Urlaubsflieger

In steilem Steigflug erhebt sich die Ladung der gebräunten Badegäste von der Urlaubsinsel. Ziel ist der heimatliche Flughafen, von dem sie sich per Auto, Bahn oder Bus verteilen, bis sie ihr Zuhause wieder erreicht haben. Voller Eindrücke, Erinnerungen und Reiseandenken. Das Konto ist auf Diät gegangen, hat merklich abgenommen. So soll es sein. So muss es wohl sein. So ist es vorgesehen. In der Branche, die unser Verlangen nach Abwechslung, nach Entspannung, nach Erlebnis und nach ein bisschen Luxus zu erfüllen verspricht.

Lebende Frachten, die ihr Geld auf die Insel tragen. Und dann wieder abreisen. Menschliches Gut in einer Logistikkette, die keinen anderen Zweck zu verfolgen scheint, als das Geschäft mit dem Urlaub zu befördern. Die Menschen haben sich freiwillig entschieden, hierher zu reisen. Sie sind bereit, ihre Ersparnisse an diesem Ort auszugeben. Sie träumen und genießen und genießen ihre Träume. Vor und nach der Reise. Und bisweilen auch während des Urlaubsaufenthaltes selbst. Ich muss zugeben: Ich war selbst dabei.

Die startenden und die ankommenden Flieger – sie haben Spuren in mir hinterlassen, dieses Reisegeschäft, von dessen fragiler Existenz das Wohl einer ganzen Insel abhängig scheint, habe ich verstanden, aber wohl nicht ganz begriffen. Vielleicht ist es schon zu sehr in unseren Alltag eingezogen, als dass es auch nur geringste Zweifel an seiner Rechtfertigung geben könnte. Ist es nicht ein dekadentes Unterfangen?

Die Welt fliegt auseinander und findet allerorten auf dem Luftwege wieder zusammen. Über alle geografischen und politischen Grenzen hinweg. Und allen Umweltbedenken zum Trotz.

Die Grenzen zwischen Arm und Reich aber scheinen unüberwindlich.

Im März 2015

Von Amts wegen

 

 

 

 

 

Halten Sie einmal die Luft an.
Wechseln Sie die Seiten.
Seien Sie mal ganz Amt.
Handeln Sie von Amts wegen.

Nehmen Sie den Posteingang zur Hand.
Das Formular ist nur unvollständig ausgefüllt.
Es fehlen Angaben.
Ohne die gibt es keine Entscheidung.

Machen Sie sich´s jetzt leicht?
Oder rufen Sie an?
Weisen auf die Mängel hin?
Ganz bürgerfreundlich?

Sie machen sich´s nicht leicht.
Sie rufen den Delinquenten an.
Und ernten Undank.
Vom freundlichen Bürger.

Sie können auch anders.
Das steht im Gesetz.
Wenn´s denn sein muss,
Muss es eben sein.

Sie lehnen ab,
Geben formale Gründe an.
Amtlich korrekt.
Zustellung schon morgen.

Der Schreibtisch ist blank.
Ein Vorgang ist erledigt.
Feierabend für heute.
Auch das ist amtlich.

Halten Sie jetzt lieber die Luft an.

Im März 2015

Schritt in die Selbständigkeit

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEs war wohl blanker Übermut, mich so ins Geschäft zu stürzen, den Vertrag aufzukündigen, der mir meinen monatlichen Lohn versprach, der mir täglich neu die Zuversicht gab, morgen meine Ausgaben bestreiten und meine bescheidenen Ansprüche finanzieren zu können. Jetzt stehe ich allein auf weiter Flur. Trotz aller Berater. Trotz aller Freunde, die mir viel Glück wünschen. Meine Familie glaubt an mich und mein Vorhaben. Sie freut sich mit unterdrücktem Unbehagen auf meine Erfolge, die sie bald mit mir teilen will. So wie meine Kreditgeber, die gerne bereit waren, gegen gehörige Sicherheiten mit mir ins Risiko zu gehen, mir ihr von anderen geliehenes Geld zu geben in der Erwartung auskömmlicher Renditen. In Gedanken sind viele Menschen bei mir, fiebern mit mir um jeden Punkt, den ich in der neuen Arena für mich verbuchen kann. Gegen meine Wettbewerber. Es wäre doch gelacht!

