Teure Armut

OLYMPUS DIGITAL CAMERATeure Armut. Wer nichts hat, bekommt nichts. Zum Leben. Vielleicht einen Lohn, der gerade reicht. Zum Überleben. Vielleicht aus der Kasse für Arme. Vielleicht  ein Essen aus dem Topf für Bedürftige. Wir sind ja nicht so. Fragen nicht nach Schuld. Uns geht´s ja gut. Es gibt keinen Anlass zur Diskussion. Nicht umsonst haben wir einen Sozialstaat. Der es richtet.  Bis die Sozialkassen leer sind. Sie ist nämlich teuer, die Armut.

Wir haben die Menschheit weitergebracht.  Wir lassen Maschinen arbeiten. Mit berauschender Produktivität.  Intelligente Netze steuern die Welt präzise mit höchster Effizienz. Mutig investieren wir unsere Spareinlagen. Fest verzinslich, den Rest in Immobilien und in Fonds. Die Wagemutigen trauen sich in Derivate. Und wir warten geduldig ab. Wie hoch mag der Ertrag diesmal sein? Wir wissen um die Risiken. Und die Chancen. Aber irgendjemand muss ja nach vorne gehen. Irgendjemand muss ja investieren. Etwas riskieren.  Entwicklung braucht Mut und Entschlossenheit.  Wir kneifen nicht, haben es nie getan und so die Menschheit ein gutes Stück weitergebracht.

Armut ist uns teuer. Wenn sich dann einer der Habenichtse regt und tut, was er kann, dann ist es uns nur recht. Ja, strample nur. Das wollen wir sehen. Streng dich an. Gib dein Letztes. Überstunden. Ja. Wenn´s sein muss. Auch wenn´s weh tut. Es gibt doch nichts Schöneres, als aus eigener Kraft auf die Beine zu kommen. Eine wertvolle Arbeitskraft zu werden. Schließlich sind die Menschen unser Kapital. Sie rechnen sich. Solange sie arm sind. Armut ist uns teuer.

Die armen Teufel, die schon eine schlechte Kindheit hatten? Sie sind bei uns in besten Händen. Kriegen Vorschuss. Fördern und fordern. Ja, in dieser Reihenfolge. Wer willig ist, dem geben wir eine Chance. Er darf auf eine Beschäftigung hoffen. Ziemlich gut bezahlt. Gemessen daran, dass er ja gar nichts hat. Er braucht keine „Stütze“ mehr, muss nicht mehr vor den Stuben der Sozialbürokratie auf Bewilligung seines Lebensunterhalts warten.  Er hat eigenes Geld. Selbst verdient. Durch harte Arbeit. Du glücklicher armer Teufel.

Wir haben den Komfort in die Welt gebracht. Luxus für die Tüchtigen. Penthäuser in bester Lage. Mit Meeresblick und eigenem Pool. Unsere Autos sind High-Tech- Wunderwerke, klimatisiert, allerfeinst ausgestattet mit den Helferlein, die man einfach so braucht: Massagesitze, Rückfahrkameras und Signalgeber, wohin man sieht – oder wegen der atemberaubenden Form der Karosse nicht mehr sehen kann. Und wir haben diesen Luxus demokratisiert. Jeder kann ihn haben. Unsere Errungenschaften ziehen immer mehr auch in Produkte ein, die schon bezahlbar sind. Oder bezahlbar werden. Oder zumindest finanzierbar. Wenn jemand nur ein festes Einkommen hat.  Luxus auch für dich, du armer Teufel.

Wie wir das alles schaffen? Es ist alles eine Frage der Kalkulation. Wir lassen unser Kapital arbeiten. Das geht natürlich nur dann, wenn man bereit ist, Grenzen zu überschreiten. Zum Beispiel die Staatsgrenzen. Ja, wir wagen den Grenzübertritt. Wir gehen dort hin, wo unser Kapital die höchste Rendite einfährt. Wir, das ist nicht ganz korrekt. Korrekt muss es heißen: unsere Finanzanlagen, unser Geld und unsere Fonds. Immerhin. So holen wir den Wohlstand in unser Land. Mit erheblichen Risiken. Aber darüber wollen wir hier gar nicht reden. So schaffen wir das.

Und du, was tust du, du armer Teufel? Du meuterst. Solltest du dich nicht ganz schön anstrengen, ein bisschen schneller arbeiten? Und ein bisschen mehr. Das ist ja wohl das Mindeste, war wir erwarten können. Bei dem gnadenlosen globalen Wettbewerb. Sonst ist es morgen aus. Andere wären froh, so viel Geld zu verdienen wie du. Du solltest dankbar sein, hier leben und arbeiten zu können.

Du bist nicht einverstanden? Du willst mehr?

Bis hier hin. Und nicht weiter.  Überspann den Bogen nicht. Du armer kleiner Teufel.

Wir brauchen dich doch. Deine Armut ist uns teuer genug.

Im Mai 2014

 

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.