Quer gelegt

OLYMPUS DIGITAL CAMERALegen Sie sich doch einfach mal quer. In Ihrem Bett zum Beispiel. Legen Sie sich mal um 90 Grad verdreht hin. Verlassen Sie die Längsausrichtung, achten Sie aber darauf, dass Ihr Schwerpunkt über der Matratze liegt. Das Ergebnis: Der Kopf über der Bettkante und die Füße schwebend über dem Boden der anderen Seite versprechen keine besonders geruhsame Nacht. Es ist grässlich unbequem und ungewohnt anders. Offenkundig aber nicht besser als sonst. Denn es raubt uns den Schlaf. Unsere Reaktion ist klar: Zurück auf die Ausgangsposition. Bett und Mensch finden wieder ihre Linie. Die gemeinsame. Wie gewohnt. Und wir könnten wieder rund um die Uhr schlafen. Es bleibt, wie es ist.

So weit darf es nicht kommen. Schließen sie aus, in die Ausgangsposition zurückzugehen. Bleiben Sie einfach quer liegen. Verbeißen Sie sich den Schmerz. Nehmen Sie die Strapazen in Kauf. Die Genickstarre, die kalten Füße, den fehlenden Schlaf und die Schatten unter Ihren Augen.

Sie werden die ungeübte Lage nicht lange aushalten. Ein Ringen wird einsetzen zwischen der körperlichen Qual queren Schlafs und der Anstrengung, die Ihr Denkapparat leistet, Ihnen Ihre erholsame Nachtruhe zurückzubringen. Ihr Geist wird siegen. Sie werden Möbel erfinden und Desingerpreise ernten.

Legen Sie sich doch einfach mal quer. Einfach so. Und nicht nur in Ihrem Bett.

Im Februar 2015

Lebenszeit

Wir haben Zeit.
Unsere Zeit.
Nur diese eine.

Wir verlieren keine Zeit.
Sie ist in uns.
Und wir sind in ihr.

Wir gewinnen keine Zeit.
Sie geht mit uns vorbei.
Und wir mit ihr.

Wir verkaufen keine Zeit.
Wir verkaufen uns.
Mit unserer Zeit.

Unsere Zeit
bleibt uns bis zuletzt.
Und zieht dann weiter.

Im Februar 2015OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Überdosis

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine kleine Dosis. Diese Pille ist völlig unschädlich, bringt niemanden um. Das bisschen Aufwand, Allergenen nachzuspüren, sie zu dokumentieren und zu erläutern, ist nicht der Rede wert. Wenn das alles ist. Damit kann der Wirt leben. Damit könnte er leben, wenn das alles wäre. Ist es aber nicht.

Diese kleine Pille gesellt sich zu ihren zahlreichen fortpflanzungsfreudigen Artverwandten, die sich längst im Betrieb eingerichtet haben und fleißig an der wertvollsten Ressource des Wirtes zehren: an seiner Zeit. Sie kommen als ungebetene Gäste, zahlen nicht und lassen sich auch von Sperrstunden nicht beeindrucken. Für alle Zeiten, so scheint es. Gäste, die womöglich Kinder kriegen und Kindeskinder. Bis ihr Wirt erledigt ist.

Dabei ist der Wirt gar nicht krank. Er schluckt die Pillen, die für das Wohlergehen anderer bestimmt sind. Die Arbeitsschutzauflagen dienen nicht ihm, sondern den Mitarbeitern. Die Arbeitszeitgrenzen sowie die Verpflichtung zum Mindestlohn ebenso. Der Wirt darf sich sich seine Zeit im Übermaß nehmen. Er darf sich auch zu jedem Stundensatz selbst ausbeuten. Ihm hilft die Pille nicht. Die Hygienevorschriften dienen den Gästen, die Stellplatzpflicht sowie die Mindestlohndokumentationspflichten der öffentlichen Ordnung, die Gestaltungsregeln dem Stadtbild, die Rechnungslegungsvorschriften der stets fordernden öffentlichen Hand. Nicht ihm, dem Wirt. Wir wissen gar nicht mehr, was sonst noch so alles gilt, haben den Überblick längst verloren – und mit ihm die Kontrolle über die schädlichen Wirkungen des hoheitlich verschriebenen Chemikaliencocktails. Und doch, so scheint es, ist die tödliche Dosis längst verordnet.

