Seitenwechsel

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie politische Entscheidung, einen gesetzlichen Mindestlohn einzuführen, respektieren wir. Sie beruht auf einer Mehrheitsentscheidung unseres Parlaments und entspricht den Spielregeln unserer Demokratie. Und dennoch: Wir hätten gerne darauf verzichtet. Und so mancher Befürworter hätte sicherlich ein zweites Mal hingesehen, wenn er sich der Folgen für die Betriebe bewußt gewesen wäre oder sie auch nur geahnt hätte.

Ein sehr einfaches Beispiel aus dem Gastgewerbe: Eine 18- jährige Studentin hilft aus, wenn unerwartet eine Busladung voller hungriger Gäste eintrudelt, die auf Facebook und auf allen Internet-Bewertungportalen kein gutes Haar an dem Betrieb lassen werden, wenn die Versorgung nicht reibungslos klappt. Der Restaurantbesitzer braucht jetzt Hilfe. Auf diesen Ansturm ist er an diesem ruhigen Tage nicht vorbereitet. Doch er muss die Herausforderung meistern. Denn er lebt von seinem Betrieb. Und der ist noch nicht schuldenfrei.

Die Studentin hat nur diesen einen Job. Sie kann deshalb problemlos im Rahmen der 450-Euro- Regelung für Steuern und Sozialabgaben beschäftigt werden. Der Restaurantbesitzer ruft sie zuhause an. Sie lässt ihre Studienarbeit für ein paar Stunden ruhen und meldet sich im Betrieb. Die ersten Gäste sitzen bereits auf ihren Plätzen, warten auf Bedienung. Der Betrieb hat kein elektronisches Zeiterfassungssystem. Dafür ist er zu klein. Die Bürotür ist verschlossen. Der Inhaber und seine Frau werden im Restaurant gebraucht. Die Studentin notiert sich deshalb den Beginn ihrer Tätigkeit auf einem kleinen Zettel und steckt ihn in die Manteltasche. Später will sie die Stunden in eine Liste eintragen, die im Büro liegt. Sie macht sich an die Arbeit. Mehr als 3 Stunden ist sie gut beschäftigt. Dann macht sie sich auf den Heimweg. Zuhause zieht sie den Zettel aus der Tasche, sieht auf die Uhr und trägt ein, wann sie den Betrieb verlassen hat. Sie legt den Zettel zu den übrigen Aufzeichnungen, um in ein paar Tagen ihre Stunden mit dem Chef abzugleichen und aufzuschreiben. Erst einmal aber fährt sie für eine Woche mit Freunden an die Ostsee.

Zwei Tage nach ihrer Rückkehr meldet sich ihr Chef, er benötige dringend ihre Aufzeichnungen über die Stunden, die sie bei ihm gearbeitet habe. Die 7 Tage Aufzeichnungsfrist seien bereits vorüber, er, der Chef, wolle kein Bußgeld kassieren, wenn er wegen des Mindestlohngesetzes kontrolliert werde. Die Studentin liefert ihre Daten. Der Chef trägt sie ein. Unter welchem Datum, bleibt sein Geheimnis. Des drohenden Bußgelds wegen. In gleicher Weise verfährt der Unternehmer bei der Dokumentation aller Arbeitszeiten seiner festen Angestellten und der übrigen Aushilfen. So rechtzeitig wie möglich, so richtig und vollständig wie nötig und selbstverständlich in voller Übereinstimmung mit dem Arbeitszeitgesetz und seinen zahlreichen Beschäftigungsverboten. Würde diese Übereinstimmung fehlen, lieferte er sich der Ahndung als Ordnungswidrigkeit oder der Strafverfolgung aus. Denn die Einhaltung des Mindestlohns wird von etwa 1.600 Beschäftigen des Zolls kontrolliert.

Zufallsfunde zu Verstößen gegen das komplizierte Arbeitszeitrecht sind nicht ausgeschlossen. Obwohl sich nach unserer Rechtsordnung niemand selbst beschuldigen muss, ist es hier bisweilen unausweichlich. Schließlich darf man in der Dokumentation der Arbeitszeiten keine falschen Angaben machen. Wird der Inhalt unrichtig dokumentiert, ist dies ein Bußgeldtatbestand nach dem Mindestlohngesetz.

