Dämmerung

 

 

 

 

 

Leben liebt die Dämmerung,

die Dämmerung das Leben.

Kurze Tage.

Lange Nächte.

Im September 2016

 

Ahnungslos

Es war einmal eine kleine Ameise. Die schleppte tagtäglich riesige Lasten auf strengen Pfaden ins prächtige Schloss ihrer großen Familie. Das war ihr Reich, gelegen an einem schönen Waldrain. Aber das wusste die Ameise nicht, war sie doch ganz unten, zwischen allen Fichtennadeln, herrlichen Blattresten und anderen vorzüglichen Baumaterialien. Ihr ging es gut, sie hatte nichts zu leiden und keinen Grund zur Freude, der ihr hätte genommen werden können.

Eines Tages, es war ein Sonntagmorgen, näherte sich Unheil. Aber auch das wusste die kleine Ameise nicht, denn sie hatte mit Sonn- und Feiertagen nichts am Hut, sie war schließlich nicht katholisch – und einen Hut hatte sie auch nicht. Und sie hatte keine Ahnung von der Gedankenlosigkeit der Menschen, deren Existenz ihr ohnehin für immer verborgen bleiben wird. An diesem Tage näherten sich zwei Menschen. Ein Vater mit seinem verzogenen Söhnchen, das wegen seines überlangen Vorabends reichlich zerknirscht daherkam und mit einem ausgedörrten Ast allerlei dummes Zeug anstellte. Aber das wusste das Söhnchen selbst nicht und sein Vater ließ es gewähren. Es hieb auf die jungen Blätter der Sträucher, die den Weg säumten, und stakste auf dem Boden herum, bis es das einem Erdhügel ähnliche Schloss der großen Familie der Ameisen entdeckte und den unwiderstehlichen Drang verspürte, hier mal kräftig mitzumischen. Das alles wusste die kleine Ameise nicht und wird es nie erfahren.

Das verzogene Söhnchen kannte keine Scheu, kannte die Baukunst der Ameisen nicht und nicht deren unendliche Mühe. So fasste es den Ast mit aller Kraft, stach in die Ameisenburg und zerrührte dessen feines Geflecht zu einem gewöhnlichen Haufen abgestorbenen Laubes. Und ging weiter. Ahnungslos. Es wird ahnungslos bleiben. Sein Vater sagte nichts.

Die kleine Ameise erhielt neue Order: Wiederaufbau. Große Lasten schleppen als winzigen Beitrag zum Wohle ihrer großen Familie, die ihre Bauaktivitäten nach erster Aufgeregtheit mit vielfachem Einsatz fortsetzte, auf dem Rücken der kleinen Ameise und ihrer Geschwister. Doch es gab keinen Grund zur Aufregung oder gar zu Hass und Wut. Denn sie waren ahnungslos. Alle. Wie das verzogene Söhnchen.

Im November 2005

Wie die Tüftler

Ideen muss man haben. Jedenfalls künftig. Denn dann entscheidet allein der Kunde, wie die Ware aussehen wird. Die Zeit der Tüftler ist vorbei. Die Zeit der Erfinder, der Entwickler, die in verschwiegenen Räumen Neues ersinnen, auf das sich Märkte und die Menschen stürzen. Was morgen die Brutstätten der Tüftler verlässt, hat keine Chance mehr. Für die Kunden sind dies Produkte fremder Ideen, sind kein eigenes Gut. Sie sind nicht so einzigartig wie der Kunde selbst. Der Kunde ist heute anspruchsvoll und nicht mehr zu kategorisieren, so wenig wie es seine Wünsche sind, die unbekannten.

Der Kunde sagt, was er will. Die Technik steht bereit. Wenn in den Clouds künftig alle Daten von Menschen und Maschinen und das Wissen der Welt zusammefließen, dann steht dem Kunden ein schier unerschöpfliches Reservoir von Produktions- und Gestaltungsmitteln zur Verfügung. Die Daten werden der Bestellung gemäß intelligent verknüpft, eröffnen dem Kunden die Nutzung einer unendlichen Produkt- und Variantenvielfalt. Es geht ganz nach seinen Wünschen, ganz zur Freude des mündigen Kunden, der sich jetzt sogar eigene Wünsche erschaffen kann, nach eigenen Vorstellungen, nach einer eigenen Idee.

Das war´s dann wohl. Adé du segensreiche Zeit der kreativen Denker und Macher. Es ist vorbei. Elitäre Anbietermacht gibt´s nicht mehr. Eure Arbeit ist jetzt Gemeingut geworden, wurde demokratisiert. Jeder ist künftig dabei. Der Kunde hat das letzte Wort. Seine Wünsche werden minutiös erfüllt. Wünsche, die er mitunter selbst nicht kennt. Hätte er nur eine Idee. Wie damals die Tüftler.

Im September 2016