Aufwachen mit Kopfweh

Der Kunde ist eine vom Aussterben bedrohte Spezies. Er steht auf der Roten Liste ganz oben, nachdem immer mehr Einmal-Verkaufsaktionen großer Händlerketten dem kleineren und mittleren Fachhandel zugesetzt haben. Wo bleibt unsere Beziehung zum Kunden, unser Bemühen um Beratung und Service, ja, unsere Sorge über die Dienstleistungswüste Deutschland, wenn heute Unterwäsche typischerweise im Kaffee-Depot, die Rührschüssel für unseren Sonntagskuchen im Baumarkt und Computer als Stapelware beim Lebensmitteldiscounter erworben werden?

Montagmorgen. Aus der Tageszeitung fällt ein Satz vierfarbiger Werbebeilagen. Verführungen pur. Unschlagbare Preis- Leistungskonditionen. Unschlagbar? Dem Leser scheint es so. Und er konzentriert sein Interesse auf die Großanbieter. Wohlsortiert und scheinbar konkurrenzlos günstig. Service? Kein Gedanke. Service, das steht da, kein Problem. Im Übrigen weiß der Kunde, was er will – meint er. Und er lädt ein, was er kriegen kann, bis auch der letzte Winkel seines Lebens mit den lebensnotwendigen Schnäppchen unserer Überflussgesellschaft zugemüllt ist. Unkultur des Einkaufs. Armer Verbraucher. Was hast du nur gemacht?

Cash und carry – cash und carry – cash und carry. Oder vom Stress des Jägers und Sammlers in den Einkaufsmaschinerien unserer Zeit, in denen uralte Leidenschaften kulturelle Errungenschaften dem Wühlen in Regalen und geduldigen Anstehen an automatischen Kassen opfern. Massenhaft.

Größe entscheidet. Die Masse macht´s. Macht Marktmacht. Macht über Kunden. Schade um den Kunden. Schade um sein Geld, mit dem er sich so viele Wünsche hätte erfüllen können. Verjubelt auf dem Rummelplatz der Schnäppchenjäger. Verpufftes kurzlebiges Vergnügen. Aufwachen mit Kopfweh. Aufräumen nach einer durchzechten Nacht. Auskehren für die Müllabfuhr. Ein neuer Tag beginnt.

Im August 2005

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.