Dies ist ein harmloser, einfacher Fall. Schwieriger würde es, wenn die Studentin noch weitere Jobs hätte oder nur kurzfristig beschäftigt wäre. Oder beides: kurzfristig und nur geringfügig. Wer es genau wissen will, kann die häufigsten Spielarten von Minijobs in den 152 Seiten starken Richtlinien für die versicherungsrechtliche Beurteilung von geringfügigen Beschäftigungen (Geringfügigkeits-Richtlinien) vom 12. November 2014 nachlesen. Der Unternehmer wird den Text lesen oder durch einen Fachmann lesen lassen. Er muss auch dieses Regelwerk kennen. So, wie er zahllose andere Vorschriften beachten und einhalten, Prüfungen vornehmen und Dokumente erstellen muss. Tagtäglich.

Wie konnte es passieren, dass gerade 450- Euro- Jobs mit umfangreichen Dokumentations- und Aufbewahrungsvorschriften befrachtet werden, obwohl sie im Kern solche geringfügigen Beschäftigungen in der steuerlichen und sozialversicherungsrechtlichen Handhabung erleichtern sollten?

Wie konnte es passieren, dass für ganze Branchen[1]Dokumentations- und Aufbewahrungs- und Duldungspflichten postuliert werden konnten, rechtschaffen arbeitende Betriebe dem Generalverdacht erhöhter Anfälligkeit für Gesetzesverstöße auszusetzen, ihre Leistungskraft zu lähmen und Mogeleien und Tricksereien der unseriösen Konkurrenz Vorschub zu leisten? Wie konnte die Notwendigkeit entstehen, eine Mindestlohndokumentationspflichten-Verordnung zu erlassen, deren sperriger Name uns wie ein unumstößliches Monument der Unzulänglichkeiten des Gesetzteswerks um den Mindestlohn erscheinen muss?

Wie konnte das nach allen Bemühungen um mehr Transparenz und Bürokratieabbau geschehen? Wie konnte das alles geschehen, nachdem der Bund am 1. Juni 2006 das Gesetz zur Einrichtung eines Nationalen Normenkontrollrates (NKRG) verabschiedet hatte, der darüber wacht, dass die Folgen neuer Vorschriften unter Einschluss der Bürokratiekosten bereits im Gesetzgebungsverfahren transparent werden?

Vielleicht konnte das alles so geschehen, weil die Gesetzesfolgenabschätzung – bei allem Respekt – doch fern der Praxis erfolgt. Ein Beispiel: So heißt es in der Begründung des Mindestlohngesetzes am 2. April 2013 zu Kosten, die die Aufzeichnung der geleisteten Stunden mit Beginn, Ende und Dauer der täglichen Arbeitszeit bei 450- Euro-Kräften sowie Mitarbeitern zahlreicher Branchen innerhalb von 7 Tagen nach sich ziehen: Es entstehe kein zusätzlicher Erfüllungsaufwand, da die geleistete Arbeit in der Regel ohnehin für die ordnungsgemäße Abwicklung der Arbeitsverhältnisse dokumentiert werden müsse. Auch Aufwand für die zweijährige Aufbewahrungs wird ausdrücklich verneint. Der Normenkontrollrat billigte diese Darstellung. Die Praxis aber sieht anders aus. Sie ist viel komplexer und bedeutet für die Betriebe einen immerwährenden Spagat zwischen der Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben, dem praktischen Bedarf vor Ort und der Wirtschaftlichkeit des Betriebs.

Es drängt sich die Ahnung auf, unsere Abgeordneten könnten bereits den Blick für die betriebliche Wirklichkeit verloren haben, will man ihnen nicht unterstellen, diese zwar zu kennen, trotzdem aber Gesetze zu erlassen, die erkennbar kleinere Betriebe überfordern müssen und überfordern werden. Ein Seitenwechsel ist in der Politik mitunter eher verpönt. Sich einmal auf die Seite der Betriebe zu setzen, erscheint indes notwendiger denn je.

