Metallbearbeitung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVerstehen Sie etwas von Metallbearbeitung? Haben Sie eine Metallsäge? Dann sägen Sie mal schön. Qietschend rutscht das Blatt über das zu teilende Metall. Bis es schließlich Halt findet, sich seine kleinen Zähne im Material verbeißen und ihm kleine Späne entreißen. Ein Spalt entsteht, wird größer und frisst sich durch das Werkstück, bis er ein Stück abtrennt, das mit metallischem Klang auf den Boden fällt. Wenn alles gut geht. Wenn alles richtig läuft.

Metall gehorcht mir nicht. Noch nicht einmal das Sägeblatt. Es stellt sich stumpf, hat Zähnchen ohne Biss. Hämisch leistet das Werkstück zähen Widerstand. Es beugt sich nicht, lässt sich nicht verbiegen. Das Metall mag mich nicht, will sich von mir nicht formen lassen. Selbst nicht bei Anwendung blanker Gewalt. Dann schießt es durch den Raum, schlägt klirrend an und versteckt sich dann vor mir. Wohl wartend auf jemanden, der etwas von Metallbearbeitung versteht.

Im April 2015

Michel leidet

Michel leidet. Im Radio ein Kommentar zur Wirtschaftslage. Feindlicher Angriff. Kapital lauert auf Beute. Internationale Investment- und Hedgefonds fallen über unsere Aktien her. Deutschland AG, dein letztes Stündlein hat geschlagen.

Genug gehört. Der Rest ist bekannt. Jobs ade. Über Vierzig? Keine Chance. Kein Zaun zur Welt. Die Buchsbaumhecke ist zertrampelt, unser Rosenbeet verwüstet, unsere Idylle zerstört. Vorbei ist´s mit der deutschen Gemütlichkeit. Selbst Amtsstuben bieten kein Zuhause mehr. Durch zerbrochene Scheiben zieht eisiger Wind ein. Michel hat Husten und Weltschmerz. Er ist elend dran. Michel leidet.

Im Juli 2005

Kompass

Sie schreien uns schon zum Frühstück an, lugen aus gewöhnlichen Tageszeitungen und sind aus keinem Briefkasten wegzudenken: Top-Angebote, jede Woche neu. Bunte Verführung. Bis heute wusste ich nicht, dass ich dringend eine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass brauche. Naive Leichtfertigkeit, ohne sie aus dem Haus zu gehen. Wie schnell hätte ich vom Weg oder gar vom Pfad der Tugend abkommen können? Überstunden für meinen Schutzengel. Danke nachträglich. Meine alte, rostige Schere, Qualität aus Solingen, zerbeißt den Blister der Verpackung. Behutsam entnehme ich meinen Schatz. Er schmiegt sich um meinen Arm, touchiert mein Handgelenk. Bedeutungsvoll und schwer.

Erst mal einstellen. Die Uhr wandert auf den Tisch. Die Gebrauchsanweisung in sechs Sprachen verstehe ich nicht, nicht mal in Deutsch. Eine miserable Übersetzung aus dem Chinesischen. In einer Stunde kommt mein Filius aus der Schule. Der kann´s auch ohne Bedienungsanleitung. Und wenn er die versprochene Eins in Mathe nach Hause bringt, gehört die Uhr ihm.

Ich betrachte meine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass. Billiger chinesischer Kram mit falscher Zeitangabe; mein Sohn wird sie einstellen. Aber der Kompass funktioniert schon.

Im Juli 2005

Unfreiwillig geboren

Geboren werden wir nicht freiwillig. Wir werden gar nicht erst gefragt, ob wir denn lieber heute als morgen oder lieber gar nicht, oder ob wir womöglich lieber gestern hätte geboren werden wollen. In der „guten alten Zeit“ oder in ferner Zukunft, wenn medizinischer Fortschritt den „neuen Menschen“ geschaffen haben wird. Wir werden ignoriert, so lange es uns noch nicht gibt. Ein gelebtes Selbstbestimmungsrecht sieht anders aus. Niemand fragt uns, ob wir diese Welt wollen, die uns als die unsere angedient wird. Mit all ihren Macken und mit all ihren Tücken. Mit Krieg und Frieden und Gerechtigkeit, die es nicht gibt.

