Zu viel des Guten

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEin Gastgeber kann nur so gut sein, wie das, was er seinen Gästen gibt. An Kraft, an Zeit, an Inspiration. Manche haben mehr Kraft, die anderen mehr Zeit oder Einfallsreichtum. Manche weniger. Alle aber können von allem, was sie geben könnten, nur einen Teil einbringen: den Teil, der übrigbleibt. Sozusagen die Netto- Anteile, die nach Abzug aller Steuern und Sozialabgaben – im übertragenen Sinne – noch nicht vernichtet sind. Abzüglich der Nachtruhe, wenn man die Zeit allein betrachtet.

Einmal angenommen, alle Gastgeber hätten das gleiche Päckchen an Abgaben zu tragen: Dann bekäme der Gast zwar nur einen Bruchteil dessen, was der Gastgeber in der Theorie zu leisten imstande wäre; wir hätten aber Wettbewerbsgleichheit. Niemand stünde im Vergleich besser oder schlechter da. Weder die Gastgeber, noch nicht einmal die Gäste. Würd´s mit den Abgaben zu viel, wär´s ebenfalls eigentlich ein neutrales Geschäft. Der Gastgeber käme kaum noch dazu, seiner eigentlichen Bestimmung zu dienen; der Gast ginge allmählich leer aus. Kein Service, keine leckeren Gerichte, keine gepflegte Unterkunft. Ein bisschen düster, diese Vorstellung, oder?

Noch ist es nicht ganz so schlimm und doch schlimmer. Noch bleibt dem Gastgeber nach Erfüllung all seiner Dokumentations- Informations- und Meldepflichten, nach ordnungsgemäßer Steuererklärung, Bedienung der amtlichen Statistiken, nach Prüfung und Freigabe der eingehenden Rechnungen, der ordnungsgemäßen An- und Abmeldung seiner Angestellten sowie der Erledigung des Rechnungswesens ein Stück seiner Reserven an Kraft, an Zeit und Inspiration, die er ganz dem Gast widmen kann. Solange ihn nicht das schlechte Gewissen plagt, er könnte etwas übersehen haben, das Geld könnte für die Rückzahlung der Kredite nicht reichen, die Kunden könnten ausbleiben oder andere Sorgen ihn quälen. Je mehr Pflichten, umso eher besteht die Gefahr, säumig zu bleiben. Das geht schlägt auf´s Gemüt, zunächst zu Lasten der Inspiration. Es bleiben die Reste von Kraft und Zeit. Die drohen, angesichts fehlender Inspiration ebenfalls bald zu versiegen. Und dann bleiben die Kunden aus. Die Rückzahlung der Kredite scheitert, die Fehler häufen sich. Das Licht geht aus. Die Herberge bleibt kalt. Strom, Wasser und Heizung sind abgestellt.

Es ist nicht so schlimm und doch schlimmer, weil die Dokumentations- und Meldepflichten, all die alltäglichen Fallstricke den Gastgeber gefangen halten. Heute kommt die Personalnot hinzu. Dann noch die neuen Deklarationspflichten über Allergene bei der Bereitstellung von Speisen. Nun müssen auch noch die Stunden der Mitarbeiter kleinlich und mit kurzer Frist dokumentiert und der staatlichen Kontrolle präsentiert werden. So will es das neue Mindestlohngesetz. Das ist zu viel des Guten. Ein Gastgeber kann nur so gut sein, wie er seinen Gästen Kraft, Zeit und Inspiration geben kann.

Im Januar 2015

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.