Im Januar 2015

[1] nämlich das Baugewerbe, das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe, Personenbeförderungs­gewerbe, das Speditions-, Transport- und damit verbundenen Logistikgewerbe, das Schaustellergewerbe, die Unternehmen der Forstwirtschaft, Gebäudereinigungsge­werbe, die Unternehmen, die sich am Auf- und Abbau von Messen und Ausstellungen beteiligen, und die Fleischwirtschaft

Zu viel des Guten

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin Gastgeber kann nur so gut sein, wie das, was er seinen Gästen gibt. An Kraft, an Zeit, an Inspiration. Manche haben mehr Kraft, die anderen mehr Zeit oder Einfallsreichtum. Manche weniger. Alle aber können von allem, was sie geben könnten, nur einen Teil einbringen: den Teil, der übrigbleibt. Sozusagen die Netto- Anteile, die nach Abzug aller Steuern und Sozialabgaben – im übertragenen Sinne – noch nicht vernichtet sind. Abzüglich der Nachtruhe, wenn man die Zeit allein betrachtet.

Einmal angenommen, alle Gastgeber hätten das gleiche Päckchen an Abgaben zu tragen: Dann bekäme der Gast zwar nur einen Bruchteil dessen, was der Gastgeber in der Theorie zu leisten imstande wäre; wir hätten aber Wettbewerbsgleichheit. Niemand stünde im Vergleich besser oder schlechter da. Weder die Gastgeber, noch nicht einmal die Gäste. Würd´s mit den Abgaben zu viel, wär´s ebenfalls eigentlich ein neutrales Geschäft. Der Gastgeber käme kaum noch dazu, seiner eigentlichen Bestimmung zu dienen; der Gast ginge allmählich leer aus. Kein Service, keine leckeren Gerichte, keine gepflegte Unterkunft. Ein bisschen düster, diese Vorstellung, oder?

Noch ist es nicht ganz so schlimm und doch schlimmer. Noch bleibt dem Gastgeber nach Erfüllung all seiner Dokumentations- Informations- und Meldepflichten, nach ordnungsgemäßer Steuererklärung, Bedienung der amtlichen Statistiken, nach Prüfung und Freigabe der eingehenden Rechnungen, der ordnungsgemäßen An- und Abmeldung seiner Angestellten sowie der Erledigung des Rechnungswesens ein Stück seiner Reserven an Kraft, an Zeit und Inspiration, die er ganz dem Gast widmen kann. Solange ihn nicht das schlechte Gewissen plagt, er könnte etwas übersehen haben, das Geld könnte für die Rückzahlung der Kredite nicht reichen, die Kunden könnten ausbleiben oder andere Sorgen ihn quälen. Je mehr Pflichten, umso eher besteht die Gefahr, säumig zu bleiben. Das geht schlägt auf´s Gemüt, zunächst zu Lasten der Inspiration. Es bleiben die Reste von Kraft und Zeit. Die drohen, angesichts fehlender Inspiration ebenfalls bald zu versiegen. Und dann bleiben die Kunden aus. Die Rückzahlung der Kredite scheitert, die Fehler häufen sich. Das Licht geht aus. Die Herberge bleibt kalt. Strom, Wasser und Heizung sind abgestellt.

Es ist nicht so schlimm und doch schlimmer, weil die Dokumentations- und Meldepflichten, all die alltäglichen Fallstricke den Gastgeber gefangen halten. Heute kommt die Personalnot hinzu. Dann noch die neuen Deklarationspflichten über Allergene bei der Bereitstellung von Speisen. Nun müssen auch noch die Stunden der Mitarbeiter kleinlich und mit kurzer Frist dokumentiert und der staatlichen Kontrolle präsentiert werden. So will es das neue Mindestlohngesetz. Das ist zu viel des Guten. Ein Gastgeber kann nur so gut sein, wie er seinen Gästen Kraft, Zeit und Inspiration geben kann.

