Mensch, Version 1.0

OLYMPUS DIGITAL CAMERACyber-physische Systeme sind der Kern des „Internets der Dinge“ und läuten derzeit die 4. industrielle Revolution aus. Wenigstens aus heutiger Sicht. Denn was auf uns zukommt, wissen wir noch nicht. Wir können es nur erahnen. Als Anfang der 90er Jahre das Internet durch jedermann nutzbar wurde, konnte wohl kaum jemand auch nur annähernd dessen Auswirkungen abschätzen, die es bereits bis zum heutigen Tage hat. Noch aber ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Jetzt wird mit seiner Hilfe das Zeitalter der „Industrie 4.0“ eingeleitet. Was steckt dahinter?

Bisher werden industrielle Fertigungsprozesse sowie die Logistik im Wege des Enterprise-Resource-Planning optimiert. Die Bedarfe werden vorausberechnet und zur rechten Zeit bedient. Hier kommt es nicht nur auf ein sicheres Urteilsvermögen der beteiligten Menschen an, sondern auch auf gut funktionierende Informationstechnik, ohne die die komplexen Prozesse nicht mit der bekannt hohen Präsision und Schnelligkeit gesteuert werden könnten.

Künftig aber steuert das Produkt seine eigene Entstehung selbst. Mit dem Rohling wird ein Chip verbunden, der sowohl die Information enthält, was aus ihm einmal werden soll, als auch die Möglichkeit, hierüber mit anderen Maschinen per Internet zu sprechen. Das Produkt besitzt sozusagen seinen eigenen Bauplan, seine DNA. So ausgerüstet, wendet es sich per Internet an die Maschinen, die es zeitgerecht zu dem Endprodukt machen können, wie es im Bauplan beschrieben ist. Das funktioniert nur, wenn die anderen Maschinen auch mit ihm sprechen können.

Das Gespräch zwischen den Maschinen findet sinnvollerweise auf der ständigen Messe im Cyberspace statt. Dort, wo sich die besten Anbieter treffen. Wo alle nur eine Sprache sprechen. Und wo alle Leistungs- und Verfügbarkeitsdaten zusammenlaufen. In einer Cloud des Internets. Wo Dienstleister dafür sorgen, dass es den miteinander diskutierenden Maschinen an nichts fehlt. Wo die Leitungskapazitäten vorhanden sind und die Speicher. Wo die Sicherheit des Systems garantiert werden kann und wo nicht jeder Zutritt hat. Oder gerade doch?

Da kann einem schon ganz schön googelig werden. Denn die großen Datensammler werden auch dabei sein. Nicht nur mit ihrer unerschöpflichen Datenfülle, sondern auch mit den Algorithmen, die daraus nützliche Information generieren. Nützlich auch für das noch nicht fertige Produkt, das großen Wert darauf legen wird, in optimaler Weise behandelt und gestaltet zu werden. Ist die Auswahl groß, darf unser Produkt auch schon einmal wählerisch sein. Und das sollte es auch. Denn es findet nur einen Partner, wenn es für diesen perfekt ist. Häufig wird es sogar noch mit weiteren Partnern verbunden. Das gibt es etwa bei Zulieferteilen und Komponenten. Jeder Partner hat hierbei seine eigenen Vorstellungen, seine Extrawünsche: wo die Bohrungen liegen müssen, wie fein die Struktur der Oberfläche sein muss, zur Wärmeleitfähigkeit und zum Ausdehnungskoeffizienten. Die Reihe der Ansprüche ist oben offen. Deshalb muss das Produkt schon ganz genau hinsehen, wem es sich anvertraut.

