Schritt nach draußen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGestern wollte ich wissen, wie das Wetter vor meiner Haustür ist. www.wetter.de gab mir bereitwillig Auskunft. Ich nahm also den Schal und den mit Daunen gefütterten Anorak und begab mich ohne Regenschirm nach draußen, um in die Stadt zu gehen. Einkäufe standen an.

Wieder daheim, wusste ich, dass ich die richtige Kleidung gewählt und zu recht auf einen Schirm verzichtet hatte. Ich kam, ohne dass ich hätte frieren müssen, heim. Auch war es mir nicht auf´s Dach geregnet. Aber: was soll das jetzt?

Meine Wetterinformation stammte aus dem Internet. Da wusste schon jemand vor mir, welche Witterung ich draußen antreffen würde. Und er war bereit, diese Information mit mir zu teilen. Dieser große Unbekannte im Internet. Eingentlich sollte das kein Problem sein. Und doch beschleicht mich ein gewisses Unbehagen.

Noch einmal: Ich wollte wissen, ob es draußen kalt oder warm, trocken oder eher feucht war. Nichts hinderte mich, dies höchstpersönlich festzustellen, indem ich mich zur Haustür bewegte, deren Schwelle überschritt, mich nach draußen stellte und mit allen 5 Sinnen – meinetwegen unter zusätzlichem Einsatz meines sechsten Sinnes – den aktuellen Zustand der Witterung vor meiner Haustür zu erfahren. Ich hätte gefroren oder mir wäre warm geworden, ich hätte Regen auf meiner Haut gespürt, feuchte oder trockene Luft geatmet. Unmittelbar. Doch ich befragte das große Netz. Einfach so. Und es hatte Recht, erwies sich als absolut zuverlässiger Informant, als unfehlbar fast.

Noch einmal: Da lagen irgendwo im Nirwana des unbegreiflichen Netzes Daten über die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und die Bewegung des Wetters vor meiner Haustür. Irgendjemand hatte sie dort abgelegt – oder vielleicht einfach nur vergesen? Ich nehme an: abgelegt, bewusst geliefert. Und dann gab es noch diese Algorithmen, die diese brandfrischen Informationen meiner Anfrage zugeordnet und in einer für mich auf dem Bildschirm meines Computers lesbaren Form abrufbar gemacht hatten. Und all das Drumherum.

Mechanisch getippte Buchstaben, umgewandelt in eine Sprache, die der Computer versteht. Zerhackt und versandfertig verpackt in digitale Päckchen, gepusht und geroutet über rätselhafte Weichen, decodiert und umgeleitet. Meine Postleitzahl im Eingabefeld von www.wetter.de war so richtig eingeschlagen, hatte Digits in Bewegung versetzt (wie auch immer). Das System lieferte die Information: Zerhackt, versandfertig verpackt in digitale Packchen pushte sie diese über den Äther in mein Wohnzimmer. Mein System leistete seinen Teil. Decodieren, routen und ab auf den Bildschirm. Aber bitte lesbar. Für mich. Der eigentlich auch hätte einen Schritt nach draußen unternehmen können.

Im November 2014

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.