Überdosis

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEine kleine Dosis. Diese Pille ist völlig unschädlich, bringt niemanden um. Das bisschen Aufwand, Allergenen nachzuspüren, sie zu dokumentieren und zu erläutern, ist nicht der Rede wert. Wenn das alles ist. Damit kann der Wirt leben. Damit könnte er leben, wenn das alles wäre. Ist es aber nicht.

Diese kleine Pille gesellt sich zu ihren zahlreichen fortpflanzungsfreudigen Artverwandten, die sich längst im Betrieb eingerichtet haben und fleißig an der wertvollsten Ressource des Wirtes zehren: an seiner Zeit. Sie kommen als ungebetene Gäste, zahlen nicht und lassen sich auch von Sperrstunden nicht beeindrucken. Für alle Zeiten, so scheint es. Gäste, die womöglich Kinder kriegen und Kindeskinder. Bis ihr Wirt erledigt ist.

Dabei ist der Wirt gar nicht krank. Er schluckt die Pillen, die für das Wohlergehen anderer bestimmt sind. Die Arbeitsschutzauflagen dienen nicht ihm, sondern den Mitarbeitern. Die Arbeitszeitgrenzen sowie die Verpflichtung zum Mindestlohn ebenso. Der Wirt darf sich sich seine Zeit im Übermaß nehmen. Er darf sich auch zu jedem Stundensatz selbst ausbeuten. Ihm hilft die Pille nicht. Die Hygienevorschriften dienen den Gästen, die Stellplatzpflicht sowie die Mindestlohndokumentationspflichten der öffentlichen Ordnung, die Gestaltungsregeln dem Stadtbild, die Rechnungslegungsvorschriften der stets fordernden öffentlichen Hand. Nicht ihm, dem Wirt. Wir wissen gar nicht mehr, was sonst noch so alles gilt, haben den Überblick längst verloren – und mit ihm die Kontrolle über die schädlichen Wirkungen des hoheitlich verschriebenen Chemikaliencocktails. Und doch, so scheint es, ist die tödliche Dosis längst verordnet.

Noch hat der Wirt nicht alle Rezepte eingelöst und alle Pillen geschluckt. Er ist ja nicht krank. Nur ein bisschen überarbeitet. Sonst wäre es mit ihm wohl schon vorbei.

 Im Februar 2015

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.