Wenn sich die Maschinen dann über alle notwendigen Schritte und deren Reihenfolge einig sind, kann es losgehen. Pünktlich findet sich das werdende Endprodukt dort ein, wo es bearbeitet werden will. Wenn es den Dienstleister nicht zu sich einbestellt hat. Und danach geht es weiter. In einer Abfolge, deren Logik sich für den Betrachter womöglich zunächst nicht erschließt, die aber bei genauem Hinsehen doch wieder folgerichtig erscheint. Denn hier, wie auch in den von Menschen gesteuerten Systemen, treten einzelne Fehler auf. Im Material, durch äußere Einflüsse, durch falsche Daten oder durch Mängel des Programms. Wenn etwas nicht stimmt, weiß es das noch unfertige Produkt als erstes. Schließlich wird es von der Bearbeitungsmaschine, die nicht ganz intakt ist, umgehend informiert. Das Produkt wird dann neu verhandeln und sich eine andere Bearbeitung aussuchen und die Termine neu abstimmen. In Sekundenbruchteilen. Sollte es einmal durch üble Behandlung selbst zu Schaden gekommen sein, spürt es das recht bald. Denn es hat eine narzisstische Art: Es  betrachtet sich regelmäßig im Spiegel der Sensoren und duldet keinen Makel. Denn ein Makel könnte sein Ende bedeuten. Ein noch ungechiptes Ersatzprodukt im Rohzustand steht schon abrufbereit in den Startlöchern.

Das sich selbst optimierende Gesamtsystem fertigt und transportiert nur die Mengen, die tatsächlich verlangt werden. Es nutzt nur so viele Ressourcen, wie notwendig. Es ist flexibel genug, um Störungen auszugleichen, wo immer sie auftreten. Es arbeitet so selbständig, dass es den Menschen nur dann ruft, wenn es unbedingt erforderlich ist. Und je weniger der Mensch in das System eingreift, umso seltener wird er gefragt sein.

Also lässt der Mensch besser die Finger vom System. Dann läuft es wie von selbst. Jedenfalls fast. Denn die „Industrie 4.0“, das „Internet der Dinge“, braucht noch einen Besteller. Einen, der die Produkte oder die mit den produzierten Maschinen prodzuierten Güter haben will: den Menschen, den unverbesserlichen, Version 1.0.

Im April 2015

Für die Kinder

Die Schere zwischen Arm und Reich darf sich nicht weiter öffnen. Wir sorgen uns um unsere Kinder, um deren Chancen, um deren Wohlergehen. Wir kämpfen um mehr Gerechtigkeit. Für die Kinder.

Wir leben in der Erben-Generation. In den Aufbaujahren der Republik sind hohe Vermögenswerte entstanden, die jetzt neue Eigentümer finden. Die Vorstadthäuschen der Eltern, Schmuck, Angespartes und ganze Unternehmen. Kleine wie große. Wir leben aber auch in der Generation der Nicht-Erben, die in dem Generationenspiel leer ausgehen. Sie haben keine reichen Väter und keine Gönner, die ihnen zu Lebzeiten oder für den Todesfall nennenswerte Güter überlassen könnten.

So ist es kein Wunder, dass die Gerechtigkeitsdebatte neue Nahrung erhält: Kann es gerecht sein, dass der Nachbar, der im selben Jahr und am selben Ort wie ich geboren wurde, eine ganze Fabrik erbt, während meine ehrbaren Eltern mir nur wenige bescheidene Güter überlassen werden? Kann es richtig sein, dass derjenige, der schon zu Schulzeiten alle finanziellen Möglichkeiten hatte, nach seiner Erbschaft die Hände in den Schoß legen und aus dem Verkauf des Nachlasses ein Leben jenseits materieller Sorgen führen könnte? Der Mieteinnahmen erzielt, wo ich Miete zahle? Kann das richtig sein? Wer wäre da nicht geneigt, den Todesfall als geeigneten Anlass zu nehmen, ein bisschen mehr Gleichheit der Chancen für die Nachkommen der unterschiedlich erfolgreichen Vorfahren zu schaffen, der Vermögensspreizung unter den Kindern Einhalt zu gebieten?

Man könnte zum Beispiel das Erbrecht grundlegend ändern. Heute erben neben dem Ehepartner die Kinder an erster Stelle, es folgen in gerader Linie Verwandte und deren Abkömmlinge. Erst wenn niemand mehr da ist, erbt der Staat. Doch das muss ja nicht so bleiben. Das Erbrecht ist kein Naturgesetz. Es ist von Menschen gemacht. Vor sehr langer Zeit. Weit vor Inkrafttreten des Grundgesetzes. Wagen wir doch einmal das Experiment und ändern das Erbgefüge des Bürgerlichen Gesetzbuches, BGB. Als Erben bleiben noch die Lebenspartner. Verwandtschaft zählt nicht mehr. Kinder scheiden als Erben aus, ebenso andere in gerader Linie verwandte Mitglieder der Familie. Also: Schluss mit der Generationenfolge, die in wenigen Schritten zu erheblicher Ungleichheit der Kinder und Kindeskinder führen kann. Unsere Kinder sollen es einmal besser haben. So oder so.