Noch hat der Wirt nicht alle Rezepte eingelöst und alle Pillen geschluckt. Er ist ja nicht krank. Nur ein bisschen überarbeitet. Sonst wäre es mit ihm wohl schon vorbei.

 Im Februar 2015

Null-Fehler

OLYMPUS DIGITAL CAMERANull-Fehler. Hochdruck in den Hirnen. Der Pegel steigt. Volle Konzentration. Alarmstufe Rot. Gebannt steuern wir auf das Ergebnis zu: Null-Fehler. Und die Welt fährt mit uns Schlitten. Bravo.

Im Februar 2015

 

Reisen

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGute Aussichten. Aus dem Fenster, auf den Garten hinterm Haus. Kohlmeisen, Amseln, Buchfinken und sogar ein Zeisig landen auf knochigem Baumgerüst, wippen und kippen, äugen links und rechts, lüften das Gefieder und schwingen sich davon. Dazwischen Stille, nur unterbrochen durch vereinzelte Stimmen, fernes Motorrauschen und klappende Türen. Der Himmel hat sich zugezogen. Ich sitze in der ersten Reihe. Und warte. Es ist ein erwartungs- und anspruchsloses, ein geduldiges Warten. Worauf? Ich weiß es nicht, stelle keine Fragen. Rühre mich nicht. Doch die immer gleiche Kulisse ödet mich an. Ich erhebe mich, durchschreite die Kulisse und gehe auf Reisen. Gute Aussichten.

Im Februar 2015

Umweltschutz

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Welt. All das, was ist. All das, was sein wird. All das, was morgen nicht sein wird wie es heute ist. All das wollen wir vor dem Untergang bewahren. Oder etwa nicht?

Nein, nicht alles. Es geht um mehr als die Welt und um weniger: Es geht um die Umwelt. Ein herrlicher Begriff, diese Umwelt: Es geht um die Welt um uns herum. Und siehe da: Die Welt hat endlich eine neue Achse. Sie dreht sich jetzt um uns. Um uns allein. Unsere kleine Welt. Daran darf sich natürlich nichts ändern. Der Schutz unserer Umwelt ist uns schon ein sehr ernstes Anliegen.

Im Februar 2015

Narren

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Narren sind mitten unter uns. Doch wir erkennen sie nicht. Sie haben sich verkleidet. Sehen aus, wie du und ich. Seriös beschlipst und gewandet. Geschliffen im Geschäft. Wortgewaltig und wendig bewegen sie sich sicher durch alle Instanzen. Beifällig bedacht mit Ämtern und Würden. Sie leiden keine Not. Mitten unter uns Narren.

Im Februar 2015

Hier dreht sich nichts

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Welt dreht sich schneller. 1.660 Ergebnisse spuckt die große Suchmaschine des Internets aus, gibt man diese Wortfolge ein. Fügt man das kleine Adverb „immer“ ein, kann man die Suchergebnisse glatt mehr als verdoppeln auf 3.530. Trotzdem trifft weder die eine, noch die andere Behauptung zu. Am wenigsten die zweite. Denn die Welt dreht sich überhaupt nicht. Schon gar nicht um uns. Bis zum Beweis des Gegenteils. Bleiben wir also gelassen. Hier dreht sich nichts.

Auch wenn sich hier nichts dreht, heißt das nicht, dass nicht der eine oder andere bei Gelegenheit ein größeres Rad zu drehen geneigt sein könnte. Auszuschließen ist nicht, dass der eine oder andere bei Gelegenheit geneigt sein könnte, uns in einen Schwindel zu versetzen, in einen Rausch, der uns die Sinne raubt und mit dem Raub der Sinne auf unseren klaren Geist zielt, unseren Verstand zu erobern versucht. Mit dem einen oder anderen Dreh.