Meine Wettbewerber entpuppen sich als resistent. Trotz ihrer Schwächen, deren Ausmaß mein Konzept in fast beschämender Weise beflügelt hatte. Sie haben schwer einnehmbare Festungen aufgebaut, feste Vertragsbeziehungen, allerorts präsente Marken, feine Netze, deren Fäden weit reichen. Ein festes Gefüge wehrt sich gegen Eindringlinge. Oft genug, weil´s so bequemer ist. Vertrautes verlangt keine besondere Anstrengung. Neues schon. Um dem Gefüge Steine zu entreißen, bedarf es mehr als bloßer Überzeugungsarbeit. Ich lerne, Gelegenheiten zu erkennen und sie zu nutzen. Ich lerne, wie wer weshalb mit wem zusammenarbeitet. Ich füge mich ein, baue mir mein Haus, meine Marken und meine Netze, bis ich Teil des Ganzen bin. Der Wettbewerb erweist sich als ausgesprochen zäher, aber doch berechenbarer Widersacher, der mein weiteres Erwerbsleben von nun an hartnäckig begleiten wird.

Und doch schlafe ich schlecht. Und zu wenig. Ich habe das Gefühl, Wichtiges übersehen zu haben. Ich habe das Gefühl, Meldungen nicht rechtzeitig oder nicht korrekt abgegeben zu haben oder meine Pflichten gegenüber den Beschäftigten, dem Fiskus oder der sonstigen öffentlichen Hand gegenüber in strafbarer Weise zu verletzen. Wann? Eigentlich täglich. Denn täglich gibt es neue Überraschungen. Fragebögen amtlicher und nichtamtlicher Stellen, Erklärungsfristen und Erklärungsvordrucke, deren Auskunftsbegehren sich mir nicht erschließen, vor denen ich mit halbwegs wachem Verstand sitze und doch nicht auszufüllen imstande bin. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ja alles gut begründet ist, dass die zahlreichen Stellen, deren Formulare und Begehren ich wie im Akkord zu erledigen suche, nichts mehr als gesetzlich Gebotenes fordern, dass sie alle ja gar nicht anders können, als mich mit solchen Fragen zu behelligen, dass es ihnen womöglich selbst ein bisschen Leid tut. Von dem einen oder anderen noch nicht zu ausreichender Güte gereiften Zeitgenossen einmal abgesehen.

Ich lerne zu fakturieren, zu buchen, Steuererklärungen abzugeben, noch bevor ich den ersten bescheidenen Auftrag erledigen darf. Nach einem bösen Reinfall lerne ich, betrügerische Machenschaften unseriöser Verlage blitzschnell zu erkennen und dem Papierkorb zu übergeben. Ich erfahre, welch tückische Fallen jede der Werbemaßnahmen in sich birgt, die geeignet erscheint, hinreichende Aufmerksamkeit möglicher Kunden zu erheischen. Ich stelle fest, dass auch der Internetauftritt als willkommenes Einfallstor für Abmahnungen jedweder Art dient. Ich nehme zähneknirschend in Kauf, dass Anwalts- und Gerichtskosten in beträchtlicher Höhe sowie der an meinen Steuerberater und die vielen Serviceunternehmen zu leistende Obolus von einem Konto zu leisten sind, dessen Bestände sich über weite Strecken in unvermindertem Sinkflug befinden.

Ich versuche mein Glück mit 450 Euro- Kräften und verzweifle an den Fallstricken der gesetzlichen Vereinfachungsvorschriften zum Sozialversichungs- und Steuerrecht. Ich erfahre, dass die Verbraucherschutzvorschriften für mich als Unternehmer im Geschäft nicht mehr gelten, dass ich aufpassen muss wie ein Luchs, damit mir auch keine kleinen Patzer passieren.

Ich schaffe mir Allgemeine Geschäftsbedingungen, die ich irgendwo zusammenkopiere, ohne sie zu verstehen. Man kann ja nie wissen wofür es einmal gut ist. Ich soll eine Erklärung unterzeichnen, wonach ich meinen Mitarbeitern nicht weniger zahle als den gesetzlichen Mindestlohn und weiß nicht, warum. Später erfahre ich etwas von einem Haftungsrisiko, das ich tragen soll, wenn ich ein anderes Unternehmen einschalte, bei dem ich nicht sicher bin, dass es das Mindestlohngesetz beachtet. Mein Anwalt rät mir, ebenfalls Formulare an alle Lieferanten zu senden. Die anschließenden Diskussionen mit den Lieferanten rauben mir den letzten Nerv. Denn ich verstehe die Maßnahme ja selbst nicht.