Es wäre eine ziemlich einsame Rechtslage, weltweit. Von Japan über Indien bis zu den angelsächsischen Ländern gibt es große Übereinstimmung darüber, dass Vermögen der Eltern den Nachkommen überlassen werden. Das Erbrecht scheint in allen Gesellschaften sehr tief verankert zu sein, wie ein Naturrecht, das der Mensch nicht ohne weiteres brechen kann, ohne der Gesellschaft offene Wunden zuzufügen, ihre Architektur zu gefährden. Ganz offensichtlich wäre unsere Gesellschaft und wären unsere Volksvertreter auch nicht bereit, einen solchen Schritt zu wagen oder auch nur ins Spiel zu bringen.

Deshalb suchen wir nach anderen Wegen, der wachsenden Ungleichheit Herr zu werden. Dabei lassen wir die Erbschaft im ersten Schritt zunächst unberührt. Für den sozialen Ausgleich aber sorgt eine Beteiligung des Staates. Wir beteiligen den Staat an der Hinterlassenschaft. Durch die fällige Erbschaftsteuer. Ausgedrückt in Prozenten vom Wert des Nachlasses, der dem einzelnen Erben zufließt. Bis zur Hälfte kassiert der Staat. So das Erbschaftsteuergesetz.

50 Prozent sind ein großer Schluck aus der Pulle. Der Staat nimmt es den Erben. Und gibt es dem Gemeinwesen, das allemal bedürftiger erscheint als die durch Todesfälle Begünstigten. Damit werden zwar die Kinder vermögensloser Erblasser nicht reicher, aber manchmal scheint der Rechtsfrieden ja schon dadurch wiederhergestellt werden zu können, dass alle weniger haben als zuvor. Ganze Volkswirtschaften haben bis zu ihrem Untergang der Verteilung der Güter mehr Wert beigemessen als deren absoluter Größe. Man mag Zweifel haben, ob dies der richtige Weg ist, mehr Chancengleichheit unter den Kindern zu vermitteln. Man könnte darüber diskutieren, wenn es sich lohnte. Aber: Es lohnt sich nicht, denn der Staat nimmt dem Erben nicht die Hälfte des Nachlasses durch die Steuer wieder weg.

Die Erben werden vom Fiskus gar nicht erst behelligt. Sie können ihre Erbschaften voll und in ganzer Höhe genießen. Ohne Abzüge, ohne Erbschaftsteuer. Jedenfalls die meisten unter ihnen. Insbesondere die Kinder des Verstorbenen. Denn sie haben hohe Freibeträge und wenn sie dann einmal mit dem Nachlass doch zu viel des Guten für sich verbuchen können, dann werden die steuerlichen Folgen durch einen besonders niedrigen Steuersatz in einer für Vermögende wohl erträglichen Weise abgemildert. So erfährt der Begriff des Erbgutes eine natürlich anmutende Begriffserweiterung: Zum Erbgut zählt wie seit unvordenklicher Zeit auch das materielle Erbe, das die Eltern ihren Kindern hinterlassen. Die Schere zwischen vermögenden und nicht vermögenden Familien wird sich wohl auch in Zukunft weiter öffnen.

Die Erben und Nicht-Erben sind unter uns. Sie müssen es richten. Doch die Chancen auf Besserung stehen nicht gut. Denn es geht um eine politische Lösung. Wer aber wollte sich an einer Korrektur des Erbrechts versuchen? Welcher Parlamentarier wäre bereit, sich so sehr an seinen und den Interessen seiner Familie zu versündigen? Nicht einmal Abgeordnete aus den Reihen der Nicht-Erben. Jetzt, wo sie sich gerade im Kreis derer eingerichtet haben, denen die ganze Fürsorge unseres Staates gilt, die der Staat großzügig alimentiert? Im Kreis der Abgeordneten, an deren Karriereende noch etwas übrigbleibt. Für die Kinder. Für wen sonst?

