Eigentum

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin eigenes Heim. Traum ganzer Generationen. Etwas haben. Es mehr als besitzen. Eingriffe abwehren dürfen. Eigentümer sein. Eigentum steht unter dem Schutz des Grundgesetzes.

Mit unserer Geburt treten wir in eine Welt ein, in der jedes Fleckchen Erde und alle Güter, materiell oder immateriell, Menschen als Eigentum zugeordnet sind. Manche Menschen sind von Beginn an dabei. Andere bis zu ihrem Lebensende nicht, soweit es um Güter geht, für die andere bereit sind, einen Preis zu zahlen. Man kann reich auf die Welt kommen und arm sterben. Und umgekehrt. Aus welchen Gründen auch immer.

Eigentum war immer etwas Besonderes. Und sei es nur auf Pump finanziert. Es hat uns Freiheiten gegeben. Es hat uns befreit von Bindungen, von Verträgen mit Rechten und Pflichten, von Miet- und sonstigen Nutzungsverträgen. An deren Stelle trat nur das allgemeine verfassungsrechtliche Gebot, wonach Eigentum nicht nur Rechte begründet, sondern auch verpflichtet. Wozu und in welchem Umfang auch immer.

Das erste Auto. Es zu haben, war unser Ziel. Wir wollten damit keine Fahrkarte nach Irgendwo lösen. Wir wollten die Technik, die Eleganz und ein bisschen auch dieses vorzeigbare Gefühl, es geschafft zu haben. Formen, Farben, die Leistung, die technischen Merkmale waren übersichtlich und uns gut vertraut. Es ging um Hundertstel von Volumenanteilen, um die Anzahl der Zylinder, um die Technik der Gemisch-Aufbereitung unserer Benzinkutschen.  Wir hatten vorher alles aufgenommen, uns zu eigen gemacht, waren eins mit unserem Erwerb.

Das gute alte Eigentum. Wir waren unser eigener Herr. Unser Haus. Wir haben drauf gespart, haben ausgeschachtet, gemauert und renoviert. Unsere eigenen vier Wände waren uns Festung gegen die Welt, wenn sich dort etwas gegen uns zusammenbraute. Rückzugsort, sicherer Hort, der Krisen überdauerte. Altersversicherung erster Güte, vererbbar zur Freude der Nachfolger. Stete Freude bei überschaubarer Last. Ein Schatz des kleinen Mannes. Eigentum.

04. Januar 2014

Aufwachen mit Kopfweh

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Kunde ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Er steht auf der Roten Liste ganz oben, nachdem immer mehr Einmal-Verkaufsaktionen großer Händlerketten dem kleineren und mittleren Fachhandel zugesetzt haben. Wo bleibt unsere Beziehung zum Kunden, unser Bemühen um Beratung und Service, ja, unsere Sorge über die Dienstleistungswüste Deutschland, wenn heute Unterwäsche typischerweise im Kaffee-Depot, die Rührschüssel für unseren Sonntagskuchen im Baumarkt und Computer als Stapelware beim Lebensmitteldiscounter erworben werden?

Montagmorgen. Aus der Tageszeitung fällt ein Satz vierfarbiger Werbebeilagen. Verführungen pur. Unschlagbare Preis- Leistungskonditionen. Unschlagbar? Dem Leser scheint es so. Und er konzentriert sein Interesse auf die Großanbieter. Wohlsortiert und scheinbar konkurrenzlos günstig. Service? Kein Gedanke. Service, das steht da, kein Problem. Im Übrigen weiß der Kunde, was er will – meint er. Und er lädt ein, was er kriegen kann, bis auch der letzte Winkel seines Lebens mit den lebensnotwendigen Schnäppchen unserer Überflussgesellschaft zugemüllt ist. Unkultur des Einkaufs. Armer Verbraucher. Was hast du nur gemacht?

Cash und carry – cash und carry – cash und carry. Oder vom Stress des Jägers und Sammlers in den Einkaufsmaschinerien unserer Zeit, in denen uralte Leidenschaften kulturelle Errungenschaften dem Wühlen in Regalen und geduldigen Anstehen an automatischen Kassen opfern. Massenhaft.

Größe entscheidet. Die Masse macht´s. Macht Marktmacht. Macht über Kunden. Schade um den Kunden. Schade um sein Geld, mit dem er sich so viele Wünsche hätte erfüllen können. Verjubelt auf dem Rummelplatz der Schnäppchenjäger. Verpufftes kurzlebiges Vergnügen. Aufwachen mit Kopfweh. Aufräumen nach einer durchzechten Nacht. Auskehren für die Müllabfuhr. Ein neuer Tag beginnt.

