An der Kasse

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Amsterdam 2014

Das Band läuft eine Handbreit weiter. Dann hält es an. Der Mensch in dem kleinen Sitzkäfig hebt kuz seinen Kopf, sieht dem Kunden in die Augen und sagt „Guten Tag“ oder „Hallo“. Ein Augenaufschlag, mechanisch, rhythmisch, eingeübt und angepasst, tausendmal an diesem Morgen. Heute Nachmittag. Und morgen, den Tag danach, in der nächsten Woche, in den kommenden Monaten und Jahren. Wundersam fesselnde Routine, die den Menschen in ihren Bann zieht, ihn nicht mehr loslässt. Im Käfig der Moderne mit nächtlichem Freigang für die Gefangenen, um ein bisschen Würde tanken. Für den nächsten Tag.

Wir sehen die Probleme und kümmern uns drum. Geben dem Menschen die ganze Würde zurück. Die Schwächen unserer Welt sind allzu offenkundig. Der Mensch passt nicht ins System. Liefert zu viele Fehler, arbeitet unzuverlässig, fällt aus und stellt auch noch Ansprüche. Nein. So kann es nicht bleiben. Wir sind findig genug, Abhilfe zu schaffen. Und so gelingt es uns, diese launische Schwachstelle zu eliminieren. Kein Mensch an der Kasse mehr. Er kann jetzt ausspannen. Den ganzen Tag, die ganze Nacht. Jeden Tag, jede Woche, immer. Der Mensch hat jetzt frei, hat keine Arbeit mehr, nichts mehr, das ihn gefangen hält. Selbst Ansprüche stellen, will er nicht mehr. Weil er von der Aussichtslosigkeit weiß. Der Mensch von der Kasse ist jetzt vollkommen frei. Hat nichts mehr. Keine Pflichten. Kein Hab, kein Gut. Unserer Technik sei Dank. Sie dient dem Menschen, rettet seine Würde. Den mechanischen Augenaufschlag haben wir digitalisiert. Das Band läuft eine Handbreit weiter. Dann hält es an.

Im Januar 2015

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.