Schritt nach draußen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGestern wollte ich wissen, wie das Wetter vor meiner Haustür ist. www.wetter.de gab mir bereitwillig Auskunft. Ich nahm also den Schal und den mit Daunen gefütterten Anorak und begab mich ohne Regenschirm nach draußen, um in die Stadt zu gehen. Einkäufe standen an.

Wieder daheim, wusste ich, dass ich die richtige Kleidung gewählt und zu recht auf einen Schirm verzichtet hatte. Ich kam, ohne dass ich hätte frieren müssen, heim. Auch war es mir nicht auf´s Dach geregnet. Aber: was soll das jetzt?

Meine Wetterinformation stammte aus dem Internet. Da wusste schon jemand vor mir, welche Witterung ich draußen antreffen würde. Und er war bereit, diese Information mit mir zu teilen. Dieser große Unbekannte im Internet. Eingentlich sollte das kein Problem sein. Und doch beschleicht mich ein gewisses Unbehagen.

Noch einmal: Ich wollte wissen, ob es draußen kalt oder warm, trocken oder eher feucht war. Nichts hinderte mich, dies höchstpersönlich festzustellen, indem ich mich zur Haustür bewegte, deren Schwelle überschritt, mich nach draußen stellte und mit allen 5 Sinnen – meinetwegen unter zusätzlichem Einsatz meines sechsten Sinnes – den aktuellen Zustand der Witterung vor meiner Haustür zu erfahren. Ich hätte gefroren oder mir wäre warm geworden, ich hätte Regen auf meiner Haut gespürt, feuchte oder trockene Luft geatmet. Unmittelbar. Doch ich befragte das große Netz. Einfach so. Und es hatte Recht, erwies sich als absolut zuverlässiger Informant, als unfehlbar fast.

Noch einmal: Da lagen irgendwo im Nirwana des unbegreiflichen Netzes Daten über die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Bewegung des Wetters vor meiner Haustür. Irgendjemand hatte sie dort abgelegt – oder vielleicht einfach nur vergesen? Ich nehme an: abgelegt, bewusst geliefert. Und dann gab es noch diese Algorithmen, die diese brandfrischen Informationen meiner Anfrage zugeordnet und in einer für mich auf dem Bildschirm meines Computers lesbaren Form abrufbar gemacht hatten. Und all das Drumherum.

Mechanisch getippte Buchstaben, umgewandelt in eine Sprache, die der Computer versteht. Zerhackt und versandfertig verpackt in digitale Päckchen, gepusht und geroutet über rätselhafte Weichen, decodiert und umgeleitet. Meine Postleitzahl im Eingabefeld von www.wetter.de war so richtig eingeschlagen, hatte Digits in Bewegung versetzt (wie auch immer). Das System lieferte die Information: Zerhackt, versandfertig verpackt in digitale Packchen pushte sie diese über den Äther in mein Wohnzimmer. Mein System leistete seinen Teil. Decodieren, routen und ab auf den Bildschirm. Aber bitte lesbar. Für mich. Der eigentlich auch hätte einen Schritt nach draußen unternehmen können.

Im November 2014

Montag

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Abend ist es schon.
Hinter dem Glück der letzten Tage
steigt der Montag auf.

Wer weiß, was mich erwartet,
was mich dann fordern wird,
eine harte Woche lang.

Im Schlaf erwachen Sorgen-Geister,
sie quälen und sie wecken mich
und zerplatzen dann zu Nichts.

Der Wecker meldet sich wie einbestellt,
die letzten Träume flüchten.
Zerschlagen wanke ich ins Bad.

Das Wasser spült die Seele frei.
Der Geist beginnt zu leben.
Ideen warten auf den Tag.

Mechanisch fängt der Montag an,
eingespielt in vielen Jahren
und endet abends dann.

