Eklatante Mängel

OLYMPUS DIGITAL CAMERADas Paradies hatte eine vollbiologische Kläranlage. Alle Wesen arbeiteten mit. Oben rein, unten raus. Jede Art, jede Gattung, vom Saurier bis zum Einzeller: Die Tiere und Pflanzen fanden sogar in Hinterlassenschaften anderer, was sie brauchen konnten. Bis auch der letzte Rest verdaut war. Ein tolles System. Aber: Besteht das Paradies auch sonst den Praxistest?

Schon eine kleine Überlegung offenbart eklatante Mängel. Genau betrachtet, war das Paradies gar nicht so paradiesisch, wie man gemeinhin annimmt. Ja, alles lebte: Pflanzen, Tiere waren nach Gattung und Art noch vollständig vorhanden. Wärme, Wasser und Licht gab es zuhauf. Doch wenn Adam nur einmal Heißhunger auf ein saftiges Rindersteak verspürt haben sollte, so musste sich sich die ganze Mangelhaftigkeit des paradiesischen Systems offenbaren. Es versagte in diesem Fall komplett.

Zwar gab es Tiere in Hülle und Gülle; was fehlte, war ein Schlachthof. Nun braucht man, das sei zugestanden, für ein Steak keinen ganzen Schlachthof, Adam hatte aber noch nicht einmal ein Messer, mit dem er das bisschen Steak aus einem der Rinder hätte herausschneiden können. Eine blutige Sache, ein zweifelhaftes Vergnügen für Adam und das Rind und gleichzeitig ein bisschen sehr englisch, weil es weder Grill noch Feuer gab. Fazit: Kein Steak heute. Und auch morgen nicht. Nie. In alle Ewigkeit kein Steak. Und das bei ewigem Leben. Im Paradies.

Und dann dieser ewige Musikgenuss, diese unaufhörlich verzaubenden Wohlklänge des Paradieses. Kein Laubbläser und keine Kettensäge, kein schräger Flötenton, der sich dieser melodischen Harmonie widersetzte. Ein Abschaltknopf fehlte. Ich bin sicher: Dies war die Geburtsstunde der Langeweile, dieses labilen Geisteszustandes, der erst in törichtem Tun ein neues Gleichgewicht findet. Heute verwundert es nicht, dass die Schlange leichtes Spiel hatte: Zwei Menschen, zu ewigem Leben bestimmt, aber zu Tode gelangweilt, verwöhnt bis zum Umfallen, aber auf alle Zeiten nicht in der Lage, sich nur ein einfaches Steak zu braten. Das konnte nicht gut gehen. Und tatsächlich: Adam und Eva kosteten vom Baum der Erkenntnis.

Die Erkenntnis haben wir mit dem Sündenfall nicht erreicht. Wir haben gelernt, Laubbläser und Kettensägen eine Stimme zu geben. Wir unterhalten Schlachthöfe. Wir haben unsere eigenen, fast vollbiologischen, Kläranlagen. Wir schießen Satelliten ins All. Doch nach der Erkenntnis der Früchte des Baumes, von dem Adam und Eva damals kosteten, stochern wir noch immer vergebens: Dem Sinn des Lebens. Ein Leben lang. Aber nicht länger.

Im November 2014

Dieser Eintrag wurde in Prosa veröffentlicht.