Reise

 

Ich bin. Zuhause. Ein Mensch vor einer Reise. Morgen geht es los. Mein Reiseziel birgt keine Geheimnisse mehr. Ich habe mir alles angesehen, habe meinen Stadtrundgang mehrfach absolviert. Mit Apple, Google und all den anderen feinen Datensammlern. Stockholm einmal rauf und runter und dann hinein. Ein bisschen von oben noch, ein bisschen Kultur, Kunst und Atmosphäre.

Ich besuche den Ort aus der Luft, sehe das Straßen- und Wegenetz, ein Meer von Dächern, sehe nach vorne, zu den Seiten und nach hinten. Mit einem Fingerklick um 360 Grad gedreht. Kalorienarmes Schwenken. In die Geschichte tauche ich tiefer ein als mancher Stadtführer. Nicht nur über Wikipedia. Die gastronomischen Glanzlichter der Stadt offenbaren ihre Schätze. Eine Eisbar betrete ich ohne Frösteln und verlasse sie ohne Schwips und mit voller Geldbörse. Kein Euro und keine Krone fehlen. Nicht einmal Fotos muss ich schießen. Es gibt mehr als genug davon. Und fast alle sind besser, als die, die ich mit meinem bescheidenen Talent zustande bringen könnte. Copy-Paste – und alles ist gesichert. Zum Versenden, zum Ausdrucken und Binden eines kleinen Buches. Ich könnte so ewig weiterreisen. Bei den Preisen.

Ich reise trotzdem. Mit Haut und Haar. Ich nehme meinen Körper mit, den Gesellen, mit dem ich ja auch sonst alles teile. Ich will hin, will die Stadt sehen, die Menschen erleben, den Klang der Straßen und Plätze, der gastlichen Orte und der Natur. Wind und Wetter, Sonnenschein und Regen werden meine Stimmungen fördern. Unverständliche Worte werde ich hören und lesen. Sie werden mich an meine Grenzen bringen. Gerade, dort, wo es wichtig wäre, sich ihren Sinn sicher zu erschließen. Etwa an Fahrkartenautomaten, die selbst verständige Reisende hilflos einer Meute dubioser Fahrdienste ausliefern können. Schlecht schlafen werde ich. Denn jedes fremde Bett ist ungewohnt hart oder weich oder sonstwas. Es wird anders sein als zuhause, mir nicht vertraut. Nächtlicher Friede aber braucht Vertrautheit. Neuzeitliche Wegelagerer werden mir auflauern und an meinen kleinen Ersparnissen zehren. Mein Konto erhält einen Aderlass und fordert meine Aufmerksamkeit. Reisen ist teuer.

Ich reise trotzdem. Warum? Was drängt mich, alles sehen, spüren und erfahren zu wollen? Allen Widrigkeiten zum Trotz? Vielleicht das „Selfie“, ein Foto, das mich in der fremden Stadt zeigt? Als sicherer Beweis, dass ich tatsächlich da war? Um anderen meine Möglichkeiten zu offenbaren, ihnen ein Stückchen Achtung vor meiner Person abzuringen? Ist es das? Was bedeutet das schlechte Foto, das ich selbst aufnehmen werde, das einem Vergleich mit einem geschäftlichen Foto niemals standhalten kann?

Ich war draußen, an einem Ort, an dem es noch etwas zu entdecken gab. Das Foto erinnert mich an die Situation, in der es entstanden ist, an den Tag, an die Atmosphäre, an Eindrücke, die ich hatte, als ich auf den Auslöser drückte. Es erzählt eine ganze kleine Geschichte, eine wahre. Und nebenbei ein paar Kleinigkeiten, die meine Phantasie hinzufügt, wo das Vergessen bereits Lücken hinterlassen hat. Was ich auf Reisen erlebe, bleibt mit mir auf einzigartige Weise verbunden, bereichert mich. Für immer.

Die Reise. Sie bleibt. Ich war. Ich bin. Zuhause.

Im Oktober 2016

Dieser Eintrag wurde in alle, Prosa veröffentlicht.