Im November 2014

 

Regio-Call

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Regio-Call ist draußen. Jetzt beginnt das Wettbewerbsverfahren. Jetzt ist klar, welche Vorhaben Aussicht auf den Zuschlag erhalten können. Jetzt beginnt der letzte Teil des ersten Schritts zum Erfolg. Jetzt werden die Papiere erstellt, die Wettbewerbsbeiträge eingereicht. Der Beste soll die Mittel bekommen. Auf ihn wartet ein reicher Geldsegen. Es lohnt sich teilzunehmen, denn die Gewinnchance ist hoch. Für alle, die gut vorbereitet sind, die sich früh drum gekümmert haben. Allein und mit all denjenigen, die entscheiden dürfen, was für die Region wichtig und richtig ist und die bereit sind, eine Entscheidung zu treffen, einen Konsens zu finden, die sich ein sicheres Urteil darüber zutrauen. Worauf auch immer dieses Urteil sich gründen mag.

Viele Millionen sind im Spiel. Und die wollen gut verplant sein. Was macht man mit so viel Geld? Jeder gemeine Stadtkämmerer könnte es aus dem Stand heraus verbauen, es in die Löcher der Straßen zu stopfen. Aber das wäre zu banal. Finanziert wird schließlich nicht der Bedarf. Das wäre regelwidrig. Ziel solcher Fördergelder ist es gerade nicht, die Substanz zu retten. Wir befassen uns mit der Zukunft. Nicht mit der Lösung der Probleme unserer Zeit.

Wer so viel Gutes tut, will nicht namenlos in Untiefen kommunaler Haushaltslöcher versinken. Er will Leuchttürme für die Region. Und vielleicht auch ein bisschen für sich. Als kleinen Anreiz sozusagen. Orietierungsmarken für den Blick in eine glückliche Zukunft sind gefragt. Politische Wohlfühlatmosphäre, wenigstens die, muss dabei herauskommen. Wenn wir schon so viel Geld einsetzen.

Dabei fällt es immer schwerer, den Segen an richtiger Stelle zu spenden. Etwa dort, wo die Wähler in entscheidend großer Zahl zuhause sind. Dort, wo die Gelder Wirkung zeigen. Auch politisch. Bei der nächsten Wahl. Das Wettbewerbsverfahren wirft einen da schon ein ganz schönes Stück zurück. Wenn vor allen Dingen die gute Idee und Vorhaben zählen, die den größten Erfolg für die Region versprechen und zudem nachahmenswert erscheinen, dann fällt es nicht mehr so leicht, die Mittel in politisch bedeutsamen, zugleich aber entwicklungsmüden Regionen zu platzieren. Das sollte für uns aber kein ernstes Problem sein. Für uns sind diese Herausforderungen nicht neu. Und wir haben sie noch immer gemeistert.

Wir sind großzügig. Das spüren die Regionen. Das spüren die Wähler. Und wir gehen verantwortungsvoll mit den Geldern um. Das zeigt schon das aufwendige Verfahren, dem wir uns nicht stellen würden, wollten wir unsere Millionen nach Gutsherrenart auskehren. Unsere Millionen. Ganz von oben. Von der Europäischen Union. Es ist also noch etwas da. Vom Geld der Wähler. Das sie abgeliefert haben. Bei der Union.

Sie  sollten dankbar sein.

Im November 2014

Eklatante Mängel

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Paradies hatte eine vollbiologische Kläranlage. Alle Wesen arbeiteten mit. Oben rein, unten raus. Jede Art, jede Gattung, vom Saurier bis zum Einzeller: Die Tiere und Pflanzen fanden sogar in Hinterlassenschaften anderer, was sie brauchen konnten. Bis auch der letzte Rest verdaut war. Ein tolles System. Aber: Besteht das Paradies auch sonst den Praxistest?

Schon eine kleine Überlegung offenbart eklatante Mängel. Genau betrachtet, war das Paradies gar nicht so paradiesisch, wie man gemeinhin annimmt. Ja, alles lebte: Pflanzen, Tiere waren nach Gattung und Art noch vollständig vorhanden. Wärme, Wasser und Licht gab es zuhauf. Doch wenn Adam nur einmal Heißhunger auf ein saftiges Rindersteak verspürt haben sollte, so musste sich sich die ganze Mangelhaftigkeit des paradiesischen Systems offenbaren. Es versagte in diesem Fall komplett.

