Auf Messers Schneide

0006KleinGestatten: Apfel, Sorte Boskop. Gebaut, wie Äpfel gebaut sind: Ein bisschen kurz geraten, ein bisschen rund. Manchmal sauer, manchmal süß. In jedem Fall aber in aller Munde. Aber dazu später.

Einige von uns sind so grün wie anderes Grünzeug. Andere haben mehliges Fleisch. Eine Vorstellung, die uns Bosköppe, so nennt sich unsere Familie, immer wieder erschaudern lässt. Wir haben immerhin rote Bäckchen und unter unserer rauen Schale steckt ein fester Kern mit Gehäuse. Ziemlich zentral. Das ist unser Herz, unsere Seele. Ja, wir haben auch ein Herz. Wie jedes andere Lebewesen. Und wir sind verletzlich. Auch wenn davon niemand etwas wissen will.

Auch wenn alle so tun, als wären wir Äpfel seelenloses Pflück- oder Fallobst von ebenso seelenlosen Bäumen irgendwo auf einer Wiese. So aber ist es nicht. Und das sollten Sie wissen, wenn Sie einmal wieder einen von uns prüfend in die Hand nehmen, mit nach Hause tragen und dann die harte, kalte Klinge ansetzen, um uns zu zerteilen. In guter Absicht, versteht sich, aber apfelunwürdig. Mörderisch für uns Äpfel, den wohl friedlichsten aller Früchte, die weder mit Stacheln, noch mit Dornen oder klebrigen Abwehrwaffen ausgestattet sind, nicht mehr als ein friedliches Dasein fristen und für ihre Nachkommenschaft sorgen wollen.

Wir sind offenkundig eine leichte Beute, ein gefundenes Fressen für jedermann (pardon!) der nicht bereit ist zu kämpfen, sich lieber an wehrlosen Schwächeren vergreift. Nun ja. So sind die Menschen eben. Und die Pferde (Nein, Pferde gehören nicht zu den Apfelproduzenten – ich erklär´s gerne an anderer Stelle). Und die Schweine. Und die Wespen und die niedlichen kleinen Würmer, die schon immer die Eigenschaft hatten, uns bei jeder Gelegenheit aufs Unangenehmste zu löchern. Alle scheinen es auf uns abgesehen zu haben. Auf uns, auf unsere Familien und unsere Nachkommen, sollte es sie angesichts dieser Umstände überhaupt noch geben. Nun, wir haben uns dran gewöhnen müssen, nur zum Verzehr auf die Welt zu kommen, unseren Lebenssaft frühzeitig zu verlieren, als Apfelsaft, in ganzen Apfelstücken oder in nagend kleinen Portiönchen bis zur Fäulnis abgezapft.

Am schlimmsten aber ist der Tod durch eine harte Klinge. Sie trifft uns mitten ins Herz, zerteilt unsere Seele in zwei Hälften, wenn wir nicht gar geviertelt werden, was oft genug geschieht. Wir könnten schreien, wenn wir eine Messerattacke auch nur erahnen, wenn kaltes Wasser über unsere Schale rinnt, eine Hand uns ergreift. Dann ist es so weit. Aber wir können ja nicht schreien. Noch nicht einmal das. Wir sind die perfekten Opfer. Das bisschen Schale, das wir entgegensetzen können: Sie fällt der scharfen Klinge zum Opfer. Unser Leben steht dann auf Messers Schneide, die sich tief in unser Fleisch frisst, es zerschneidet zu appetitlichen Häppchen für sorglose hungrige Gemüter.

Denkt mal drüber nach. Na dann, guten Appetit.

Im September 2014

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.