Nicht viel

OLYMPUS DIGITAL CAMERAStationen der ersten Jahre. Das Haus, in dem ich geboren wurde, der Kindergarten, die Schulen. Die Kirche, gleich um die Ecke. Die Plätze, auf denen wir gespielt und miteinander gerungen haben. Kinder mit schwarzen Füßen. Wir spielten im Staub spitzer Hochofenschlacke, die zerbröselte und bei Stürzen tief in unsere Knie eindrang. Ein ganzer Haufen Kinder gleicher Altersgruppen. Darunter Einzelkinder, gut ausgestattete, mit Tretrollern, Fahrrädern, begehrenswerten Wiking-Auto-Sammlungen, die wir auf den Mauern der Kellerabgänge zu kleinen Fahrzeugkolonnen aufreihten. Und wir Vier: Zwei Mädchen, zwei Jungen. Aus einem sparsamen Elternhaus. Wir hatten, was wir brauchten. Und brauchten nicht viel. Bis heute.

Im Juni 2014

Später Schulbesuch

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMeine Volksschule.  Das vertraute Gebäude. Es war damals ein modernes Haus, verklinkert, mit großen Fenstern und einer Aula gleich im Eingangsbereich. Der Flötenspieler an der Wand, ein rot-weißes Gemälde, ist noch da.  Auch die dunklen Fliesen mit  hellen Sprenkeln haben die Zeiten überlebt und wecken meine Erinnerungen. Fast vergessen hatte ich das helle Farbenspiel des Geländers, das uns freundlich ins erste Stockwerk begleitete.  Die Schule wirkt heute seltsam verstümmelt, ihrer Anmutung beraubt. Wo ursprünglich ein Trakt mit Funktionsräumen lag, schließt heute eine hohe Wand den Baukörper nach außen ab. Provisorisch mit dunkler Farbe gegen eindringende Feuchtigkeit geschützt. Der Hausmeisterbungalow fehlt. Ist verschwunden. Meine Schule  hat ihr Gleichgewicht verloren, wird bald einstürzen.

Es berührt mich, noch einmal die Originaltüren zu sehen, die mir als Kind von montags bis samstags Einlass gewährten. Es tut gut, die Fenster stark gealtert noch in ihren alten Rahmen vorzufinden. Fenster, durch die wir die im 3. Schuljahr Güterwagen auf der nahen Eisenbahnlinie zählten. Es waren 50 und mehr. Vorne eine Dampflokomotive.  Die Fenster, die Türen, die Schule: Die Zeit ist über sie hinweggegangen. Sie halten nicht mehr lange. Die Abrissbirne ist nahe, scheint aber diesen Tag noch abgewartet zu haben: Meinen späten Schulbesuch.

Im Juni 2014

Plakativ

OLYMPUS DIGITAL CAMERADruck. Große Plakate und kleine. Und Stimmzettel. Die Druckhäuser haben gut zu tun. Alle 4 oder 5 Jahre. Und immer zwischendrin, wenn gerade Wahlen anstehen. Eine uralte Zunft rotiert.  Mit allen politischen Farben. Mit großen Mengen wie mit kleinen. Nach dem Proporz. Für die Großen mehr, für die Kleinen weniger. Umgekehrt wär´s nicht zu bezahlen. Von den Kleinen. Das sagt das Parteiengesetz. Alles in allem verlässt eine tonnenschwere Papierflut in den Vorwahlwochen die Rotationswalzen, um dann an großformatige Wände gekleistert zu werden oder einfach nur in den Wahllokalen als Wahlbrief oder als Stimmzettel ihren Staatsdienst zu tun. 

Der Wähler versteht nur die einfache Sprache. Ein Bild. Ein Plakat. Und wo er das Kreuzchen machen muss. Sonst hätte er sich längst gewehrt. Also setzt die Politik weiterhin auf die Kraft der Plakate. Bis zum Tage X. Dann fiebern die Kandidaten, brauchen detaillierte Fakten. Dann regiert wieder die digitale Technik. In Bruchteilen von Millisekunden entstehen und erlöschen die ersten und die letzten Prognosen, um dann irgendwann einer erlösenden Zahl Platz zu machen und diese festzuschreiben: dem Wahlergebnis.

Über das Internet, über die Fernsehsender sowie die Rundfunkkanäle sind die Kandidatinnen und Kandidaten live dabei, wenn es um ihre Stimmen geht. Und um die ihrer Partei. Voll digitalisiert spielt sich das alles ab. Mit den raffiniertesten Spielzeugen der technisierten Welt versucht die Politik, noch einmal anzukommen, den Wähler zu fesseln. Wenigstens an dem Tag, an dem er sagen kann, seinen – wenngleich geringen, wie er meint – Einfluss geltend gemacht zu haben. Es ist schon eine Show, so eine Wahl.

Und erst diese Botschaften. Vor der Wahl. So unverbindlich, so sympathisch und so plakativ.