Im Januar 2015

Beschäftigung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIch bin gut beschäftigt. Und das meine ich ernst. Zum einen habe ich viel zu tun. Zum anderen habe ich auch ein auskömmliches Leben. Ich verdiene gut, kann meine Familie ernähren und für mich bleibt auch noch etwas übrig. Doch nicht genug: Das Unternehmen hat einen guten Ruf. Meine Beschäftigung ist deshalb geachtet. Ich meine: gesellschaftlich anerkannt. Ich fühle mich wohl. Und das soll auch so bleiben. Und das wird auch so bleiben. Dafür sorge ich. Alle, die daran etwas ändern wollten, sind gnadenlos gescheitert. Zurzeit gibt es wieder Stress. Aufgaben erledigen, ist die neue Parole. Erledigen! Unglaublich. Wo sie uns doch so richtig gut beschäftigen. Wir sollen sie erledigen? Um Himmels Willen.

Diesmal ist´s richtig schwierig. Die Stimmung ist am Boden. Der Laden steht Kopf. Aber auch das geht vorbei. Hoffentlich. Denn ich bin gut beschäftigt.

Im Januar 2015

Übermorgen

Wenn morgen übermorgen wäre,
wäre heute morgen vorgestern.
Heute Morgen wäre übermorgen morgen.
Heute Abend ebenfalls.
Und heute Mittag auch.
Wenn morgen übermorgen wäre.

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Im Januar 2015

Vergütung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWofür werden wir bezahlt? Wissen wir´s? Für unsere Anwesenheit? Für unsere Bereitschaft etwas zu tun? Für unsere Bereitschaft, einmal alle Fünfe gerade sein zu lassen? Oder für unsere Anstrengungen? Für unser Bemühen? Für das, was wir im Rahmen unserer Möglichkeiten leisten, eine Aufgabe zu lösen? Ich weiß es nicht.

Ein Wachmann wird dafür bezahlt, dass nichts passiert. Am besten ohne sein Zutun. Durch blanke Anwesenheit. Ziel erreicht. Geld verdient.

Ein Feuerwehrmann ist in der Lage, Brände zu bekämpfen. Seine Kenntnisse und Fertigkeiten sind gefragt, wenn es brennt. Für den Fall ist er ausgebildet. Dafür wird er auch bezahlt. Wenn er dann einmal zum Einsatz kommt. Dazu kommt es aber selten. In aller Regel brennen weder Häuser noch Autos oder sonst was. Nur ausnahmsweise bequemen sie sich, den Feuerwehrmann einmal ganz zu fordern. Obwohl er immer bereit wäre, sich allen Forderungen zu stellen. In seiner Bereitschaft. Auf die der Löwenanteil seiner Vergütung entfällt. Betriebswirtschaftlich – pardon, davon verstehe ich nicht viel – dürften die Ökonomen von einer miserablen Investition sprechen. Geld für die Bereitschaft, alles zu geben, was Ausbildung, Körper und Geist vorhalten.

Mitwisser: Die, die Schmiere stehen, und andere Gehilfen der leichten und schwerern Kriminalität haben ihren Lohn nicht verdient. Wenn sie Glück haben, bekommen sie ihn aber. Auch ohne den Segen der Justiz. Wofür eigentlich? Sie arrondieren das Geschäftsfeld illegaler Machenschaften, schirmen Vermögensverschiebungen ab und sorgen dafür, dass jedwede Handlung oder Unterlassung, die unsere Gesellschaft unter Strafandrohung nicht zu dulden gewillt ist, doch geschehen kann. Das kann sich lohnen. Für die kleinen, fiesen Helferlein.

Ein Beamter. Ja, der erhält ja gar keine Vergütung. Der erhält eine Alimentation. Eigentlich ist er deshalb außen vor, wenn es um die Frage geht, wofür wir bezahlt werden. Ein Beamter hat das, was er bekommt, verdient. Punkt. Das steht nämlich im Gesetz. In den Gehaltsvorschriften, fein sortiert und tabelliert. Damit erübrigt sich die Frage nach Leistung und Gegenleistung im Einzelfall. Entscheidend ist das Amt. Er ist ja Beamter. Ein Teil des ansonsten seelenlosen Staates. Es sei ihm gegönnt. Sein Gehalt.