So bleibt uns am Ende nur das stille Erdulden dessen, was ohne unser Zutun geschieht. Uns und allen anderen, die gestern, heute oder morgen dasselbe Schicksal ereilt hat oder ereilen wird. Millionenfach entlassen in eine Welt, die sie sich nicht ausgesucht haben, die gestern noch anders aussah und morgen anders als heute aussehen wird. In der es an allen Ecken brennt, die ständig nach der Feuerwehr ruft und Katastrophenalarm gibt. In der es ganz schön schwierig ist, einigermaßen die Übersicht zu bewahren. Über die Art und das Ausmaß der täglichen Bedrohungen, die uns aus den Medien entgegenfiebern. In eine Welt, die wir die wir zu verstehen suchen, um sie ein kleines bisschen nach unseren Vorstellungen zu entwickeln. Wie Generationen vor uns, die alle unfreiwillig geboren wurden.

Im April 2015

Nachahmung

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWenn sie erst auf der Messe zu sehen sind, ist es meistens schon viel zu spät. Plagiate. Manch Unternehmer wundert sich, „seine“ Produkte auf einem der Nachbarstände neu zu entdecken. Sehr ähnlich. Zum Verwechseln ähnlich. Da kocht die Seele des Entwicklers.

Vorsorglich nachgeahmt werden auch Gestaltungselemente, die Form der Kühlrippen etwa. Man kann ja nie wissen. Es wird schon seinen Sinn haben. Das Logo? Nein, es ist nicht identisch. Es ist nur gleich. Dissonanter Respekt vor der Leistung des Urhebers. Fremde Mentalitäten.

Plagiate sind das Ergebnis sorgfältiger Suche nach Gelegenheiten, gewissenhafter Beobachtung, fotografisch exakter Dokumentation und Vermessung. Und schließlich der verfahrenstechnischen Umsetzung. Ein ganzes Stück Arbeit steckt dahinter. Und nicht selten ein Auftrag. Hut ab? Nein.

Trotzdem: Originale sind die Ausnahme, Kopien die Regel. Nachahmung beherrscht unseren Alltag, lässt Ideen zu Trends werden und Erfindungen zu Produkten, Produkte zu Fundamenten neuer Erfindungen und Entwicklungen. Ob Einreiher oder Zweireiher, mit langen oder kurzen Revers, selbst die Anzüge der Business-Class haben einen gemeinsamen Urvater. Das Leben selbst, jede Art, reproduziert sich nach überlieferten Mustern. Und liefert immer neue Varianten.

Wo in der Wirtschaft spioniert und kopiert wird, wo aus Originalen Fälschungen und mit Fälschungen Geschäfte gemacht werden, da beginnt die knallharte Konkurrenz. Mit Mitteln, die verboten sind. Vor denen mittelständische Unternehmen schnell kapitulieren. Zu der Last oft jahrelanger Entwicklungsarbeit kommt jetzt noch eins oben drauf: Sie führen einen wenig aussichtsreichen, aber umso teureren Kampf gegen einen kaum greifbaren Gegner. Jetzt wird prozessiert statt entwickelt. Tribut an die Leistung vergangener Tage. Und ein zweifelhafter Versuch, die Zeit anzuhalten und bereits Geschehenes ungeschehen zu machen.

Was tun? Klein beigeben? Sollen wir Betriebsgeheimnisse gleich der globalen Meute vorwerfen? Mit ewig unergründlichem Lächeln (Achtung Kopie!) und bester Empfehlung? Nein. Zu wissen, dass immer jemand da ist, der kopieren will, ist wichtig. Stets danach zu handeln, ein Gebot. Die Ratschläge dazu sind bekannt, ihre Umsetzung ist schwierig. Von der Betriebsorganisation, über sichere Datenwege bis hin zu sorgsamem Umgang mit netten, aber nicht immer vertrauenswürdigen Partnern, gibt es zahlreiche Gelegenheiten, die unserer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Und sonst? Ja, für international fairen Wettbewerb eintreten, in der Leistung gegen Diebstahl versichert ist. Das sollten wir anstreben, auch bei dürftigen Erfolgsaussichten.

Was wird? Auch in Zukunft werden gute Ideen kopiert. Wohl dem, der sie am schnellsten am Markt platziert. Am nächsten dran ist der Erfinder selbst. Er sollte Erster sein. Im Wettbewerb zählt jeder Tag. Eine Kopie läuft dem Original stets hinterher. Es besteht deshalb hinreichender Anlass, weiterhin auf eigene Ideen und Entwicklungen – auf Innovation – zu setzen. Mit kühlem Kopf. Selbst wenn Kopieren erlaubt wäre, wäre es nicht anders.