Im April 2015

Metallbearbeitung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVerstehen Sie etwas von Metallbearbeitung? Haben Sie eine Metallsäge? Dann sägen Sie mal schön. Qietschend rutscht das Blatt über das zu teilende Metall. Bis es schließlich Halt findet, sich seine kleinen Zähne im Material verbeißen und ihm kleine Späne entreißen. Ein Spalt entsteht, wird größer und frisst sich durch das Werkstück, bis er ein Stück abtrennt, das mit metallischem Klang auf den Boden fällt. Wenn alles gut geht. Wenn alles richtig läuft.

Metall gehorcht mir nicht. Noch nicht einmal das Sägeblatt. Es stellt sich stumpf, hat Zähnchen ohne Biss. Hämisch leistet das Werkstück zähen Widerstand. Es beugt sich nicht, lässt sich nicht verbiegen. Das Metall mag mich nicht, will sich von mir nicht formen lassen. Selbst nicht bei Anwendung blanker Gewalt. Dann schießt es durch den Raum, schlägt klirrend an und versteckt sich dann vor mir. Wohl wartend auf jemanden, der etwas von Metallbearbeitung versteht.

Im April 2015

Michel leidet

Michel leidet. Im Radio ein Kommentar zur Wirtschaftslage. Feindlicher Angriff. Kapital lauert auf Beute. Internationale Investment- und Hedgefonds fallen über unsere Aktien her. Deutschland AG, dein letztes Stündlein hat geschlagen.

Genug gehört. Der Rest ist bekannt. Jobs ade. Über Vierzig? Keine Chance. Kein Zaun zur Welt. Die Buchsbaumhecke ist zertrampelt, unser Rosenbeet verwüstet, unsere Idylle zerstört. Vorbei ist´s mit der deutschen Gemütlichkeit. Selbst Amtsstuben bieten kein Zuhause mehr. Durch zerbrochene Scheiben zieht eisiger Wind ein. Michel hat Husten und Weltschmerz. Er ist elend dran. Michel leidet.

Im Juli 2005

Kompass

Sie schreien uns schon zum Frühstück an, lugen aus gewöhnlichen Tageszeitungen und sind aus keinem Briefkasten wegzudenken: Top-Angebote, jede Woche neu. Bunte Verführung. Bis heute wusste ich nicht, dass ich dringend eine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass brauche. Naive Leichtfertigkeit, ohne sie aus dem Haus zu gehen. Wie schnell hätte ich vom Weg oder gar vom Pfad der Tugend abkommen können? Überstunden für meinen Schutzengel. Danke nachträglich. Meine alte, rostige Schere, Qualität aus Solingen, zerbeißt den Blister der Verpackung. Behutsam entnehme ich meinen Schatz. Er schmiegt sich um meinen Arm, touchiert mein Handgelenk. Bedeutungsvoll und schwer.

Erst mal einstellen. Die Uhr wandert auf den Tisch. Die Gebrauchsanweisung in sechs Sprachen verstehe ich nicht, nicht mal in Deutsch. Eine miserable Übersetzung aus dem Chinesischen. In einer Stunde kommt mein Filius aus der Schule. Der kann´s auch ohne Bedienungsanleitung. Und wenn er die versprochene Eins in Mathe nach Hause bringt, gehört die Uhr ihm.

Ich betrachte meine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass. Billiger chinesischer Kram mit falscher Zeitangabe; mein Sohn wird sie einstellen. Aber der Kompass funktioniert schon.

Im Juli 2005

Unfreiwillig geboren

OLYMPUS DIGITAL CAMERAGeboren werden wir nicht freiwillig. Wir werden gar nicht erst gefragt, ob wir denn lieber heute als morgen oder lieber gar nicht, oder ob wir womöglich lieber gestern hätte geboren werden wollen. In der „guten alten Zeit“ oder in ferner Zukunft, wenn medizinischer Fortschritt den „neuen Menschen“ geschaffen haben wird. Wir werden ignoriert, so lange es uns noch nicht gibt. Ein gelebtes Selbstbestimmungsrecht sieht anders aus. Niemand fragt uns, ob wir diese Welt wollen, die uns als die unsere angedient wird. Mit all ihren Macken und mit all ihren Tücken. Mit Krieg und Frieden und Gerechtigkeit, die es nicht gibt.

