Nicht wahr

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind eingeladen. Ins Theater. In eine der letzten Oasen für Geist und Seele. Hinter uns schließt sich die Tür. Wir fangen an zu träumen. I have a dream. Von ewigem Frieden. Von Menschlichkeit. Von Gewaltlosigkeit. Von gleichen Rechten für alle. Der Bürgerrechtler Martin Luther King lebt wieder auf. Auf der Bühne. Hinter verschlossenen Türen. Nur für uns. Als Dank für unsere Verdienste in der Welt draußen. In einer Welt, deren Gefüge jetzt auseinanderzubrechen droht. In der Welt, in der Kriege in Europa wieder denkbar und undenkbare Brutalität im Nahen Osten bittere Realität geworden ist. Wir sollen ein paar Stunden abschalten, uns ein paar Stunden zu Träumen verführen lassen. Träumen ist ja nicht verboten. Draußen schlachtet die Organisation „Islamischer Staat“ (ISIS) ab, was sich ihnen in den Weg stellt. Der Westen fliegt Luftangriffe und liefert Waffen zum Töten. Zur Verteidigung. Wozu sonst? In Europa wird ein Staat zerrissen, zerstört sich selbst. Eine unheilvolle Schraube der Eskalation eines Konfliktes zwischen „Ost- und Westmächten“ begleitet das Szenario. Ebola rafft ganze Gesellschaften dahin.

Jan Vering fesselt derweil sein Theaterpublikum, entführt uns in die Zeit des Aufstands der Schwarzen in den USA, in die 50er- und 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Bewegende Momente, die niemanden unberührt lassen. Momente, die Massen mobilisiert und so manchen Kopf frei gemacht haben, neu zu denken, Momente, die am Ende Großes bewirkt haben. Über die Gefühle, über den Geist und die Gesetze. Träume, die in Erfüllung gegangen sind. Nein, nicht vollständig. Aber doch vielerorts. Es ist eine schöne Geschichte, mit Hintergrund, eine tolle Inszenierung. Doch draußen toben Kriege, die uns entgleiten, die eine erschreckend blanke Hilflosigkeit der „zivilisierten“ Gesellschaften offenbaren. Für die auch Martin Luther Kings Träume keine Lösung weisen. Wir verlassen das Theater. Tief beeindruckt. Gefestigt in dem Geist, Unrecht keine Chance geben.

Wir sind wieder draußen. Wir wissen um die Not in den Krisenregionen. Wir zeigen uns tief betroffen und waren es sogar. Bis unsere Wahrnehmung uns „Entwarnung“ signalisierte. Die Gefahren sind weit weg. Deshalb gibt es keinen Grund zur Panik, zu akuter Sorge. Und keinen Grund, etwas zu unternehmen. Gegen das Unrecht. Nicht wahr?

Im September 2014

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.