Zu Diensten

0203KleinKleinschmidt lag nun schon den dritten Tag zuhause. Grippe. Ehrliche Grippe. Mit Fieber, Gliederschmerzen und einem unbeschreiblichen Gefühl der Schlappheit, die so gar nicht weichen wollte. Den Arztbesuch hatte er hinter sich. Der Gelbe Schein lag im Personalbüro. Arbeitsunfähig für eine Woche. Das erste Mal seit Jahren.

Nicht im Betrieb zu sein, nicht da zu sein, und trotzdem Lohn zu bekommen. Das war ihm fremd. Das beunruhigte ihn. Wie es im Betrieb jetzt wohl lief? Wer an seiner Stelle Hand anlegen würde? Sein fiebernder Kopf ließ nur flüchtige Gedankenfetzen passieren. Wie er seinen Arbeitsplatz vorfinden würde. Nach einer ganzen Woche. Eine ganze Woche.

Die Gedanken quälten ihn anfangs nur ein wenig. Er war noch zu benommen. Als das Fieber sank und sich seine Lebensgeister zurückmeldeten, rief er im Betrieb an. Seinen Stellvertreter. Fehlanzeige. Das Telefon war nicht besetzt. Ein weiterer Versuch: nach einigen Rufen kam das Besetztzeichen und wollte nicht wieder weichen. So ging es auch die nächsten Male.

Kleinschmidt fühlte sich wieder fit. Er hätte jetzt arbeiten können. Ja, er hätte arbeiten müssen, so meinte er. Er fand es eher unanständig, noch zu Hause zu bleiben, um sich, wie sein Arzt sagte, richtig auszukurieren. Längst lief er wieder durch die Wohnung, saß mal hier, lag mal da. Langeweile in der höchsten Alarmstufe. Er riss sich zusammen, las ein Buch, räumte auf, schaffte Ordnung in seinem Arbeitszimmer und war nach der langen Woche pünktlich zurück. Zu Diensten. Zu dienen. Wem auch immer.

Im September 2014

Charcoal made in Germany

OLYMPUS DIGITAL CAMERARauch steigt auf, beißende Schwaden wandern ins Tal. In Walpersdorf verflüchtigen sich unter einem ziemlich dichten Erdmantel entflammbare Substanzen. Aus faserigem Holz wird kristalline Holzkohle für den Hausgebrauch. Oder vielleicht für den Export in die USA? Charcoal made in Germany. Exklusiv für die gehobene Grillkultur? Mir sind solche Exporte nicht bekannt. Und, da Unkenntnis frei macht und weder unseren Dummheiten noch unserer Fantasie Grenzen setzt, darf sich unsere Holzkohle ganz unbefangen auf eine lange Reise begeben: Von ihrer Geburtsstätte im Walpersdorfer Meiler über den Großen Teich nach Santa Barbara, California. Dort sitzt ein Importeur, der seiner gut betuchten Kundschaft gerne Außergewöhnliches beschert: Barbecue mal ohne „Heinz Ketchup“, dafür aber mit Original-Holzkohle aus dem Siegerländer Holzkohlenmeiler. Transatlantischer Genuss. Schön dass das geht. Ohne Einfuhrabgaben. Ohne rechtliche und technische Regelwerke. Viel Spaß mit Wageners Grillkohle aus Walpersdorf, kann man da nur sagen. Apropos TTIP: Eines Freihandelsabkommens bedarf diese Lieferung nicht. Es würde aber auch nicht schaden.

Im September 2014

Ruinöses Geschäft

Der Einzelhandel ist fort. Leere Mauern. Tote Auslagen. Unaufhaltsame Menschen. Wer hier war, ist schon wieder weg, zuhause oder anderswo. Die Schönheit alter Tage ist dahin. Verblichen ist der Glanz kleiner Verlockungen, die das Ersparte forderten und uns bereicherten. Aus und vorbei. Eigentum ohne Mieter. Selbst Ein-Euro-Läden bleiben fern.Verlassene Lokale, wo einst die Geschäfte florierten. Was tun?

Es wird nicht mehr wie früher. Verscheucht das Gespinst, das eine Renaissance goldener Zeiten verheißt. Einzelhandel braucht Anderes als solche Orte. Für die Großen sind die Räume zu klein, die Logistik zu schwierig und der Parkplatz zu weit. Oder zu klein. Oder beides. Kleine wittern eine unwiederbringliche Chance. Und scheitern. Ein billiger Raum ersetzt kein Geschäftskonzept. Und ein gutes Geschäftskonzept verträgt auch eine höhere Miete. In aller Regel. Und die Mitte? Fehlanzeige. Kein Interesse. Es gibt sie noch. Doch sie ist schon versorgt.

Die öden Räume glotzen uns weiter an. Ihre graue Miene verdüstert sich von Monat zu Monat. Sie zehren von ihrer Substanz und vom Vermögen der Eigentümer. Sie verspielen den Kredit ihrer einst attraktiven Lage. Sie zerstören sich selbst. Ein ruinöses Geschäft, dieser Einzelhandel. Wenn er fort ist.

Im September 2014