nicht zu verstehen. Was hat er gesagt? Auch der Nachbar kann nicht weiterhelfen. Die Lage wird unübersichtlich. Ein Schlussstrich ist überfällig. „Herr Redlich, wir unterhalten uns darüber später“. Redlichs stiller Protest erstirbt.

Zurück zur  Tagesordnung. Er hat noch eine Erfolgsmeldung auf Lager. Sie wird das „Sahnehäubchen“, heute. Doch das Gemurmel hält an, Reden, leise Zwischenrufe. Er ist verdutzt. Gibt es etwas, von dem er nichts weiß? Er lacht kurz auf und bittet die Versammlung, sie möge ihn doch teilhaben lassen, an ihrem Gespräch. „Sie sollten die Anfrage des Herrn Redlich schon beantworten…, das geht schließlich uns alle an“.

Dünnes Eis. Nur kein falsches Wort. „Es gibt da keine Geheimnisse.“ Und erstens ist alles nur Gerede. Und zweitens mag er die Anwesenden nicht mit den Einzelheiten langweilen. Da bräuchte man Stunden. „Sie können sicher sein, dass alles seine Richtigkeit hat.“ Er kommt heute mit einem blauen Auge und dem Auftrag davon, dem Protokoll einen kurzen Bericht beizufügen. Das „Sahnehäubchen“ des letzten Tagesordnungspunkts verkleckert er. Eine Sitzung geht zu Ende. Mit einem gefährlichen Nachlass. Er sinnt auf Rache. Souverän.

06.06.09