Schritt in die Selbständigkeit

Es war wohl blanker Übermut, mich so ins Geschäft zu stürzen, den Vertrag aufzukündigen, der mir meinen monatlichen Lohn versprach, der mir täglich neu die Zuversicht gab, morgen meine Ausgaben bestreiten und meine bescheidenen Ansprüche finanzieren zu können. Jetzt stehe ich allein auf weiter Flur. Trotz aller Berater. Trotz aller Freunde, die mir viel Glück wünschen. Meine Familie glaubt an mich und mein Vorhaben. Sie freut sich mit unterdrücktem Unbehagen auf meine Erfolge, die sie bald mit mir teilen will. So wie meine Kreditgeber, die gerne bereit waren, gegen gehörige Sicherheiten mit mir ins Risiko zu gehen, mir ihr von anderen geliehenes Geld zu geben in der Erwartung auskömmlicher Renditen. In Gedanken sind viele Menschen bei mir, fiebern mit mir um jeden Punkt, den ich in der neuen Arena für mich verbuchen kann. Gegen meine Wettbewerber. Es wäre doch gelacht!

Meine Wettbewerber entpuppen sich als resistent. Trotz ihrer Schwächen, deren Ausmaß mein Konzept in fast beschämender Weise beflügelt hatte. Sie haben schwer einnehmbare Festungen aufgebaut, feste Vertragsbeziehungen, allerorts präsente Marken, feine Netze, deren Fäden weit reichen. Ein festes Gefüge wehrt sich gegen Eindringlinge. Oft genug, weil´s so bequemer ist. Vertrautes verlangt keine besondere Anstrengung. Neues schon. Um dem Gefüge Steine zu entreißen, bedarf es mehr als bloßer Überzeugungsarbeit. Ich lerne, Gelegenheiten zu erkennen und sie zu nutzen. Ich lerne, wie wer weshalb mit wem zusammenarbeitet. Ich füge mich ein, baue mir mein Haus, meine Marken und meine Netze, bis ich Teil des Ganzen bin. Der Wettbewerb erweist sich als ausgesprochen zäher, aber doch berechenbarer Widersacher, der mein weiteres Erwerbsleben von nun an hartnäckig begleiten wird.

Und doch schlafe ich schlecht. Und zu wenig. Ich habe das Gefühl, Wichtiges übersehen zu haben. Ich habe das Gefühl, Meldungen nicht rechtzeitig oder nicht korrekt abgegeben zu haben oder meine Pflichten gegenüber den Beschäftigten, dem Fiskus oder der sonstigen öffentlichen Hand gegenüber in strafbarer Weise zu verletzen. Wann? Eigentlich täglich. Denn täglich gibt es neue Überraschungen. Fragebögen amtlicher und nichtamtlicher Stellen, Erklärungsfristen und Erklärungsvordrucke, deren Auskunftsbegehren sich mir nicht erschließen, vor denen ich mit halbwegs wachem Verstand sitze und doch nicht auszufüllen imstande bin. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass ja alles gut begründet ist, dass die zahlreichen Stellen, deren Formulare und Begehren ich wie im Akkord zu erledigen suche, nichts mehr als gesetzlich Gebotenes fordern, dass sie alle ja gar nicht anders können, als mich mit solchen Fragen zu behelligen, dass es ihnen womöglich selbst ein bisschen Leid tut. Von dem einen oder anderen noch nicht zu ausreichender Güte gereiften Zeitgenossen einmal abgesehen.

Ich lerne zu fakturieren, zu buchen, Steuererklärungen abzugeben, noch bevor ich den ersten bescheidenen Auftrag erledigen darf. Nach einem bösen Reinfall lerne ich, betrügerische Machenschaften unseriöser Verlage blitzschnell zu erkennen und dem Papierkorb zu übergeben. Ich erfahre, welch tückische Fallen jede der Werbemaßnahmen in sich birgt, die geeignet erscheint, hinreichende Aufmerksamkeit möglicher Kunden zu erheischen. Ich stelle fest, dass auch der Internetauftritt als willkommenes Einfallstor für Abmahnungen jedweder Art dient. Ich nehme zähneknirschend in Kauf, dass Anwalts- und Gerichtskosten in beträchtlicher Höhe sowie der an meinen Steuerberater und die vielen Serviceunternehmen zu leistende Obolus von einem Konto zu leisten sind, dessen Bestände sich über weite Strecken in unvermindertem Sinkflug befinden.

Ich versuche mein Glück mit 450 Euro- Kräften und verzweifle an den Fallstricken der gesetzlichen Vereinfachungsvorschriften zum Sozialversichungs- und Steuerrecht. Ich erfahre, dass die Verbraucherschutzvorschriften für mich als Unternehmer im Geschäft nicht mehr gelten, dass ich aufpassen muss wie ein Luchs, damit mir auch keine kleinen Patzer passieren.

Ich schaffe mir Allgemeine Geschäftsbedingungen, die ich irgendwo zusammenkopiere, ohne sie zu verstehen. Man kann ja nie wissen wofür es einmal gut ist. Ich soll eine Erklärung unterzeichnen, wonach ich meinen Mitarbeitern nicht weniger zahle als den gesetzlichen Mindestlohn und weiß nicht, warum. Später erfahre ich etwas von einem Haftungsrisiko, das ich tragen soll, wenn ich ein anderes Unternehmen einschalte, bei dem ich nicht sicher bin, dass es das Mindestlohngesetz beachtet. Mein Anwalt rät mir, ebenfalls Formulare an alle Lieferanten zu senden. Die anschließenden Diskussionen mit den Lieferanten rauben mir den letzten Nerv. Denn ich verstehe die Maßnahme ja selbst nicht.

In Kürze erwarten mich die Vorbereitungen zur ISO- Zertifizierung. Ich komme nicht drumherum. Sonst gibt es keine Aufträge mehr. Ich stelle mich drauf ein. Meine Bank hat mir freundlicherweise das Dispolimit erhöht. Klar, dass es das nicht umsonst gibt. Sie kann die Zinsen ja gleich vom Überziehungskredit nehmen. Ich bekomme täglich Post von Verbänden, von Unternehmen, von Problemlösern, die mir in rührender Weise helfen wollen. Mit ihrem Rat. Nicht als Mitunternehmer. Mit Komplettlösungen für Probleme, von deren Existenz ich bisher noch keine Ahnung hatte. Seither schlafe ich noch schlechter.

Ich habe es aufgegeben, alles richtig machen zu wollen. Riskiere Fehler. Riskiere Versäumnisse. Und siehe da: Papier ist tatsächlich geduldig. Vieles fällt gar nicht auf. Und ich habe Zeit für mein Geschäft. Ich verdiene erstes Geld. Einen Teil habe ich schon für meinen Anwalt zur Seite gelegt. Für den Fall der Fälle. Man kann ja nie wissen. Er wird´s dann schon richten.

Im März 2015

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