Zwar gab es Tiere in Hülle und Gülle; was fehlte, war ein Schlachthof. Nun braucht man, das sei zugestanden, für ein Steak keinen ganzen Schlachthof, Adam hatte aber noch nicht einmal ein Messer, mit dem er das bisschen Steak aus einem der Rinder hätte herausschneiden können. Eine blutige Sache, ein zweifelhaftes Vergnügen für Adam und das Rind und gleichzeitig ein bisschen sehr englisch, weil es weder Grill noch Feuer gab. Fazit: Kein Steak heute. Und auch morgen nicht. Nie. In alle Ewigkeit kein Steak. Und das bei ewigem Leben. Im Paradies.

Und dann dieser ewige Musikgenuss, diese unaufhörlich verzaubenden Wohlklänge des Paradieses. Kein Laubbläser und keine Kettensäge, kein schräger Flötenton, der sich dieser melodischen Harmonie widersetzte. Ein Abschaltknopf fehlte. Ich bin sicher: Dies war die Geburtsstunde der Langeweile, dieses labilen Geisteszustandes, der erst in törichtem Tun ein neues Gleichgewicht findet. Heute verwundert es nicht, dass die Schlange leichtes Spiel hatte: Zwei Menschen, zu ewigem Leben bestimmt, aber zu Tode gelangweilt, verwöhnt bis zum Umfallen, aber auf alle Zeiten nicht in der Lage, sich nur ein einfaches Steak zu braten. Das konnte nicht gut gehen. Und tatsächlich: Adam und Eva kosteten vom Baum der Erkenntnis.

Die Erkenntnis haben wir mit dem Sündenfall nicht erreicht. Wir haben gelernt, Laubbläser und Kettensägen eine Stimme zu geben. Wir unterhalten Schlachthöfe. Wir haben unsere eigenen, fast vollbiologischen, Kläranlagen. Wir schießen Satelliten ins All. Doch nach der Erkenntnis der Früchte des Baumes, von dem Adam und Eva damals kosteten, stochern wir noch immer vergebens: Dem Sinn des Lebens. Ein Leben lang. Aber nicht länger.

Im November 2014

Ein Glücksspiel

OLYMPUS DIGITAL CAMERASpielhallen zu betreiben, gleicht einem Glücksspiel. Dem Glücklichen winkt ein Gewinn. Wer kein Glück hat, verliert sein Geld, sein Vermögen, seine Existenzgrundlage und vielleicht seinen Ruf. Wenn es schlecht für ihn läuft. Allem kaufmännischen Geschick zum Trotz. Denn in Spielhallen zu investieren, ist ein Wagnis mit ungewissem Ausgang: Für sie gibt es keine Bauartzulassung, kein technisches Regelwerk, das ihnen Bestandssicherheit gäbe. Für sie gibt nur eine Erlaubnis (§ 33 i Abs. 1 GewO). Diese Erlaubnis aber ist kaum mehr als das „Grüne Licht“ einer Ampel, stets auf dem Sprung, seine Farbe zu wechseln um dann endgültig auf „Rot“ zu schalten. Nicht strengen Algorithmen folgend, als vielmehr der Beliebigkeit, mit der wir unser Gemeinwesen über Gesetze und Verfügungen regeln. Das zeigt die derzeitige Diskussion um ein Vergnügungsstättenkonzept für die Stadt Siegen.

Wer beispielsweise 2010 in Siegen in eine Spielhalle investieren wollte, konnte dies an geeigneter Stelle in geeigneter Größe mit Erlaubnis der Stadt tun. Wollte er mehr als 12 Spielgeräte aufstellen, erhielt er eine Mehrfachkonzession, für zum Beispiel für 4 mal 12 Geräte, die er in seiner Halle aufstellen durfte. Er baute die Halle oder schloss Mietverträge über Räume, in denen er das Automaten-Glücksspiel anbieten konnte. Das war ein gewöhnlicher Gewerbebetrieb mit einem Planungshorizont von – sagen wir – 10 Jahren. Mit einer Finanzplanung bis 2020. Mit Miet- und Pachtverträgen gleicher Laufzeit. Mit Kooperationspartnern, die bereit waren, diesen Weg mitzugehen.

