Piepegal

Pst. Nicht weitersagen: Wir sind ziemlich harmlos aussehende kleine Wesen. Ein bisschen rund vielleicht. Aber ansonsten – in aller Bescheidenheit – ganz hübsch. Und klug. Unsere Geistesblitze sind unübersehbar. Die meisten von uns kleben unter der Decke. Wir fallen niemandem mehr auf. Aber wir sind umso wachsamer. Uns macht niemand etwas vor. Wir sind immer da, ganz nahe am Geschehen. In den Schlafräumen der Menschen, in Treppenhäusern, Fluren, Küchen, Wohnstuben und wo man sonstwo noch meint, zuverlässige Helferlein haben zu müssen.

So einiges haben wir schon gesehen. Manchem hat´s dabei schon mal den Atem geraubt. Manch einer wurde misshandelt, seiner Funktion und sogar seiner Energie beraubt. Viele warten noch mit höchster Spannung auf ihre Abenteuer. Nachwuchssorgen haben wir keine. Das Gesetz befruchtet unsere Vermehrung. Wir gehören in jedes Haus, in jede Wohnung, in die wichtigsten Räume, in denen Menschen leben. So das Gesetz. Bereits heute zählen wir Zig-Millonen Stück weltweit. Und das ist erst der Anfang. Wir sind eine extrem schnell wachsende Gemeinschaft. Und wir halten fest zusammen.

Vor wenigen Tagen erst haben wir uns zu unserem globalen Netzwerk „Piepegal“ zusammengeschlossen. Heutzutage muss man seine Interessen ja bündeln und zusammenarbeiten. Dabei sind wir ganz unter uns. Natürlich hat ein Normal-Sterblicher keinen Zutritt zu unseren internen Foren und Chat-Räumen. Sie liegen ganz im Dunkel des Netzes. Mit einer Google-Suche ist da nichts zu machen. Erst recht nicht unter dem Begriff „Brandmelder“.

Uns geht es nicht allein um die blanke Interessenwahrnehmung. Wir wollen auch ein bisschen Spaß dabei haben. Und haben ihn. Denn uns quälen keine Skrupel, keine Gewissensbisse oder irgendeine Moral. Wir sind ja keine Menschen. Und so ergötzen wir uns köstlich an den vielen kleinen Geschichten, die jeder anlässlich unserer virtuellen Treffen zu erzählen weiß. Garantiert lustig und garantiert aus erster Quelle. Denn wir sind ja immer ganz nah, wenn mal wieder so ein Unglücksrabe sein Geschick an uns versucht. Meistens betrifft es die kleineren Leute. Rentner, Hausfrauen, die mit ihrem hohen Pflichtgefühl diese urkomische Vorschrift einhalten und uns in ihr Haus holen.

So richtig lustig wird es, wenn wir des Nachts einmal mit unserem schrillem Ton Fehl-Alarm geben. Wir biegen uns dann vor Lachen. Die Menschen verlieren bei Alarm regelrecht ihren Verstand. Wie die alten und jüngeren Herrschaften versuchen, uns zum Schweigen zu bringen! Aus tiefstem Schlaf torkeln sie dann auf uns zu. Ihre Arme sind zu kurz, als dass sie an uns heranreichen könnten. Manche von ihnen greifen verwirrt den erstbesten Stuhl und klettern unbeholfen hinauf, um sodann wie wild an uns herumzudrücken, bis wir endlich still werden. Das geht nicht immer gut. Gerade Ältere haben schon oft genug den Abflug gemacht. Zum Boden hin. Ab und an trifft nicht einmal der Krankenwagen rechtzeitig ein. Viele verunglücken bereits, wenn sie uns montieren wollen. Oder beim Batteriewechsel. Oder beim Versuch, unsere Funktionsfähigkeit zu überprüfen.

Lustig, was da so alles passiert. Wir haben ja keine Gewissensbisse. Aber bitte: Nicht weitersagen. Das bleibt ganz unter uns. Offiziell retten wir nämlich Menschenleben. Das wurde auf unbegreifliche Weise statistisch nachgewiesen. Das glauben die Menschen ganz fest. Sie brauchen sich deshalb auch keine weiteren Gedanken zu machen und sollten dies um Himmels willen auch nicht tun. Ist ihnen ja auch piepegal.

Und so betreiben wir weiter unseren Schabernack und vermehren uns kräftig. Wir ziemlich harmlos aussehenden kleinen Wesen. Pst. Nicht weitersagen.

Im Oktober 2016