Neue Zeit

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir haben Grenzen überwunden. All die kleinen. Wir haben unsere Territorien verlassen. Wir haben Mauern eingerissen. Wir bewegen uns im grenzenlosen Schengen-Raum. Wir jetten um die Welt. Nur noch wenige Enklaven bleiben uns verschlossen.

Wir offenbaren unser Innerstes und unser Äußeres auf Twitter, Facebook, Youtube und Co. Wir liefern unsere geheimsten Gedanken der Google Datenkrake aus. Wir zeigen Haut und sind so frei. Unser Freundeskreis: vertraute Grüppchen sind passé. Wir haben Freunde in aller Welt. Finde ich gut. Unsere engen Sprachräume haben an Weite gewonnen. Dialekte haben wir gleich gemacht. Die Sprache unseres Landes ist nur eine von vielen. Wir sprechen Englisch. Normung hat Wände eingerissen. Sie eröffnet die globale Zusammenarbeit. Die kleinen Nester, aus denen wir kommen, brauchen unsere Aufmerksamkeit nicht mehr. Da gibt es nichts zu verteidigen.

Wenn jetzt alle von allen alles wüssten. Wenn es keinen Grund gäbe für Industriespionage? Weil alle Gedanken, alle Pläne, von jedermann einsehbar wären? Wenn die Leidenschaften und die Tiefen menschlichen Geistes nicht im Verborgenen blühen könnten, sondern offenkundig wären. Wenn es keine Geheimnisse mehr gäbe, wenn jeder um die Entlohnung des anderen wüsste? Was wäre dann? Was hätten wir zu fürchten, was zu gewinnen?

Werden wir in ein paar Jahren unsere heutige Aufregung über NSA-Spionage, die Mitwirkung anderer Geheimdienste, selbst des Bundes, noch verstehen? Wie war das doch gleich mit der Orwellschen  Vorahnung einer total überwachten Welt? 1984 ist längst Geschichte. Alles ist um Zehnerpotenzen schlimmer, als er es vorausgeahnt hat.

Und wir sorgen uns nicht? Doch. Wir müssen uns sorgen. Denn es sind noch zu wenige, die über alle alles wissen. Müssen wir nicht die Geheimdienste stürmen, uns ihre Erkenntnisse zu Gemeingut machen? Alles für alle. Wo könnte dann noch ein Feind lauern? Mit welcher Absicht?

Wo es nichts zu verbergen gibt, gibt es keinen Anlass, etwas zu schützen, Mauern zu ziehen, und keinen Anlass, einzubrechen oder Mauern niederzureißen. Wenn erst an jedem Ort der Welt alles hergestellt werden kann, wie wir es heute bereits bei den exportierten Fabriken sehen. Wenn wir in absehbarer Zeit die kleinen Dinge des Alltags überall und an jedem Ort der Welt nach den gleichen Plänen herstellen können, wo bleibt dann die Notwendigkeit großer Transporte, der Umweltbelastungen, der schweren Infrastruktur? Zurück zur Natur mit modernen Mitteln?

Werden wir Betriebe haben? Werden unsere Arbeitsverhältnisse ganz andere sein? Werden wir Hierarchien einreißen? Wer wird morgen unsere Entwicklung vorantreiben? Was brauchen wir zum Leben? Wie könnten wir unseren Lebensunterhalt verdienen? Was wird aus denjenigen, die sich nicht einbringen können oder wollen? Wo gewinnen wir wieder Land und Boden, damit wir ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit im Magen haben?

Wir stehen am Beginn einer Neuen Zeit.

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.