Mensch, Version 1.0

OLYMPUS DIGITAL CAMERACyber-physische Systeme sind der Kern des „Internets der Dinge“ und läuten derzeit die 4. industrielle Revolution aus. Wenigstens aus heutiger Sicht. Denn was auf uns zukommt, wissen wir noch nicht. Wir können es nur erahnen. Als Anfang der 90er Jahre das Internet durch jedermann nutzbar wurde, konnte wohl kaum jemand auch nur annähernd dessen Auswirkungen abschätzen, die es bereits bis zum heutigen Tage hat. Noch aber ist die Entwicklung nicht abgeschlossen. Jetzt wird mit seiner Hilfe das Zeitalter der „Industrie 4.0“ eingeleitet. Was steckt dahinter?

Bisher werden industrielle Fertigungsprozesse sowie die Logistik im Wege des Enterprise-Resource-Planning optimiert. Die Bedarfe werden vorausberechnet und zur rechten Zeit bedient. Hier kommt es nicht nur auf ein sicheres Urteilsvermögen der beteiligten Menschen an, sondern auch auf gut funktionierende Informationstechnik, ohne die die komplexen Prozesse nicht mit der bekannt hohen Präsision und Schnelligkeit gesteuert werden könnten.

Künftig aber steuert das Produkt seine eigene Entstehung selbst. Mit dem Rohling wird ein Chip verbunden, der sowohl die Information enthält, was aus ihm einmal werden soll, als auch die Möglichkeit, hierüber mit anderen Maschinen per Internet zu sprechen. Das Produkt besitzt sozusagen seinen eigenen Bauplan, seine DNA. So ausgerüstet, wendet es sich per Internet an die Maschinen, die es zeitgerecht zu dem Endprodukt machen können, wie es im Bauplan beschrieben ist. Das funktioniert nur, wenn die anderen Maschinen auch mit ihm sprechen können.

Das Gespräch zwischen den Maschinen findet sinnvollerweise auf der ständigen Messe im Cyberspace statt. Dort, wo sich die besten Anbieter treffen. Wo alle nur eine Sprache sprechen. Und wo alle Leistungs- und Verfügbarkeitsdaten zusammenlaufen. In einer Cloud des Internets. Wo Dienstleister dafür sorgen, dass es den miteinander diskutierenden Maschinen an nichts fehlt. Wo die Leitungskapazitäten vorhanden sind und die Speicher. Wo die Sicherheit des Systems garantiert werden kann und wo nicht jeder Zutritt hat. Oder gerade doch?

Da kann einem schon ganz schön googelig werden. Denn die großen Datensammler werden auch dabei sein. Nicht nur mit ihrer unerschöpflichen Datenfülle, sondern auch mit den Algorithmen, die daraus nützliche Information generieren. Nützlich auch für das noch nicht fertige Produkt, das großen Wert darauf legen wird, in optimaler Weise behandelt und gestaltet zu werden. Ist die Auswahl groß, darf unser Produkt auch schon einmal wählerisch sein. Und das sollte es auch. Denn es findet nur einen Partner, wenn es für diesen perfekt ist. Häufig wird es sogar noch mit weiteren Partnern verbunden. Das gibt es etwa bei Zulieferteilen und Komponenten. Jeder Partner hat hierbei seine eigenen Vorstellungen, seine Extrawünsche: wo die Bohrungen liegen müssen, wie fein die Struktur der Oberfläche sein muss, zur Wärmeleitfähigkeit und zum Ausdehnungskoeffizienten. Die Reihe der Ansprüche ist oben offen. Deshalb muss das Produkt schon ganz genau hinsehen, wem es sich anvertraut.

Wenn sich die Maschinen dann über alle notwendigen Schritte und deren Reihenfolge einig sind, kann es losgehen. Pünktlich findet sich das werdende Endprodukt dort ein, wo es bearbeitet werden will. Wenn es den Dienstleister nicht zu sich einbestellt hat. Und danach geht es weiter. In einer Abfolge, deren Logik sich für den Betrachter womöglich zunächst nicht erschließt, die aber bei genauem Hinsehen doch wieder folgerichtig erscheint. Denn hier, wie auch in den von Menschen gesteuerten Systemen, treten einzelne Fehler auf. Im Material, durch äußere Einflüsse, durch falsche Daten oder durch Mängel des Programms. Wenn etwas nicht stimmt, weiß es das noch unfertige Produkt als erstes. Schließlich wird es von der Bearbeitungsmaschine, die nicht ganz intakt ist, umgehend informiert. Das Produkt wird dann neu verhandeln und sich eine andere Bearbeitung aussuchen und die Termine neu abstimmen. In Sekundenbruchteilen. Sollte es einmal durch üble Behandlung selbst zu Schaden gekommen sein, spürt es das recht bald. Denn es hat eine narzisstische Art: Es  betrachtet sich regelmäßig im Spiegel der Sensoren und duldet keinen Makel. Denn ein Makel könnte sein Ende bedeuten. Ein noch ungechiptes Ersatzprodukt im Rohzustand steht schon abrufbereit in den Startlöchern.

Das sich selbst optimierende Gesamtsystem fertigt und transportiert nur die Mengen, die tatsächlich verlangt werden. Es nutzt nur so viele Ressourcen, wie notwendig. Es ist flexibel genug, um Störungen auszugleichen, wo immer sie auftreten. Es arbeitet so selbständig, dass es den Menschen nur dann ruft, wenn es unbedingt erforderlich ist. Und je weniger der Mensch in das System eingreift, umso seltener wird er gefragt sein.

Also lässt der Mensch besser die Finger vom System. Dann läuft es wie von selbst. Jedenfalls fast. Denn die „Industrie 4.0“, das „Internet der Dinge“, braucht noch einen Besteller. Einen, der die Produkte oder die mit den produzierten Maschinen prodzuierten Güter haben will: den Menschen, den unverbesserlichen, Version 1.0.

Im April 2015

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