Im Mai 2010

Globaler Katzenjammer

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAnlagestrategen schreiben die Wirtschaftsgeschichte unserer Welt. Auf ihrer kippeligen Gratwanderung zwischen Gewinn und Verlust schießen sie Milliarden um den Globus. Im Sekundentakt, online. Rendite heißt ihr Auftrag, Provision ihr Antrieb. Geliehenes Geld. Verbrieft, testiert und garantiert. Von wem auch immer. Hauptsache man glaubt daran. Stets dabei: die Medien, deren Nachrichten zeitgleich mit dem Druck auf die „Enter-Taste“ eines Computers auf die Menschheit losgelassen werden.

So funktioniert die Finanzwelt nun einmal, lässt Unternehmen aufblühen und untergehen, Standorte prosperieren und verkümmern. Wohl nie zuvor haben so viele Volkswirtschaften so intensive Phasen des wirtschaftlichen Aufstiegs erlebt wie in den letzten Jahren. Auch wir haben gut davon gelebt. Zweistellige Ausfuhrsteigerungen jährlich, ein Arbeitspensum, das mit drei Schichten kaum noch zu bewältigen war, wir haben geschuftet bis zum Umfallen. Und gut verdient. Und doch: Irgendetwas ist schief gelaufen. Irgendwo.

Das Übel ist schnell ausgemacht: Es waren raffgierige Immobilienfinanzierer, die in den fernen USA armen und zudem ahnungslosen Bürgern in unverantwortlicher Weise Hypothekenkredite angedreht, diese dann schön verpackt und anschließend mit erstklassigen Testaten weiterverhökert haben – an ebenso ahnungslose – aber (noch) nicht arme – Banken. Wirtschaftsbetrüger waren es. Heile Welt, du bist gerettet. Wir waren es nicht. Wir sind nur Opfer. Gott sei Dank. Wir machen weiter wie bisher.

Wäre da nicht diese furchtbare Krise. Allgegenwärtige Hiobsbotschaften gieren danach, täglich noch ein Schüppchen Horror draufzulegen. Gruselkabinett der öffentlichen Stimmungsmache. Zu informieren ist eigentlich nur über einen einfachen Vorgang mit seinen ganz natürlichen Folgen: Das außerordentliche Konjunkturhoch ist vorbei. Wir kehren zur Normalität zurück. Allem Augenschein nach wird es auch Umsatzrückgänge geben. Das ist nicht schön, aber auch noch nicht bedrohlich, wäre da nicht das globale Stimmungstief. Doch der globale Katzenjammer kommt nicht von ungefähr. Wenn selbst russische Milliardäre keine rauschenden Orgien mehr feiern können, muss es wohl schlimm bestellt sein. Schrecken ist ein idealer Stoff für die Massenmedien. Er trifft ins Herz, bewegt das Gemüt. Wie ein tückisches Virus dringt er in den geistigen Kosmos der Menschen ein und beginnt dort sein zerstörerisches Werk. Wenn Wirtschaft viel mit Psychologie zu tun hat, dann hier. Über die Medien wird sie zum globalen Massenphänomen. Folge: globaler Katzenjammer in der Höhe seiner Blüte.

Doch es besteht berechtigte Hoffnung, dass die Blütezeit des Katzenjammers nur von kurzer Dauer ist. Auf der Welt lauern Milliarden Menschen in seltener Eintracht mit der Politik auf die erste Gelegenheit, weiterzumachen. Die Welt ist voller Überraschungen. Und es wird anders kommen, als es die heutigen Prophezeiungen verheißen. Warum sollten wir nicht selbst für Überraschungen sorgen? Eine neue Idee, ein Geschäft, das ideal in die jetzige Zeit passt? Vielleicht gönnen wir uns jetzt einmal eine Stunde des Nachdenkens. Resignation und Depression sind fehl am Platz. Wer von den großen Chancen bewegter Zeiten weiß, wird die gegenwärtige Lage mit kreativen Ideen nutzen. Machen wir uns nichts vor: Nach der Krise werden wir nicht weitermachen können wie bisher. Wir sollten gut darauf vorbereitet sein.

Januar 2009