Rotmilan

 

 

 

 

 

Erhaben zog er seine Kreise,
die Thermik trug ihn hoch hinauf.
Er hatte weite Sicht auf seine Weise
und spielte mit des Schicksals Lauf.

Großmütig ließ er Maus für Mäuschen
im Grase tanzend sich vergnügen.
Er machte derweil Paus für Päuschen
und ließ die fette Beute liegen

So schwebte er mit Seligkeit
im Aufwind seiner Stunden
eine ziemlich lange Ewigkeit,
bis die Sonne war verschwunden.

Die große Höh´, sie schwand im Nu,
sein müder Flügelschlag konnt ihn nicht retten,
er raste auf den Boden zu,
direkt in seines Grabes Stätten.

Wenn die Gunst der Stunde lenkt,
wird´s Zeit, dass man an morgen denkt.

Im September 2016

Glück zum Schnäppchenpreis

Ein alter, grauer Mann kauert im Straßenschmutz der Einkaufsstraße. Unauffällig, doch unübersehbar für all die tausend Menschen auf dem Wege zur großen Galerie und von dort zu den angesagten Orten der Stadt. Jeden Tag ist er nur ein paar Schritte entfernt, unverrückbar, nicht fordernd und doch berührend. Vor sich hält er eine kleine Blechdose. Für milde Gaben unserer Gesellschaft.

Er ist immer da, war es gestern und wird es wohl auch morgen sein. Er ist uns fremd und doch vertraut. Wir wissen nichts über ihn. Was hat er erlebt? Wo bleibt er heute Nacht? Ist da jemand, der auf ihn wartet, sein Leben mit ihm teilt? Wir wissen nichts. Und wir fragen auch nicht, haben ihn noch nie gefragt. Vielleicht spricht er gar nicht unsere Sprache? Wie weit müssten wir uns zu ihm hinabbeugen, um ihn zu verstehen? Mit ihm zu sprechen? Auf Augenhöhe, nicht von oben herab.

Wir wollen gar nicht wissen, wie´s um ihn steht. Aber wir zeigen Verantwortung: An ein paar Cent soll es nicht fehlen. Uns erfasst das mit großen Wohltaten untrennbar verbundene Glücksgefühl. Zum Schnäppchenpreis. Er ist ihn wirklich wert. Jeden Cent. Unser alter, grauer Mann im Straßenschmutz der Einkaufsstraße.

Im September 2016