Wer gibt etwas für die bloße Anstrengung? Niemand. Trotzdem wird sie bisweilen bezahlt. Das fängt in der Schulzeit an. Für die bloße Anstrengung, für das stundenlage Lernen allein, geben viele Eltern – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – ihrem mehr oder weniger wohl geratenen Nachwuchs Incentives, kleine und größere Belohnungen, die in Freizeit, Nützlichem, „Must haves“ und anderen reizvollen Dingen ausgezahlt werden. Anstrengung selbst lohnt sich auch hier nur ausnahmsweise. Die Quelle, aus der die Mittel sprudeln, öffnet sich nur mit einem unverhohlenen Blick auf Chancen, die solcher art geförderte Anstrengungen bieten. Die Chance, doch noch einen Abschluss zu schaffen, den stolzen Eltern zum Gefallen, denn sie sind ja in gerader Linie verwandt. Und Erziehungsverpflichtete. Dem Kind gereicht die Anstrengung ebenfalls zum Wohl. So ganz nebenbei.

Das Bemühen, seinen Aufgaben gerecht zu werden, ist heute eine der übelsten arbeitsrechtlichen Leistungsbeschreibungen, die sich Arbeitnehmer am Ende ihres Arbeitsverhältnisses einhandeln kann. Man kann es kurz machen: Für Bemühen erntet man allenfalls ein mildes Lächeln. Aber kein Geld. Weil bloßes Bemühen dem, der es vergüten sollte, keinen Ertrag liefert. Am Ende zählt der Erfolg. Bei allem Bemühen.

Wer zahlt dafür, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten so viel leisten, wie wir können, um eine Aufgabe zu lösen? Nur der, der in uns die Hoffnung setzt, die Aufgabe zu lösen. Und nur so lange, wie er nicht durch Misserfolge eines Besseren belehrt wird. Wir leben in einer Welt der Ökonomie. Hier zählen Zahlen. Nichts anderes.

Wofür werden wir bezahlt? Wissen wir´s?

Im Januar 2015

Lösungseifer

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Vor Hiddensee 2014

Probleme vemehren sich rasant. Ihre Wachstumskurve zeigt steil nach oben. Eine Lösung gebiert zwei neue Probleme. Im Durchschnitt. Und sehr frei geschätzt. Die Saat unseres Lösungseifers geht auf. In jeder Minute schlüpft der Nachwuchs. Nur wer genau hinsieht, entdeckt sie anfangs überhaupt, die noch arg winzigen Erdenbürger. Aber wer sieht schon so genau hin? Lass die Kleinen doch erst einmal zu Kräften kommen, die harmlosen Würmchen, die ihre Unschuld just dann verlieren, wenn wir sie lösen. Die dann Kinder kriegen: ganz frische Probleme, dazu da, sich rasant zu vermehren.

Im Januar 2015

Was kommt

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Ronkin Amsterdam 2014/15

Sie locken uns ins Geschäft. So einfach im Vorbeigehen. Werbliche Anlagen stellen uns in den Weg oder gewinnen unsere Aufmerksamkeit durch ihre Unscheinbarkeit. Manchmal stolpern wir drüber, manchmal suchen wir sie. Denn die Konkurrenz um unsere Gunst ist groß. Ist ein Betrieb erst einmal eingerichtet, muss er brummen. Umsätze müssen her. Und Renditen. Sonst geht er Pleite. So einfach ist das. Mitnehmen was kommt, mag deshalb der denken, der noch ein paar Kunden vertragen oder noch ein paar Gäste beherbergen könnte. Was aber kommt, geht auch wieder. Kommt aber das, was geht, wieder?

