Schweigenschreiber

Kennen Sie einen Schweigenschreiber? Meine Google-Suche erbrachte kein einziges Ergebnis. Es ist merkwürdig, warum es ihn nicht gibt, stellt doch das Schweigen häufig genug die glücklichere Handlungsalternative gegenüber dem Reden dar. Wir alle kennen die überlieferten Weisheiten: Hättest du geschwiegen, wärst du ein Philosoph geblieben. Und: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Manch einem fällt es offensichtlich leichter zu reden, als zu schweigen. Trotzdem gibt es eine schier unübersehbare Anzahl von Redenschreibern, aber keinen einzigen Schweigenschreiber oder keine einzige Schweigenschreiberin, wenn Google sich nicht irrt.

77.600 Ergebnisse fördert allein der Suchbegriff „Redenschreiber“ zutage, die Schreiberinnen nicht einmal mitgezählt. Selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, dass nicht jedes Suchergebnis auf geschäftliche Anbieter von Redemanuskripten schließen lässt, ist das Ungleichgewicht überaus bemerkenswert. Woran liegt´s? Sind die des Schreibens oder Schweigens nicht mächtigen Menschen so bescheiden geworden, dass sie heute bereit sind, für viel Geld eher die zweite Wahl zu bevorzugen, statt „erster Klasse“ zu wählen und mit gekonntem Schweigen zu punkten? Das wäre schade. Und es wäre teuer.

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, welch volkswirtschaftliches Vermögen unsere Gesellschaft durch schlechte Reden verspielt? Wenn Hunderte von Menschen auf ihren Stühlen ausharren, um sich voller Andacht Sprachhülsen aus dem Konservenarsenal beruflicher Redenschreiber auszuliefern? Um am Ende artig und mitunter gar begeistert ob solch kluger Worte frenetisch Beifall zu zollen? Ganz schön blöd, werden Sie jetzt denken. Wer macht denn sowas?

Seien Sie versichert: In den Sälen, in denen sich Redner für gekaufte Rhetorik feiern lassen, sitzen nicht nur die Dummen unserer Nation. Nein. Viele gehören zur sogenannten Elite. Der geistigen und auch der gesellschaftlichen. Sie wird bevorzugt eingeladen. Weil sie aber nicht so viele Köpfe zählt, wird der Saal mit weiteren Claqueuren gefüllt; zunächst sorgfältig ausgewählt und, wenn das für bebenden Applaus noch immer nicht ausreichen sollte, mit großer Geste auch für die vielen Namenlosen geöffnet, die ihre Zeit für das Spektakel entbehren können. Wer derweil woanders gebraucht wird, ist nicht dabei. Und das ist gut so.

Nun könnte man meinen, der volkswirtschaftliche Schaden könne bei dieser Konstellation ja gar nicht groß sein. Wenn diejenigen, die gebraucht werden, sich solche Reden nicht anhören, sondern ihre Arbeit verrichten, sollte doch alles in Butter sein, egal wie viele andere Köpfe die Reihen füllen. Diese Vermutung greift nur zum Teil, nämlich für den Teil, der weder gebraucht wird, noch eine Vergütung für die eingesetzte Zeit zu erwarten hat. Das aber sind die wenigsten. Viele stehen in hoch dotierten Ämtern und Würden. Sie sind gleichzeitig aber auch die geborenen Opfer schlechter Reden, deren Präsenz für den Ruf und das Gelingen solcher Veranstaltungen nicht selten unabdingbar ist. Sie werden dafür bezahlt, sich das anzuhören, was dort aus dem Lautsprecher quillt.

Nun ja, das gehört eben dazu, werden Sie einwenden. Das stimmt und macht die Sache aber nicht besser: Die Redezeit verkürzt das knappe Zeitkontingent des Würdenträgers mindestens im Maßstab 1:1, wenn nicht noch eine Zeit raubende An- und Abreise hinzu kommt. Dem Würdenträger aber zollt unsere Gesellschaft gleichwohl ein anständiges Honorar, für das er in der Zeit der schlechten Reden keine messbare Gegenleistung erbringen kann. Der Schaden einer schlechten Rede vervielfacht sich so mit der Zahl der Teilnehmer und deren Stundenhonoraren und nimmt beträchtliche Ausmaße an. Sie merken: Das Teure einer Redeveranstaltung sind nicht die hohen Honorare der Redner, sondern der massenhafte Verlust an Arbeitszeit der klugen und weniger klugen Teilnehmer. Ganz zu schweigen von der wertvollen Lebenszeit, derer die geduldigen Zuhörer beraubt werden.

Zugestanden: Bisweilen gibt es auch neue, interessante und witzige – zumindest bereichernde – Vorträge. Aber sie sind leider die Blaue Mauritius unter dem allgegenwärtigen Aufguss dienstbeflissener Redenschreiber.

Was ist angesichts dieser desolaten Lage zu tun? Wir sollten – der überlieferten Weisheit folgend – dem Schweigen mehr Aufmerksamkeit schenken. Schweigen statt reden könnte die Lösung heißen. Schweigen kostet nicht eine Minute. Schweigen braucht kein Mikrophon, lässt keinen Lautsprecher erzittern und klingt angenehm. Schweigen verführt keine Zuhörer, arbeitet ohne Tricks und legt es nicht darauf an, den Geist zu überrumpeln und Applaus einzufordern. Schweigen kostet keinen Cent und ist doch ein Vielfaches einer Rede wert.

Sie sehen sich noch nicht ganz in der Lage, einfach zu schweigen? Auch dafür gibt es eine Lösung: Vertrauen Sie sich doch einfach dem ersten professionellen Schweigenschreiber an. Er wird es für Sie richten.

Ich stehe Ihnen gern zu Diensten.

Im Januar 2016

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