Wir wissen heute: Die Pläne könnten scheitern. Am 1. Dezember 2017 werden wir sehen, was von dem Konzept übrig geblieben sein wird, ob der Unternehmer Glück haben oder ob er zu den Unglücklichen zählen wird, die an falscher Stelle investiert und Vermögen verloren haben.  Nach dem 30. November 2017 wird eine neue Erlaubnis nach § 16 des Gesetzes zur Ausführung des Glücksspielstaatsvertrages (NRW, 13. November 2012) i.V. mit § 24 Abs. 1 Erster GlüÄndStV fällig. Dann enden Übergangsvorschriften für Betriebe, die bis zum 28. Oktober 2011 eine gewerberechtliche Erlaubnis für den Betrieb einer Spielhalle hatten.

Bis zum Ende der Übergangsfrist durften und dürfen solche Betriebe ohne Rücksicht auf die neuen Abstandsvorschriften des Staatsvertrages weiter arbeiten. Ab 1. Dezember 2017 aber gelten auch für sie die neuen Bestimmungen. Dann gibt es für jede Spielstätte nur noch eine Konzession für bis zu 12 Spielgeräte (§ 3 Abs. 2 S. 1 SpielV). Die bisher üblichen Mehrfachkonzessionen gibt es dann nicht mehr. Wer mehr als 12 Geräte aufstellen will, muss jeweils einen Abstand von 350 Metern zur nächsten Spielstätte einhalten.

Betriebe, die heute in einer Spielhalle auf der Grundlage von Mehrfachkonzessionen beispielsweise 48 Geldspielgeräte aufgestellt haben, müssen dann 36 Geräte abbauen. Übrig bleiben 12 Geräte und eine in anderer Weise kaum noch anderweitig nutzbare Hallenfläche. Die Einnahmemöglichkeiten reduzieren sich rechnerisch auf ein Viertel der bisherigen Umsätze bei gleichen Fixkosten. Kaum denkbare Alternative wäre die Investition in vier neue Spielstätten unter Aufgabe der einen großen: Jede einzelne wäre aufgrund der erforderlichen Investitionen, der höheren Personalkosten bei gesetzlich gedeckelten Einnahmemöglichkeiten pro Spielgerät deutlich weniger wirtschaftlich, womöglich sogar völlig unrentabel.

Selbst wenn die Wirtschaftlichkeitsschwelle allen Annahmen zum Trotz doch noch erreicht werden könnte, wäre eine solche Alternative an den Siegener Standorten wohl von vornherein ausgeschlossen. Denn die jetzt im Vergnügungsstättenkonzept präsentierten möglichen Ansiedlungsflächen sind zu klein, als dass sie den Betrieb mehrerer Spielhallen räumlich unter Einhaltung einer Distanz von jeweils 350 Metern ermöglichen würden. So verschärft die geplante Siegener Regelung die Lage der Spielhallenunternehmer noch einmal.

Es ist der voerst letzte Schritt einer Reihe von Restriktionen, denen sich die legal arbeitenden Gewerbetreibenden im Glücksspielsektor stellen müssen. Einen „kräftigen Schluck aus der Pulle“ nahm die Stadt Siegen, als sie durch Ratsbeschluss vom 11. Dezember 2013 die Vergnügungssteuer auf 20 Prozent auf die Einspielergebnisse anhob. Mit neuen Vorschriften über die in zweijährigem Turnus anfallende gutachtliche Prüfung der Geldspielgeräte und die neue Nachweispflicht, wonach der Aufsteller und Beschäftige sich einer Unterrichtung über rechtliche Grundlagen des Betriebs, insbesondere aus der Sicht des Jugend- und Spielerschutzes, unterzogen haben müssen (§ 10 a SpielV), ist das Geschäft aufwendiger geworden. Dabei lässt die Deckelung des für den Aufsteller höchstmöglichen Spielergebnisses pro Spielgerät auf 60 Euro pro Spielstunde (§ 13 Abs 1 Ziff. 4 SpielV) keinen Spielraum, die Einnahmen an anderer Stelle zu erhöhen. Viele andere gewerbliche Tätigkeiten sind im Zusammenhang mit einer Spielhalle verboten, so dass Umsatzverlagerungen in der Spielhalle auf andere Angebote kaum in Betracht kommen.