So bleibt uns am Ende nur das stille Erdulden dessen, was ohne unser Zutun geschieht. Uns und allen anderen, die gestern, heute oder morgen dasselbe Schicksal ereilt hat oder ereilen wird. Millionenfach entlassen in eine Welt, die sie sich nicht ausgesucht haben, die gestern noch anders aussah und morgen anders als heute aussehen wird. In der es an allen Ecken brennt, die ständig nach der Feuerwehr ruft und Katastrophenalarm gibt. In der es ganz schön schwierig ist, einigermaßen die Übersicht zu bewahren. Über die Art und das Ausmaß der täglichen Bedrohungen, die uns aus den Medien entgegenfiebern. In eine Welt, die wir die wir zu verstehen suchen, um sie ein kleines bisschen nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Wie Generationen vor uns, die alle unfreiwillig geboren wurden.

Im April 2015

Nachahmung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn sie erst auf der Messe zu sehen sind, ist es meistens schon viel zu spät. Plagiate. Manch Unternehmer wundert sich, „seine“ Produkte auf einem der Nachbarstände neu zu entdecken. Sehr ähnlich. Zum Verwechseln ähnlich. Da kocht die Seele des Entwicklers.

Vorsorglich nachgeahmt werden auch Gestaltungselemente, die Form der Kühlrippen etwa. Man kann ja nie wissen. Es wird schon seinen Sinn haben. Das Logo? Nein, es ist nicht identisch. Es ist nur gleich. Dissonanter Respekt vor der Leistung des Urhebers. Fremde Mentalitäten.

Plagiate sind das Ergebnis sorgfältiger Suche nach Gelegenheiten, gewissenhafter Beobachtung, fotografisch exakter Dokumentation und Vermessung. Und schließlich der verfahrenstechnischen Umsetzung. Ein ganzes Stück Arbeit steckt dahinter. Und nicht selten ein Auftrag. Hut ab? Nein.

Trotzdem: Originale sind die Ausnahme, Kopien die Regel. Nachahmung beherrscht unseren Alltag, lässt Ideen zu Trends werden und Erfindungen zu Produkten, Produkte zu Fundamenten neuer Erfindungen und Entwicklungen. Ob Einreiher oder Zweireiher, mit langen oder kurzen Revers, selbst die Anzüge der Business-Class haben einen gemeinsamen Urvater. Das Leben selbst, jede Art, reproduziert sich nach überlieferten Mustern. Und liefert immer neue Varianten.

Wo in der Wirtschaft spioniert und kopiert wird, wo aus Originalen Fälschungen und mit Fälschungen Geschäfte gemacht werden, da beginnt die knallharte Konkurrenz. Mit Mitteln, die verboten sind. Vor denen mittelständische Unternehmen schnell kapitulieren. Zu der Last oft jahrelanger Entwicklungsarbeit kommt jetzt noch eins oben drauf: Sie führen einen wenig aussichtsreichen, aber umso teureren Kampf gegen einen kaum greifbaren Gegner. Jetzt wird prozessiert statt entwickelt. Tribut an die Leistung vergangener Tage. Und ein zweifelhafter Versuch, die Zeit anzuhalten und bereits Geschehenes ungeschehen zu machen.

Was tun? Klein beigeben? Sollen wir Betriebsgeheimnisse gleich der globalen Meute vorwerfen? Mit ewig unergründlichem Lächeln (Achtung Kopie!) und bester Empfehlung? Nein. Zu wissen, dass immer jemand da ist, der kopieren will, ist wichtig. Stets danach zu handeln, ein Gebot. Die Ratschläge dazu sind bekannt, ihre Umsetzung ist schwierig. Von der Betriebsorganisation, über sichere Datenwege bis hin zu sorgsamem Umgang mit netten, aber nicht immer vertrauenswürdigen Partnern, gibt es zahlreiche Gelegenheiten, die unserer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Und sonst? Ja, für international fairen Wettbewerb eintreten, in der Leistung gegen Diebstahl versichert ist. Das sollten wir anstreben, auch bei dürftigen Erfolgsaussichten.

Was wird? Auch in Zukunft werden gute Ideen kopiert. Wohl dem, der sie am schnellsten am Markt platziert. Am nächsten dran ist der Erfinder selbst. Er sollte Erster sein. Im Wettbewerb zählt jeder Tag. Eine Kopie läuft dem Original stets hinterher. Es besteht deshalb hinreichender Anlass, weiterhin auf eigene Ideen und Entwicklungen – auf Innovation – zu setzen. Mit kühlem Kopf. Selbst wenn Kopieren erlaubt wäre, wäre es nicht anders.