Kommt das, was geht, nicht wieder, gibt es vielleicht ein Problem: Stimmte die Leistung nicht? War das Essen zu kalt, der Raum zu dunkel oder der Wein zu warm? Lag´s an der Küche oder beim Kellner? Oder ganz woanders? Wer einmal kommt und dann nicht wieder, weiß oft allein um die Gründe seines Missmuts. Er allein kennt sie in ihrer ganzen Dramatik der Versäumnisse und kann sie beim Namen nennen. Und er wird sich mitteilen müssen. Er muss seinem Ärger Luft machen. Er wird sie weitergeben, seine Erfahrungen und seine Enttäuschungen. Er wird über die falsche Fährte, auf die ihn ein Aushängeschild gelockt und über die falschen Erwartungen, berichten, die es in ihm geweckt hatte. In seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Und sonst wo. Die schlechte Nachricht kriegt Kinder. Und pflanzt sich fort. Mitnehmen was kommt, hat ausgedient. Was kommt denn noch?

Im Januar 2015

Guter Service

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Zingst 2014

Guter Service ist selten. Er überrascht den Kunden. Er sorgt für eine angenehme Reise und bietet einen freundlichen Empfang in wohlgestalteter Atmosphäre. An ihn kann der Kunde seine Sorgen, Hoffnungen und Wünsche adressieren. Ganz diskret. Ihm kann er sich voll anvertrauen.  Und wird nicht enttäuscht. Niemals.

Guter Service ist eine Überraschung, ein Erlebnis und eine Bereicherung zugleich. Deshalb kostet er jederzeit die volle Kraft. Und er endet nie. Deshalb ist er so schwierig. Und so selten. Der gute Service.

Im Januar 2015

An der Kasse

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Amsterdam 2014

Das Band läuft eine Handbreit weiter. Dann hält es an. Der Mensch in dem kleinen Sitzkäfig hebt kuz seinen Kopf, sieht dem Kunden in die Augen und sagt „Guten Tag“ oder „Hallo“. Ein Augenaufschlag, mechanisch, rhythmisch, eingeübt und angepasst, tausendmal an diesem Morgen. Heute Nachmittag. Und morgen, den Tag danach, in der nächsten Woche, in den kommenden Monaten und Jahren. Wundersam fesselnde Routine, die den Menschen in ihren Bann zieht, ihn nicht mehr loslässt. Im Käfig der Moderne mit nächtlichem Freigang für die Gefangenen, um ein bisschen Würde tanken. Für den nächsten Tag.

Wir sehen die Probleme und kümmern uns drum. Geben dem Menschen die ganze Würde zurück. Die Schwächen unserer Welt sind allzu offenkundig. Der Mensch passt nicht ins System. Liefert zu viele Fehler, arbeitet unzuverlässig, fällt aus und stellt auch noch Ansprüche. Nein. So kann es nicht bleiben. Wir sind findig genug, Abhilfe zu schaffen. Und so gelingt es uns, diese launische Schwachstelle zu eliminieren. Kein Mensch an der Kasse mehr. Er kann jetzt ausspannen. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Jeden Tag, jede Woche, immer. Der Mensch hat jetzt frei, hat keine Arbeit mehr, nichts mehr, das ihn gefangen hält. Selbst Ansprüche stellen, will er nicht mehr. Weil er von der Aussichtslosigkeit weiß. Der Mensch von der Kasse ist jetzt vollkommen frei. Hat nichts mehr. Keine Pflichten. Kein Hab, kein Gut. Unserer Technik sei Dank. Sie dient dem Menschen, rettet seine Würde. Den mechanischen Augenaufschlag haben wir digitalisiert. Das Band läuft eine Handbreit weiter. Dann hält es an.

Im Januar 2015

Hingestreckt

Die Sonne schmeichelt uns in Seligkeit,
Brisen streicheln unsre Haut.
Das Rauschen deckt die Sorgen zu.

Wir liegen lange hingestreckt
am weißem Badestrand.

Ein kühler Schatten jagt die Wärme fort,
ein Luftzug lässt uns frieren.
Das Rauschen weckt die Sinne auf.

Wir lagen lange hingestreckt
am weißen Badestrand.

Der Alltag hat uns wieder.

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Piran 2007

 

 

 

 

 

Im Januar 2015