Zu Diensten

0203KleinKleinschmidt lag nun schon den dritten Tag zuhause. Grippe. Ehrliche Grippe. Mit Fieber, Gliederschmerzen und einem unbeschreiblichen Gefühl der Schlappheit, die so gar nicht weichen wollte. Den Arztbesuch hatte er hinter sich. Der Gelbe Schein lag im Personalbüro. Arbeitsunfähig für eine Woche. Das erste Mal seit Jahren.

Nicht im Betrieb zu sein, nicht da zu sein, und trotzdem Lohn zu bekommen. Das war ihm fremd. Das beunruhigte ihn. Wie es im Betrieb jetzt wohl lief? Wer an seiner Stelle Hand anlegen würde? Sein fiebernder Kopf ließ nur flüchtige Gedankenfetzen passieren. Wie er seinen Arbeitsplatz vorfinden würde. Nach einer ganzen Woche. Eine ganze Woche.

Die Gedanken quälten ihn anfangs nur ein wenig. Er war noch zu benommen. Als das Fieber sank und sich seine Lebensgeister zurückmeldeten, rief er im Betrieb an. Seinen Stellvertreter. Fehlanzeige. Das Telefon war nicht besetzt. Ein weiterer Versuch: nach einigen Rufen kam das Besetztzeichen und wollte nicht wieder weichen. So ging es auch die nächsten Male.

Kleinschmidt fühlte sich wieder fit. Er hätte jetzt arbeiten können. Ja, er hätte arbeiten müssen, so meinte er. Er fand es eher unanständig, noch zu Hause zu bleiben, um sich, wie sein Arzt sagte, richtig auszukurieren. Längst lief er wieder durch die Wohnung, saß mal hier, lag mal da. Langeweile in der höchsten Alarmstufe. Er riss sich zusammen, las ein Buch, räumte auf, schaffte Ordnung in seinem Arbeitszimmer und war nach der langen Woche pünktlich zurück. Zu Diensten. Zu dienen. Wem auch immer.

Im September 2014

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