Im Mai 2010

Globaler Katzenjammer

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAnlagestrategen schreiben die Wirtschaftsgeschichte unserer Welt. Auf ihrer kippeligen Gratwanderung zwischen Gewinn und Verlust schießen sie Milliarden um den Globus. Im Sekundentakt, online. Rendite heißt ihr Auftrag, Provision ihr Antrieb. Geliehenes Geld. Verbrieft, testiert und garantiert. Von wem auch immer. Hauptsache man glaubt daran. Stets dabei: die Medien, deren Nachrichten zeitgleich mit dem Druck auf die „Enter-Taste“ eines Computers auf die Menschheit losgelassen werden.

So funktioniert die Finanzwelt nun einmal, lässt Unternehmen aufblühen und untergehen, Standorte prosperieren und verkümmern. Wohl nie zuvor haben so viele Volkswirtschaften so intensive Phasen des wirtschaftlichen Aufstiegs erlebt wie in den letzten Jahren. Auch wir haben gut davon gelebt. Zweistellige Ausfuhrsteigerungen jährlich, ein Arbeitspensum, das mit drei Schichten kaum noch zu bewältigen war, wir haben geschuftet bis zum Umfallen. Und gut verdient. Und doch: Irgendetwas ist schief gelaufen. Irgendwo.

Das Übel ist schnell ausgemacht: Es waren raffgierige Immobilienfinanzierer, die in den fernen USA armen und zudem ahnungslosen Bürgern in unverantwortlicher Weise Hypothekenkredite angedreht, diese dann schön verpackt und anschließend mit erstklassigen Testaten weiterverhökert haben – an ebenso ahnungslose – aber (noch) nicht arme – Banken. Wirtschaftsbetrüger waren es. Heile Welt, du bist gerettet. Wir waren es nicht. Wir sind nur Opfer. Gott sei Dank. Wir machen weiter wie bisher.

Wäre da nicht diese furchtbare Krise. Allgegenwärtige Hiobsbotschaften gieren danach, täglich noch ein Schüppchen Horror draufzulegen. Gruselkabinett der öffentlichen Stimmungsmache. Zu informieren ist eigentlich nur über einen einfachen Vorgang mit seinen ganz natürlichen Folgen: Das außerordentliche Konjunkturhoch ist vorbei. Wir kehren zur Normalität zurück. Allem Augenschein nach wird es auch Umsatzrückgänge geben. Das ist nicht schön, aber auch noch nicht bedrohlich, wäre da nicht das globale Stimmungstief. Doch der globale Katzenjammer kommt nicht von ungefähr. Wenn selbst russische Milliardäre keine rauschenden Orgien mehr feiern können, muss es wohl schlimm bestellt sein. Schrecken ist ein idealer Stoff für die Massenmedien. Er trifft ins Herz, bewegt das Gemüt. Wie ein tückisches Virus dringt er in den geistigen Kosmos der Menschen ein und beginnt dort sein zerstörerisches Werk. Wenn Wirtschaft viel mit Psychologie zu tun hat, dann hier. Über die Medien wird sie zum globalen Massenphänomen. Folge: globaler Katzenjammer in der Höhe seiner Blüte.

Doch es besteht berechtigte Hoffnung, dass die Blütezeit des Katzenjammers nur von kurzer Dauer ist. Auf der Welt lauern Milliarden Menschen in seltener Eintracht mit der Politik auf die erste Gelegenheit, weiterzumachen. Die Welt ist voller Überraschungen. Und es wird anders kommen, als es die heutigen Prophezeiungen verheißen. Warum sollten wir nicht selbst für Überraschungen sorgen? Eine neue Idee, ein Geschäft, das ideal in die jetzige Zeit passt? Vielleicht gönnen wir uns jetzt einmal eine Stunde des Nachdenkens. Resignation und Depression sind fehl am Platz. Wer von den großen Chancen bewegter Zeiten weiß, wird die gegenwärtige Lage mit kreativen Ideen nutzen. Machen wir uns nichts vor: Nach der Krise werden wir nicht weitermachen können wie bisher. Wir sollten gut darauf vorbereitet sein.

Januar 2009