Im Juni 2014

Biologisch abbaubar

Die alten Wahlplakate. Sie blicken auf uns herab, wie aus einer anderen Zeit. Sie sind von gestern, haben ihre Farbe eingebüßt, sind schmuddelig geworden. Vergessene Relikte einer Zeit vor der Wahl, an die sich später allenfalls noch ein paar Bürger so recht erinnern mögen, wenn die Politik schon längst zu ihrem Geschäft zurückgefunden hat. Im Eifer seiner neuen Aufgaben hat so mancher Mandatsträger für Jugendsünden wie Wahlplakate nun keine Zeit mehr. Am Ende erbarmt sich ihrer schließlich die Natur. Die Plakate sind, wie heißt es so schön, biologisch abbaubar. Kleine Mikroben arbeiten, begleitet von Wasser und Sonnenlicht, bis nichts mehr übrig bleibt. Von der Substanz, von der Farbe und von der Botschaft. Fleißige Tierchen. Lassen nichts mehr übrig. Auch nichts von plakatierten Wahlversprechen. Wo es sie je gegeben haben sollte.

Im Juni 2014

Teure Armut

OLYMPUS DIGITAL CAMERATeure Armut. Wer nichts hat, bekommt nichts. Zum Leben. Vielleicht einen Lohn, der gerade reicht. Zum Überleben. Vielleicht aus der Kasse für Arme. Vielleicht  ein Essen aus dem Topf für Bedürftige. Wir sind ja nicht so. Fragen nicht nach Schuld. Uns geht´s ja gut. Es gibt keinen Anlass zur Diskussion. Nicht umsonst haben wir einen Sozialstaat. Der es richtet.  Bis die Sozialkassen leer sind. Sie ist nämlich teuer, die Armut.

Wir haben die Menschheit weitergebracht.  Wir lassen Maschinen arbeiten. Mit berauschender Produktivität.  Intelligente Netze steuern die Welt präzise mit höchster Effizienz. Mutig investieren wir unsere Spareinlagen. Fest verzinslich, den Rest in Immobilien und in Fonds. Die Wagemutigen trauen sich in Derivate. Und wir warten geduldig ab. Wie hoch mag der Ertrag diesmal sein? Wir wissen um die Risiken. Und die Chancen. Aber irgendjemand muss ja nach vorne gehen. Irgendjemand muss ja investieren. Etwas riskieren.  Entwicklung braucht Mut und Entschlossenheit.  Wir kneifen nicht, haben es nie getan und so die Menschheit ein gutes Stück weitergebracht.

Armut ist uns teuer. Wenn sich dann einer der Habenichtse regt und tut, was er kann, dann ist es uns nur recht. Ja, strample nur. Das wollen wir sehen. Streng dich an. Gib dein Letztes. Überstunden. Ja. Wenn´s sein muss. Auch wenn´s weh tut. Es gibt doch nichts Schöneres, als aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen. Eine wertvolle Arbeitskraft zu werden. Schließlich sind die Menschen unser Kapital. Sie rechnen sich. Solange sie arm sind. Armut ist uns teuer.

Die armen Teufel, die schon eine schlechte Kindheit hatten? Sie sind bei uns in besten Händen. Kriegen Vorschuss. Fördern und fordern. Ja, in dieser Reihenfolge. Wer willig ist, dem geben wir eine Chance. Er darf auf eine Beschäftigung hoffen. Ziemlich gut bezahlt. Gemessen daran, dass er ja gar nichts hat. Er braucht keine „Stütze“ mehr, muss nicht mehr vor den Stuben der Sozialbürokratie auf Bewilligung seines Lebensunterhalts warten.  Er hat eigenes Geld. Selbst verdient. Durch harte Arbeit. Du glücklicher armer Teufel.

Wir haben den Komfort in die Welt gebracht. Luxus für die Tüchtigen. Penthäuser in bester Lage. Mit Meeresblick und eigenem Pool. Unsere Autos sind High-Tech- Wunderwerke, klimatisiert, allerfeinst ausgestattet mit den Helferlein, die man einfach so braucht: Massagesitze, Rückfahrkameras und Signalgeber, wohin man sieht – oder wegen der atemberaubenden Form der Karosse nicht mehr sehen kann. Und wir haben diesen Luxus demokratisiert. Jeder kann ihn haben. Unsere Errungenschaften ziehen immer mehr auch in Produkte ein, die schon bezahlbar sind. Oder bezahlbar werden. Oder zumindest finanzierbar. Wenn jemand nur ein festes Einkommen hat.  Luxus auch für dich, du armer Teufel.

Wie wir das alles schaffen? Es ist alles eine Frage der Kalkulation. Wir lassen unser Kapital arbeiten. Das geht natürlich nur dann, wenn man bereit ist, Grenzen zu überschreiten. Zum Beispiel die Staatsgrenzen. Ja, wir wagen den Grenzübertritt. Wir gehen dort hin, wo unser Kapital die höchste Rendite einfährt. Wir, das ist nicht ganz korrekt. Korrekt muss es heißen: unsere Finanzanlagen, unser Geld und unsere Fonds. Immerhin. So holen wir den Wohlstand in unser Land. Mit erheblichen Risiken. Aber darüber wollen wir hier gar nicht reden. So schaffen wir das.

Und du, was tust du, du armer Teufel? Du meuterst. Solltest du dich nicht ganz schön anstrengen, ein bisschen schneller arbeiten? Und ein bisschen mehr. Das ist ja wohl das Mindeste, war wir erwarten können. Bei dem gnadenlosen globalen Wettbewerb. Sonst ist es morgen aus. Andere wären froh, so viel Geld zu verdienen wie du. Du solltest dankbar sein, hier leben und arbeiten zu können.

Du bist nicht einverstanden? Du willst mehr?

Bis hier hin. Und nicht weiter.  Überspann den Bogen nicht. Du armer kleiner Teufel.

Wir brauchen dich doch. Deine Armut ist uns teuer genug.

Im Mai 2014