Ahnungslos

Es war einmal eine kleine Ameise. Die schleppte tagtäglich riesige Lasten auf strengen Pfaden ins prächtige Schloss ihrer großen Familie. Das war ihr Reich, gelegen an einem schönen Waldrain. Aber das wusste die Ameise nicht, war sie doch ganz unten, zwischen allen Fichtennadeln, herrlichen Blattresten und anderen vorzüglichen Baumaterialien. Ihr ging es gut, sie hatte nichts zu leiden und keinen Grund zur Freude, der ihr hätte genommen werden können.

Eines Tages, es war ein Sonntagmorgen, näherte sich Unheil. Aber auch das wusste die kleine Ameise nicht, denn sie hatte mit Sonn- und Feiertagen nichts am Hut, sie war schließlich nicht katholisch – und einen Hut hatte sie auch nicht. Und sie hatte keine Ahnung von der Gedankenlosigkeit der Menschen, deren Existenz ihr ohnehin für immer verborgen bleiben wird. An diesem Tage näherten sich zwei Menschen. Ein Vater mit seinem verzogenen Söhnchen, das wegen seines überlangen Vorabends reichlich zerknirscht daherkam und mit einem ausgedörrten Ast allerlei dummes Zeug anstellte. Aber das wusste das Söhnchen selbst nicht und sein Vater ließ es gewähren. Es hieb auf die jungen Blätter der Sträucher, die den Weg säumten, und stakste auf dem Boden herum, bis es das einem Erdhügel ähnliche Schloss der großen Familie der Ameisen entdeckte und den unwiderstehlichen Drang verspürte, hier mal kräftig mitzumischen. Das alles wusste die kleine Ameise nicht und wird es nie erfahren.

Das verzogene Söhnchen kannte keine Scheu, kannte die Baukunst der Ameisen nicht und nicht deren unendliche Mühe. So fasste es den Ast mit aller Kraft, stach in die Ameisenburg und zerrührte dessen feines Geflecht zu einem gewöhnlichen Haufen abgestorbenen Laubes. Und ging weiter. Ahnungslos. Es wird ahnungslos bleiben. Sein Vater sagte nichts.

Die kleine Ameise erhielt neue Order: Wiederaufbau. Große Lasten schleppen als winzigen Beitrag zum Wohle ihrer großen Familie, die ihre Bauaktivitäten nach erster Aufgeregtheit mit vielfachem Einsatz fortsetzte, auf dem Rücken der kleinen Ameise und ihrer Geschwister. Doch es gab keinen Grund zur Aufregung oder gar zu Hass und Wut. Denn sie waren ahnungslos. Alle. Wie das verzogene Söhnchen.

Im November 2005

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.