Im August 2005

Die Quittung kommt – garantiert

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir zahlen, wenn die Bürgschaft fällig wird. Auf ein paar Milliarden kommt es schon gar nicht mehr an.

Ein böses Erwachen nach durchzechter Nacht. Was haben wir nur angerichtet? Wir? Da war doch was? Ach ja, ich erinnere mich, ein Börsenfeuerwerk, traumhafte Renditen, unsere Vollrauschparty.

Auf Pump. Verzockt sind die Früchte unserer „Realwirtschaft“. Die Ersparnisse unserer Arbeit? Wir haben sie eingesetzt. Geld muss arbeiten. Mit höchster Rendite. Bereitwillig haben wir unser kleines Vermögen denjenigen überlassen, die angeben, etwas davon verstehen. Ein bisschen Risiko muss sein.  Aber alles mit Maßen.

Wir, die wir fleißig und redlich unseren Lebensunterhalt durch Arbeit bestreiten, haben mit gezündelt, haben auf Papiere mit guter Performance gesetzt, haben uns im Erfolg der Finanzmärkte gesonnt. Wir haben unserer Vernunft Einhalt geboten, wollten weiter träumen. Nicht Arbeit, sondern die richtige Anlagestrategie, versprach eine unbeschwerte Zukunft.

Wir träumen weiter. Die Billion(en),  die unsere Vertreter in Berlin in unserem Namen zu Lasten unserer Kinder quergezeichnet haben, sie sind doch nicht unser Problem! Verdrängt, beinahe vergessen. Doch es hilft nicht: Mit derselben Konsequenz, wie die Finanzblase platzen musste, werden uns unsere Schulden einholen. Wir zahlen. Garantiert ohne Garantie. Ohne Staatsgarantie. Denn der Staat sind wir.  Der Staat kann nicht Pleite gehen? Aber wir.

Unsere Kinder rechnen ab. Oder sie gehen. Sie sind flexibel, suchen ihr Glück andernorts. In der Welt kennen sie sich aus. Sie ist reich an Alternativen. Die übrigen rechnen auf. Ihre Erblasten gegen unsere Wünsche des Alters, verbrieft in Renten- und Pensionszusagen, in Wertpapieren und in Geldanlagen, die nicht einmal unsere eigenen Ansprüche an ein menschenwürdiges Alter werden decken können.  Der klägliche Rest eines Lebens, in dem materielle Verführung mehr zählte als menschliche Zuwendung.

Und ist es nicht recht so? Hatten nicht wir selbst es in der Hand, der Gier einen Riegel vorzuschieben, die Übertreibungen einzudämmen? Wir haben es versäumt. Wie seit unvordenklicher Zeit hat auch unsere Generation selbstverständlich nicht die Folgen ihres Unterlassens in diesem Umfang vorhersehen können.  Allen Warnungen zum Trotz.  Sicher, das Internet hat den Globus schneller erschlossen, als alles was es vorher gab. Wir mussten erst lernen, mit den neuen Werkzeugen umzugehen, bevor sie alle früher vorstellbaren Dimensionen endgültig gesprengt haben.  Verzeihlich ist allenfalls dass es hierbei auch Fehleinschätzungen gegeben hat. Mehr nicht.  Die Quittung kommt. Garantiert.

Mai 2010

Und niemand hat´s bemerkt

OLYMPUS DIGITAL CAMERAKluge Köpfe am Ende einer langen Sitzung. Gleich ist´s vorbei. Das Ende naht. Nur noch Verschiedenes. Routine wie gewohnt. Einstimmig waren alle Beschlüsse. Ein kurzer Vortrag. Keine Diskussion. Schon entschieden. Auch dieser Punkt. Nachgelegt unter „Verschiedenes“.  Nicht vorgelegt. Mit der Einladung. Gegen die Vorschrift. Eine bloße Formalie. Also unbedeutend. Das Vorhaben scheint stimmig. Keine Frage. Die Teilnehmer wollen nach Hause. Alle sind dafür. Der Plan ist aufgegangen. Die Weichen sind gestellt. Entscheidendes ist entschieden. Und niemand hat´s bemerkt. Gratulation.

04. Januar 2014