Kompass

Sie schreien uns schon zum Frühstück an, lugen aus gewöhnlichen Tageszeitungen und sind aus keinem Briefkasten wegzudenken: Top-Angebote, jede Woche neu. Bunte Verführung. Bis heute wusste ich nicht, dass ich dringend eine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass brauche. Naive Leichtfertigkeit, ohne sie aus dem Haus zu gehen. Wie schnell hätte ich vom Weg oder gar vom Pfad der Tugend abkommen können? Überstunden für meinen Schutzengel. Danke nachträglich. Meine alte, rostige Schere, Qualität aus Solingen, zerbeißt den Blister der Verpackung. Behutsam entnehme ich meinen Schatz. Er schmiegt sich um meinen Arm, touchiert mein Handgelenk. Bedeutungsvoll und schwer.

Erst mal einstellen. Die Uhr wandert auf den Tisch. Die Gebrauchsanweisung in sechs Sprachen verstehe ich nicht, nicht mal in Deutsch. Eine miserable Übersetzung aus dem Chinesischen. In einer Stunde kommt mein Filius aus der Schule. Der kann´s auch ohne Bedienungsanleitung. Und wenn er die versprochene Eins in Mathe nach Hause bringt, gehört die Uhr ihm.

Ich betrachte meine sportliche Armbanduhr mit integriertem Kompass. Billiger chinesischer Kram mit falscher Zeitangabe; mein Sohn wird sie einstellen. Aber der Kompass funktioniert schon.

Im Juli 2005

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.

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