Rädern, an denen andere drehen, aber sollten wir nicht aufsitzen. Dann verfallen wir auch nicht der Illusion, die Welt drehe sich um uns. Und dann auch noch schneller und immer schneller. Warum sollte sie das auch tun? Unsere erhabene Welt?

Im Februar 2015

Transatlantisch offene Umweltzone

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Europäische Kommission verhandelt mit den USA über eine transatlantische Partnerschaft, in der Marktzugangshemmnisse fallen und der Weg für den Austausch von Gütern und anderen Leistungen geebnet werden sollen. Jedenfalls bis zur Umweltzone der Stadt Siegen, die soeben einen eigenen Schutzbereich rund um die Wohnungen und Geschäftsansiedlungen von Siegen-Mitte bis Weidenau eingerichtet hat, den legal nur befahren kann, wer mit einer grünen Plakette hinter der Windschutzscheibe seines Wagens dokumentiert, dass der Ausstoß umweltschädlicher Gase bestimmte Grenzwerte nicht übersteigt.

Das sind klare Spielregeln. Und es kann ja auch nicht schwer sein, sie einzuhalten. Auch nicht für den niederländischen Frachtführer, der im Rotterdamer Hafen eine Kiste mit elektronischen Bauteilen aus Massachussetts übernommen hat, die er an der Hagener Straße in Siegen anzuliefern hat. Er kann sich ja erkundigen. Und sich dann eine Grüne Plakette besorgen – wenn sein Fahrzeug die Grenzwerte einhält. Und wenn ihm das nach rechtschaffenem Bemühen gegen alle Erwartungen nicht gelingen sollte, kann er schließlich auch noch eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Die Stadt Siegen hat eine Stelle eingerichtet, an die er sich wenden kann, um die Genehmigung zu beantragen. Eine nette junge Dame wird seinen Antrag sicherlich wohlwollend prüfen und unbürokratisch verfahren. Denn niemand will hier irgendwen in der Ausübung seines Berufs behindern. Natürlich sollen auch die Lieferungen ohne Probleme auf kurzem Wege und ohne Zeitverlust ankommen. Daran soll die Umweltzone nichts ändern. Also: Auf geht´s.

Mit der Grünen Plakette ist das so eine Sache: Die gibt es leider nur in Deutschland, etwa bei einer der Prüforganisationen, die auch die Hauptuntersuchungen der Kraftfahrzeuge ausführen. Da kann der ausländische Frachtführer doch einmal vorbeifahren. Und vorsprechen. Auch dort wird er sicherlich zuvorkommend bedient. Heute kann er die Plakette sogar online bestellen. Ein paar Klicks und ein paar Euro. Und schon ist die Sache rund. Wenn der Niederländer aber sowohl das Angebot der Prüforganisationen als auch des Grüne-Plaketten-Versandhandels ausschlagen sollte, dann muss er sich sagen lassen, dass wir dieses bisschen Mühe von ihm sicherlich erwartet hätten. Schließlich geht es uns um wichtige Umweltbelange. Die Umweltzone ist ja nicht aus Jux und Dollerei ausgewiesen worden.

Ach, der Niederländer stellt sich dumm? Er wusste angeblich nichts von der Umweltzone und der Grünen Plakette? Und auch nichts von den Wegen, auf denen diese zu erhalten ist? Es ist schon bemerkenswert, wie wenig sich die Leute um die Vorschriften kümmern. Er weiß doch genau, wohin die Reise geht, wo er die Fracht in Siegen abliefern muss. Noch einmal zu seiner Erinnerung: Unter der Adresse http://www.siegen.de/standard/page.sys/details/eintrag_id=7093/content_id=7372/574.htm findet er alle Informationen, die er braucht. Auf gut Deutsch. Nicht auf Niederländisch. Denn unsere Amtssprache ist Deutsch. Auch das sollte man wissen. Und wenn er sich ein bisschen angestrengt hätte, wäre ihm auch nicht verborgen geblieben, dass auch im Internet die Umweltzonen der deutschen Städte fein säuberlich erfasst sind.