Die tatsächliche Rentabilität weicht so auffällig von der Rentabilitätsvorschau zu Beginn des Vorhabens im Jahre 2010 ab. Deshalb liegt es auf der Hand, dass Altbetriebe mit dem Auslaufen der Übergangsfrist die ausnahmsweise, wenn auch befristete, Verlängerung von Mehrfachkonzessionen bis zur Amortisation ihrer Investitionen beantragen werden. Die Abstandsregelung ist eine „Soll- Bestimmung“. In begründeten Ausnahmefällen kann die Erlaubnisbehörde davon abweichen (§ 29 Abs. 4 S. 4 Erster GlüÄndStV).

In Siegen liefert das neue Vergnügungsstättenkonzept geradezu eine Steilvorlage für den Ausnahmetatbestand, indem es durch den geringen Größenzuschnitt der ausgewiesenen Standorte die Zahl der Spielhallen im Wesentlichen auf den Spielhallenbestand beschränkt. Der Bestand wird angesichts der 350- Meter Abstandsregelung nach dem 30. November 2017 aber selbst keinen Bestand haben. Wenn dann die Konzessionen neu beantragt werden, können nicht alle Betriebe eine neue Erlaubnis erhalten. Wir dürfen gespannt darauf sein, zu wessen Gunsten die Entscheidung der Erlaubnisbehörde ausfallen wird, wenn zwei zu nah benachbarte Betriebe ihre Anträge auf Neukonzessionierung stellen werden. Gilt dann das Windhundprinzip? Oder wie anders will die Erlaunisbehörde einen der Anträge ablehnen? Es bleibt spannend. Beim Glücksspiel mit den Spielhallen.

 Einschlägige Rechtsnormen für Spielhallen:

  • 33 c GewO – Spielgeräte mit Gewinnmöglichkeit
  • 33 f GewO – Ermächtigung zum Erlaß von Durchführungsvorschriften
  • 33 i GewO – Spielhallen und ähnliche Unternehmen
  • Erster Staatsvertrag zur Änderung des Staatsvertrages zum Glücksspielwesen in Deutschland (Erster Glücksspieländerungsstaatsvertrag – Erster GlüÄndStV) (15. November 2011).
  • Gesetz zur Ausführung des Glücksspielstaatsvertrages (NRW, 13. November 2012)
  • Satzung über die Erhebung von Vergnügungssteuer in der Stadt Siegen – Vergnügungssteuersatzung – (Ratsbeschluss vom 11. Dezember 2013).
  • Satzung über die Erhebung von Vergnügungssteuer in der Stadt Siegen vom 11. Dezember 2013
  • Verordnung über Spielgeräte und andere Spiele mit Gewinnmöglichkeit (Spielverordnung – SpielV (Spielverordnung in der Fassung der Bekanntmachung vom 27. Januar 2006 (BGBl. I S. 280), die durch Artikel 5 der Verordnung vom 4. November 2014 (BGBl. I S. 1678) geändert worden ist“. (Anm.: Grundlage ist § 33 f Abs. 1GewO)

Im November 2014

Sie ist geknackt

OLYMPUS DIGITAL CAMERASie ist geknackt. Meine Bankverbindung ist tot. Sie musste sich nach langem Kampf am Ende doch ergeben. Die Bank hatte eine Verbindung. Sie hat sie nicht mehr. Konnte sie nicht halten. Allem Widerstand zum Trotz. Persönlich hatte ich vorgesprochen.

Was wie eine leichte Übung schien, entpuppte sich als komplizierter Akt. Ich hatte einen Berg von Unterlagen zur Kenntnis nehmen und Formulare ausfüllen müssen. Wohl wegen der besonderen Bedeutung und Schwere meines so schlichten wie unbequemen Anliegens.

Meine Hoffnung auf einen kurzen Prozess war blanke Illusion. Erst mein Anruf brach die zum Tode verdammte Verbindung auf. Stück für Stück. Ein Steinbruch stand Pate. Erst verschwand das Depot. Dann das Girokonto. Und dann ergaben sich die kleinen Restkonten in einer mir im Gesamtprozess schleierhaften Logik der Geschehensabläufe.

