Gestaltungssatzung

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Zeit des Wiederaufbaus hatte das zerstörte Land erfasst. Es ging wieder aufwärts. Mit viel Kraft und Zuversicht, sparsamen Mitteln und Bescheidung auf das Machbare. Das Notwendige war zu tun. Überflüssiges musste warten. Schlicht wurde es. Vielleicht auch schön. Es war die Leistung einer Generation, die aus den Trümmern Neues schuf. Häuser zum Leben. Nicht mehr.

Die 60er Jahre kamen, die 70er. Wir wurden mobil. Und die Städte veränderten ihr Gesicht. Kaufhauskuben drängten in innerstädtische Räume, prägten die Wahrnehmung, wurden zu Magneten für eine halbe Generation. Zeitgeist-schöne Tempel für bürgerliches Mittelmaß. Sie sind jetzt gottverlassen, haben ausgedient. Verloschen ist ihr Glanz. Graue Monumente einer vergangenen Zeit. Im Herzen unserer Städte. Unverrückbar, unantastbar. Bausünden unserer Vorfahren.

Wir kaufen längst woanders. Wir leben anders. Wir haben nichts am Hut mit dem, was mal war. Wir treiben es viel bunter. Schriller sind wir und natürlich schöner. Wir machen´s richtig. Nein, wir sind nicht sündenfrei. Wir leben jetzt. Heute. Basta.

Doch wir lassen es nicht treiben, haben uns unser unnachahmliches Gespür für  Gut und Böse erhalten. Wir gebieten der Verschandelung Einhalt. Wildes Plakatieren ist ab sofort verboten, noch viel mehr als sonst. Werbung darf um keinen Preis in der Welt auffallen. Fassaden kleiden sich künftig ganz im Retro-Look. Vorbei ist´s mit verwegener Vielfalt, vorbei mit Experimenten, die die Seele des Ästheten kränken könnten.

Vorbei ist´s mit des Planers frechem Übermut, der Formen sprengend Eigenes wagt. Wir räumen auf. Dort, wo Schlimmes geschehen ist und dort, wo Schlimmes geschehen könnte.  Zurück zu den Ursprüngen, heißt es jetzt. Zurück zu den 50er und den 60er Jahren. Als die Welt noch in Ordnung war. Als die Straßenzüge noch Format hatten, als die bunten Übertreibungen der 70er noch so weit weg waren. Wir verfügen: Einer Baugenehmigung der Bauordnungsbehörde unserer Stadt bedarf jede Veränderung des baulichen Zustandes, der Fassade oder der Fassadenelemente innerhalb des überplanten Bereichs. Verboten handelt, wer nicht unsere Erlaubnis hat.

Der gute Zweck gibt uns allen Anlass streng zu sein,  Recht und Ordnung amtlich zu besiegeln. Präventiv. Entschieden und auf kurzem Wege. Wir haben dem Wildwuchs den Kampf angesagt. Mit der ganzen Härte des Gesetzes. So ist´s recht.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Jetzt nicht mehr. Wo er doch amtlich ist. Geregelt in unserer Gestaltungssatzung.

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