Wenn er sich dieser kleinen Mühe nicht unterzieht, ist es kein Wunder, dass der Niederländer wohl tatsächlich ahnungslos ist und bleibt. Also: Einfach ein bisschen forschen. Denn dann wüsste er, wie er auch ohne Grüne Plakette seine Fracht auf legale Weise in Siegen löschen kann: Im Wege einer Ausnahmegenehmigung. Und das geht nun wirklich ganz einfach: Er legt seine Gewerbeanmeldung und seinen Lieferauftrag vor und schickt diese Unterlagen an die Stelle, die über seinen Ausnahmeantrag befinden soll. Und dann fügt er nur noch folgende Dokumente bei: die Kopie des Fahrzeugscheins, die Bescheinigung eines amtlich anerkannten Sachverständigen oder Prüfers für den Kraftfahrzeugverkehr oder eines Prüfingenieurs oder einer Fachwerkstatt. Inhalt: Das Fahrzeug kann technisch nicht auf geringere Emissionen umgestellt werden. Was den Antrag jetzt komplett macht, ist die Stellungnahme eines Steuerberaters, die dem niederländischen Frachtführer bestätigt, dass die Ersatzbeschaffung eines für die Zufahrt zur Umweltzone geeigneten Fahrzeuges zur Gefährdung seiner Existenz führen würde – dass er sozusagen praktisch pleite ist. Begründet bitte und in Deutsch. Auch die Gewerbeanmeldung, die niederländische. Und wenn er dann noch rasch 60 Euro überweist, wird er sich über die flotte deutsche Verwaltung wohl kaum beschweren können. Denn wir wollen eine offene Umweltzone für die transatlantische Partnerschaft. Also dann: Wir müssen alle unseren Beitrag zum Gelingen leisten. Auch der Niederländer mit seiner Ladung aus Rotterdams Hafen für Siegen-Mitte.

Im Februar 2015

Nahezu reglos

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWie leicht ist es doch, die Welt zu bewegen. Nahezu reglos sitze ich hier. Nichts treibt mich in die harte Welt hinaus. Meine Finger spielen auf der Klaviatur der neuen Zeit, trippeln von Angebot zu Angebot, durchkämmen virtuos das Internet-Weltall. Meine Augen heften sich an Bilder und Buchstaben, die in rascher Folge Türen öffnen zu Menschen, die ähnlich oder anders denken, eigenwillig handeln und sich auf ihre Weise diesem und jenem, und vielleicht allen, mitteilen. Mit Angeboten, mit Fragen, mit ihrer ganzen Weisheit und ihrem ganzen Vermögen.

Es sind Menschen, die dies tun, um sich selbst zu finden. Um sich zu gefallen. Oder anderen. Und Menschen, die gar nicht im eigenen Interesse handeln. Menschen, die sich mitteilen müssen, sich jemandem angedient haben. Mit dem was sie können. Gegen Bezahlung. Als Mitarbeiter oder als Chef. Für fremde Interessen. Im eigenen Namen unter fremdem Label. Des eigenen Lebens und Überlebens willens. Sie schicken Kontoauszüge in die elektronischen Medien und Versandhausware. Sie liefern Appetithäppchen für Dienste und Informationen für Unschlüssige, die zu gewinnen größerer Mühe bedarf, als nur ein paar bunte Seiten zu liefern. Sie lesen in den Webstatistiken wie in Büchern, optimieren Suchwörter und Verfahren hier und dort und hängen wieder in den Statistiken, die ihnen Freude und Kummer in raschem Wechsel bescheren. Sie bewegen die Welt. Nahezu reglos .

Im Februar 2015