Verschämt trudelte geraume Zeit nach dem Vollzug per Post eine Nachricht über die Depotauflösung ein. Das Girokonto verschwand. Online war es einfach nicht mehr da. Kommentarlos. Und dann gab es noch den schäbigen Rest. Zwei winzig kleine Beträge. Wohin damit? Es dauerte nur ein paar Tage. Dann waren auch sie verschwunden. Jedenfalls für mich. Mein Kontozugriff scheiterte am Tage X und sollte nie mehr wiederbelebt werden. Ohne Kommentar.

Noch fehlt mir der schriftliche Nachweis, quasi das amtliche Dokument, dass nichts mehr ist, wo früher eine mir teure Bankverbindung war. Ich bin ja geduldig. Noch sind seit Äußerung meines wohl unanständigen Begehrens kaum mehr als 6 Wochen vergangen. Eines aber zählt: Meine Bankverbindung ist geknackt, auch wenn dies noch nicht amtlich ist.

Im November 2014

Open-Air im Siegerland

OLYMPUS DIGITAL CAMERAKeine 10 Meter entfernt. Die kurze Böschung hinunter und dann auf der Ebene: Dort liegt der Spielplatz des Feierabendvergnügens. Mit Zwei- und Viertaktern. Hochtouriger Gesang folgt dumpfem Grollen. Dazwischen Menschenstimmen. Open-Air- Musik der ganz besonderen Art. Wir sind im Siegerland. Eine ganze Großfamilie sägt, bohrt und hämmert sich durch ihre Freizeit. Sichtbar, vor allem aber hörbar.

Diese melodische Welt auf- und abschwellenden Gekreischs der Sägen, hölzerner Hammerschläge und brummender Mäher zählt hier als Genussmittel. Wir befinden uns in einem Familienkonzert. Es gibt keinen schrägen Ton, jeder einzelne tut gut. Auf Zuruf arbeitet hier ein eingespieltes Orchester. Gender-Fragen? Gelöst. Jeder darf mitmachen. Er, sie, die Töchter, die Schwiegersöhne und deren verheißungsvoller Nachwuchs gleichermaßen.

Nachhaltiges Wirtschaften? Selbstverständlich. Ausschließlich natürliche Rohstoffe aus heimischen Haubergen werden hier verarbeitet. Ein Generationenprojekt besonderer Art. In direkter Nachbarschaft. Respekt. Wir sitzen in der ersten Reihe. Ein Privileg. Ein ganz besonderes Privileg, das wir hier genießen können. Denn die Vorstellung wird wiederholt. Schon seit mehr als 20 Jahren. Mit höchster Zuverlässigkeit. Allenfalls unterbrochen durch höhere Gewalt: heftigen Regen, Schnee oder Sturm. Aber ansonsten: Kein Grund zur Klage. Ausfälle gibt es so gut wie nie.

Gespielt wird natürlich, wenn die Zuschauertribüne gefüllt ist. Wenn jeder teilhaben kann, an der schöpferischen Kraft Siegerländer Konzertkunst: Am Feierabend. Jeden Freitag, Samstag und dann in der Woche, wenn es hell genug ist, das Spektakel hautnah von der eigenen Terasse aus zu erleben. Wenn es windstill ist, die Sonne langsam im Westen untergeht und uns den Rest ihrer wärmenden Strahlen in den Garten schickt. Wenn es so richtig schön ist, draußen. Dann gibt´s ein Konzert. Jedes Mal. Mit schöner Zuverlässigkeit.

Unsere Terrasse ist verwaist. Die Plätze in der ersten Reihe bleiben leer. Uns fehlt wohl der Sinn für so viel Kultur. Eindringlich werden wir dran erinnert. Selbst in der zweiten Reihe, zurück im Haus. Wir haben ein viel versprechendes Abonnement in der ersten Reihe. Unkündbar. Generationen übergreifend. Es geht doch nichts über eine friedliche Nachbarschaft. Und zuweilen auch nichts über eine leise.

