Getrübter Blick

Man darf das ja gar nicht laut sagen. Doch. Man darf. Solange es eine Meinung ist. Denn jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Jedenfalls in unserem Staat. Solange das Grundgesetz gilt. Denn dort steht es. In Artikel 5 Absatz 1. Also: Meinungen darf man ruhig haben, selbst eine eigene. Man darf sie auch frei äußern und verbreiten. Sogar laut. Bis zur nächtlichen Ruhestörung. Dann allerdings wird die Meinungsäußerung zumindest in ihrer konkreten Ausdrucksart ein bisschen verboten.

Von bloßen Meinungen geht keine Gefahr aus. Denn sie sind nicht mehr, als das Ergebnis einer geistig mehr oder weniger anspruchsvollen kreativen Leistung. Sie folgen auch nicht unbedingt einer strengen Logik. Meinungen kann man sich beliebig bilden. Ich kann sie für meine ganze Ewigkeit konservieren. Nichts und niemand hindert mich daran, sie bei Bedarf oder sogar ohne Anlass täglich zu ändern. Eine solche Meinung darf man sogar laut sagen. Allen Unkenrufen zum Trotz.

Gefährlicher ist indes das Wissen über Tatsachen. Es ist lange nicht so harmlos wie bloße Meinungen. Tatsachen sind einer nach menschlichen Maßstäben „objektiven“ Überprüfung zugänglich. Ganz anders als Meinungen. Kein Wunder, dass das Wissen um Tatsachen ungleich schwerer wiegt. Dieses Wissen sieht das Grundgesetz in erster Linie bei der Presse und in der Pressefreiheit gut aufgehoben. Sie könne frei berichten. Aber jedermann?

Tatsachen tun schon einmal weh. Und das Wissen um manche Tatsache ist auch nur so lange gesellschaftlich unkritisch, wie es nicht weiter verbreitet wird. Deshalb darf sich jedermann zwar ungehindert aus öffentlich zugänglichen Quellen informieren. Weiter gehen die Garantien des Grundgesetzes aber nicht. Wer sein Wissen über Tatsachen äußert und verbreitet, ist deshalb ein bisschen vogelfrei.

Wen wundert es da, dass die Menschen ihr Wissen über Tatsachen zunehmend in bloße Meinungsäußerungen verbrämen, sie damit unangreifbar und wertlos machen. Deshalb ist unser Blick auf Tatsachen ein bisschen getrübt. Deshalb reden wir so viel. Und wissen noch nicht einmal worüber. Deshalb finden wir keine Lösung. Wir kennen ja noch nicht einmal das Problem.

Man darf das ja gar nicht laut sagen. Doch. Man darf.

 Im Oktober 2016