In Kürze erwarten mich die Vorbereitungen zur ISO- Zertifizierung. Ich komme nicht drumherum. Sonst gibt es keine Aufträge mehr. Ich stelle mich drauf ein. Meine Bank hat mir freundlicherweise das Dispolimit erhöht. Klar, dass es das nicht umsonst gibt. Sie kann die Zinsen ja gleich vom Überziehungskredit nehmen. Ich bekomme täglich Post von Verbänden, von Unternehmen, von Problemlösern, die mir in rührender Weise helfen wollen. Mit ihrem Rat. Nicht als Mitunternehmer. Mit Komplettlösungen für Probleme, von deren Existenz ich bisher noch keine Ahnung hatte. Seither schlafe ich noch schlechter.

Ich habe es aufgegeben, alles richtig machen zu wollen. Riskiere Fehler. Riskiere Versäumnisse. Und siehe da: Papier ist tatsächlich geduldig. Vieles fällt gar nicht auf. Und ich habe Zeit für mein Geschäft. Ich verdiene erstes Geld. Einen Teil habe ich schon für meinen Anwalt zur Seite gelegt. Für den Fall der Fälle. Man kann ja nie wissen. Er wird´s dann schon richten.

Im März 2015

Wetterfühlig

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMeine Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. Wasser rinnt die Scheiben entlang. Böen schieben die schwere Luft ins Gemäuer. Regentropfen zerplatzen auf dem Fenstersims. Unwirtliches Grau wabert in den Raum. Dabei könnte die Sonne scheinen. Dabei könnte es Frühling sein. Es ist bereits Ende März. Für Novembergrau ist es zu spät. Zu früh für die Launen des Aprils, die uns schon in wenigen Tagen für einen Monat lang viel Gleichmut abfordern werden.

Es ist nicht kalt. Es ist schlimmer. So empfinden wir´s. Und so ist´s deshalb auch. Für uns. Wir haben Regen genug, sind seiner überdrüssig, scheuen sein durchdringendes Nass. Wir wenigen, die in einem Klima voller Wasser leben, mit saftigem Grün, mit paradiesischem Reichtum der Natur. Aber wir sind nur wenige.

Ich steige einmal aus, wandere in meinen Gedanken in ein Land diesseits oder jenseits des Äquators, in dem mich die Glut der Sonnenhitze ausdörrt, in dem der Staub das Leben verkrustet, in dem der Regen ein zu seltener Gast ist. Ein Vermögen gäbe ich für reichlich Regen wie heute. Mit Wasser, das die Scheibe entlang rinnt. Wie hier und heute. Welch Glücksgefühl.

Im März 2015

El Medano

OLYMPUS DIGITAL CAMERATeneriffa. El Medano. Ein verlorener Ort, überschaubar, in wenigen Stunden zu durchschreiten. Leben in anderen Gemäuern. Familien bevölkern die Plätze. Eine Symbiose aus Jung und Alt, Ausgestiegenen und Ausgeflippten. Unbekannte Gesichter, die mir schon nach wenigen Tagen vertraut sein werden. Dann, wenn es Zeit ist, wieder zu gehen, den Rückflug anzutreten. Ein fremdes Klima. Vulkanischer Boden, veredelt mit Dünensand aus der Sahara. Genügsame Pflanzen mit sonderbarer Anmutung knospen aus diesem Grund. Die Klangkulisse folgt dem Gezeitenwechsel des Meeres und des Tages Stunde. Verzauberte Stimmen, Kinderlachen und das Gespiel der Straßenmusiker fliegen vorbei. Erst in der Nacht kehrt rauschende Ruhe ein. Über mir die Sonne. Ohne Umwege trifft mich ihr heißes Licht. Scharfer Ostwind kühlt unablässig meine versengte Haut. Es ist gleißend hell, doch nach und nach leuchten die Schätze wieder auf, zeigen in der Dämmerung ihr ganzes Farbenspiel. Fotografenzeit. Zeit für die Sprache der Bilder. Faszinierende Impressionen, die ich als kostbares Gut nach Hause trage. Zur Erinnerung an einen verlorenen Ort. El Medano. Teneriffa.