Im November 2014

Wir sind so frei


OLYMPUS DIGITAL CAMERASind wir nicht alle ein bisschen frei? In gewissen Schranken, versteht sich. Haben wir nicht alle ein bisschen das Recht, unsere Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten? Ein kleines bisschen? Ja. Ein kleines bisschen. Wir sind so frei. Genau so. Tagsüber, wenn wir unser Leben erdienen.

Wir sind so frei, Variante 3 der Begrüßungsformel unserer Arbeitsanweisung zu verwenden. Wir hätten ja auch Variante 1 nehmen können. Oder jedes Mal eine andere. Wir sind so frei. Und leben.

Wir sind so frei, Haltung zu wahren. Allem Unsinn zum Trotz, der seinem Geiste entspringt. Wir könnten auch widersprechen. Wir sind so frei und außerdem gescheit genug, dies nicht zu tun. Wir sind so frei. Wir wollen leben.

Wir sind so frei, seine Meinung zu vertreten. Wir müssen es nicht.  Haben unsere eigenen Ansichten. Es ist unser eigener Wille. Wir wissen, was wir wollen. Wir sind so frei. Wir wollen leben.

Wir sind so frei zu schweigen, wenn Unrecht geschieht. Unser Aufschrei erstickt. Weil wir es wollen. Wir sind so frei. Wir wollen leben.

Freiheit, was ist das schon? Wenn wir doch leben wollen? Wenn wir doch alle ein bisschen frei sind?

Im November 2014

Noch eine Runde

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Reihen sind belegt. Fahrzeug schmiegt sich an Fahrzeug. Volles Haus. Langsam lenke ich meinen Wagen geradeaus und dann nach links in den Hof. Zu den reservierten Plätzen. Und finde meine Ahnung bestätigt: Ein paar  Sport Utility Vehicles thronen erhaben auf verbotenem Grund. Fremde sind es. Zwischendrin bekannte Fabrikate und Kennzeichen. Keine Lücke. Kein Ausweichplatz. Ich fahre vorbei, biege nach links, vollende die Runde ums Gebäude. Ich starte zu einem neuen Anlauf, setzte ein Signal. Die Kisten stehen unbeweglich. Provokation und Anmaßung zugleich. Die Besitzer drinnen, für mich namenlos, aber doch bekannt. Sie höflich zu bitten, ist zwecklos. Sie anzuhalten, ist undenkbar. Sie gar nicht anzusprechen, ist das Mittel erster Wahl.

Zähneknirschend überlasse ich meinen Parkplatz einem anderen. Und weiß ich noch nicht mal wem. Denn nur die Reihe ist reserviert. Für uns, die ein paar mehr Rechte haben sollen. Für uns, die sich ja auch nicht lumpen lassen, ganzen Einsatz zu zeigen. Immer wachsam, immer bereit, dort, wo sie gebraucht werden. Gegen ein bisschen Geld und kleine Privilegien. Die uns andere streitig machen. Einfach so. Ich kreise weiter. Noch eine Runde. Die Uhr läuft. Um halb Neun beginnt mein Dienst. Später zu kommen, ist auch kein Problem. Die Uhr läuft, aber ich habe Zeit, Zeit genug, um meinen ganzen Protest herauszufahren. Immer rundherum. Immer lauernd. Auf eine Lücke. Hinten. Unbeeindruckt glotzen mich die Rücklichter der Falschparker an. In jeder Runde neu. Mit jedem Mal provokanter.

Ich habe Zeit, viel Zeit. Und ich fahre weiter, fahre mir einen Drehwurm ein. Mit der Zeit. Mit der Zeit, die ich habe. Mit meiner eigenen Zeit, die ich ganz dem Protest widme. Gegen den Regelverstoß. Gegen die Missachtung meines Privilegs. Gegen die Respektlosigkeit. Längst haben sich Lücken im nicht bevorzugten vorderen Bereich geöffnet. Längst sind sie wieder geschlossen. Ich aber fahre weiter. Halb Neun ist lange durch. Es ist nur eine Frage der Zeit. Dann wird sich etwas bewegen. Hinten. Auf meinem Parkplatz. Und wenn es Abend wird. So viel Zeit muss sein. Neun mal zweieinhalb Meter reserviert Fläche warten auf mich. Noch eine Runde.

Im November 2014