Globaler Katzenjammer

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAnlagestrategen schreiben die Wirtschaftsgeschichte unserer Welt. Auf ihrer kippeligen Gratwanderung zwischen Gewinn und Verlust schießen sie Milliarden um den Globus. Im Sekundentakt, online. Rendite heißt ihr Auftrag, Provision ihr Antrieb. Geliehenes Geld. Verbrieft, testiert und garantiert. Von wem auch immer. Hauptsache man glaubt daran. Stets dabei: die Medien, deren Nachrichten zeitgleich mit dem Druck auf die „Enter-Taste“ eines Computers auf die Menschheit losgelassen werden.

So funktioniert die Finanzwelt nun einmal, lässt Unternehmen aufblühen und untergehen, Standorte prosperieren und verkümmern. Wohl nie zuvor haben so viele Volkswirtschaften so intensive Phasen des wirtschaftlichen Aufstiegs erlebt wie in den letzten Jahren. Auch wir haben gut davon gelebt. Zweistellige Ausfuhrsteigerungen jährlich, ein Arbeitspensum, das mit drei Schichten kaum noch zu bewältigen war, wir haben geschuftet bis zum Umfallen. Und gut verdient. Und doch: Irgendetwas ist schief gelaufen. Irgendwo.

Das Übel ist schnell ausgemacht: Es waren raffgierige Immobilienfinanzierer, die in den fernen USA armen und zudem ahnungslosen Bürgern in unverantwortlicher Weise Hypothekenkredite angedreht, diese dann schön verpackt und anschließend mit erstklassigen Testaten weiterverhökert haben – an ebenso ahnungslose – aber (noch) nicht arme – Banken. Wirtschaftsbetrüger waren es. Heile Welt, du bist gerettet. Wir waren es nicht. Wir sind nur Opfer. Gott sei Dank. Wir machen weiter wie bisher.

Wäre da nicht diese furchtbare Krise. Allgegenwärtige Hiobsbotschaften gieren danach, täglich noch ein Schüppchen Horror draufzulegen. Gruselkabinett der öffentlichen Stimmungsmache. Zu informieren ist eigentlich nur über einen einfachen Vorgang mit seinen ganz natürlichen Folgen: Das außerordentliche Konjunkturhoch ist vorbei. Wir kehren zur Normalität zurück. Allem Augenschein nach wird es auch Umsatzrückgänge geben. Das ist nicht schön, aber auch noch nicht bedrohlich, wäre da nicht das globale Stimmungstief. Doch der globale Katzenjammer kommt nicht von ungefähr. Wenn selbst russische Milliardäre keine rauschenden Orgien mehr feiern können, muss es wohl schlimm bestellt sein. Schrecken ist ein idealer Stoff für die Massenmedien. Er trifft ins Herz, bewegt das Gemüt. Wie ein tückisches Virus dringt er in den geistigen Kosmos der Menschen ein und beginnt dort sein zerstörerisches Werk. Wenn Wirtschaft viel mit Psychologie zu tun hat, dann hier. Über die Medien wird sie zum globalen Massenphänomen. Folge: globaler Katzenjammer in der Höhe seiner Blüte.

Doch es besteht berechtigte Hoffnung, dass die Blütezeit des Katzenjammers nur von kurzer Dauer ist. Auf der Welt lauern Milliarden Menschen in seltener Eintracht mit der Politik auf die erste Gelegenheit, weiterzumachen. Die Welt ist voller Überraschungen. Und es wird anders kommen, als es die heutigen Prophezeiungen verheißen. Warum sollten wir nicht selbst für Überraschungen sorgen? Eine neue Idee, ein Geschäft, das ideal in die jetzige Zeit passt? Vielleicht gönnen wir uns jetzt einmal eine Stunde des Nachdenkens. Resignation und Depression sind fehl am Platz. Wer von den großen Chancen bewegter Zeiten weiß, wird die gegenwärtige Lage mit kreativen Ideen nutzen. Machen wir uns nichts vor: Nach der Krise werden wir nicht weitermachen können wie bisher. Wir sollten gut darauf vorbereitet sein.

Januar 2009

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.

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