Angebissener Apple

Ich will ganz sicher gehen. Vorsorglich buche ich die Fahrkarten schon einmal zuhause. Schwedische Kronen habe ich nämlich nicht und werde auch bis zu unserer Ankunft in Stockholm über keine verfügen. Was uns dort am Airport Arlanda erwartet, ist noch unklar. Voraussichtlich wird es Umtauschmöglichkeiten geben. Gegen einen schlechten Wechselkurs selbstverständlich. Oder ich kann mir ein paar Kronen an dem Automaten besorgen, wenn der Flughafen einen solchen hat, wenn dieser ohne stundenlanges Warten für mich erreichbar ist, er funktioniert und auch noch meine MasterCard akzeptiert. Das ist mir alles zu unsicher. Denn richtig angekommen werden wir erst sein, wenn wir unser Hotelzimmer betreten. Deshalb buche ich von zuhause aus.

Die Arlandaexpress-Seite führt mich in englischer Sprache sehr gut durch das Bestellprogramm. Selbst die Namen der Passagiere, den Hin- und Rückfahrtag will das System wissen. Das ist kein Hindernis für mich. Das sind keine problematischen Daten. Sie herzugeben, wird mir absehbar nicht zum Verhängnis werden. Doch Vorsicht ist schließlich geboten. Insbesondere in unserem großen Netz.

Das System akzeptiert die MasterCard. Und Karten schwedischer Geldinstitute, die ich selbstverständlich nicht habe. Meine Geschäftsverbindungen nach Schweden sind doch reichlich unterentwickelt. Also wird es meine gute alte MasterCard, über die ich den Zahlungsvorgang abwickeln werde. Online öffnet sich nun ein Fenster, das der englischen Sprache nicht mehr mächtig ist. In Schwedisch fordert das Bezahlprogramm die Eingabe meiner Kreditkartendaten ab. Unten sind Kalenderdaten einzugeben. Gemeint sein kann nur das Ausstellerdatum oder der letzte Tag der Gültigkeit meines Zahlungsmittels. Die Eingabe bereitet kein Problem. Und ab geht die Nachricht ins Rechenzentrum.

Den Vorgang wiederhole ich ein paar Mal, weil meine Eingaben dem System offenbar nicht gefallen. Dabei bin ich außerordentlich vorsichtig zu Werke gegangen, habe jeden Buchstaben und jede Zahl genauestens kontrolliert. Nur das Datum der Karte war eine Wette mit einer Gewinnchance von 50:50. Dafür braucht man nicht mehr als zwei Eingaben. Und trifft die richtige Version. Doch so weit kommt es nicht. Ein kleines Fenster erscheint vor dem Eingabefeld und informiert mich unmissverständlich, dass meine MasterCard nun für das 3D-Secure-Verfahren gesperrt sei. Nebenbei bemerkt: Es ist meine einzige Kreditkarte. Und: In den nächsten Tagen muss sie unbedingt funktionieren. Sonst droht mir im Urlaub die komplette Zahlungsunfähigkeit. Heute ist Sonntag. Heute arbeitet fast niemand. Fast.

Es gibt eine Telefon-Hotline. Und dort sitzt ein Mensch, mit dem ich reden kann. Er informiert mich über die Möglichkeit, sich für das 3D-Secure-Verfahren anzumelden. Es ist ganz einfach. Der Link befindet sich an angegebener Stelle auf der Homepage meiner Bank. Herzlichen Dank. Jetzt komme ich damit klar. Vorerst aber bitte noch das Konto entsperren. Bitte. Der freundliche Mensch erledigt auch das. Danke. Sie haben mir sehr geholfen. Dank an meine Bank, die mich am Nasenring durch ihre Internet-Arena schleift. Freie Fahrt für neue Abenteuer.

Der Link eröffnet mir die Möglichkeit, mich mit meinen persönlichen Daten anzumelden, um das neue Verfahren zu starten. Beschwingt tippe ich die Zahlen und Buchstaben in das Formular. Dann kommt die entscheidende Enter-Taste. Und siehe da: Es tut sich nichts. Mein eingetipptes Werk ist ausgewischt. Das Formular erscheint unschuldig leer, unausgefüllt, wartend auf neue Eingaben. Ich wiederhole den Vorgang. Und wiederhole ihn noch einmal. Und immer wieder. Dann gebe ich auf. Der Arlanda-Express muss warten.

Die Telefon-Hotline ist auch dieses Mal besetzt und prompt erreichbar. Dank an meine Bank. Ich schildere mein Problem. Mein Telefon-Gegenüber kommt ins Grübeln und stellt Fragen. Wenige nur, will wissen, mit welchem Browser ich arbeite, also mit welchem Boot ich in die Fluten des Internets steige. Mit Safari gebe es ein Problem. Das sei bekannt. Ich solle es doch vielleicht mit einem anderen Browser probieren. Und viel Glück dabei. Danke. Mein Glaube an den Apple-Standardbrowser ist erschüttert. Man sollte sich vielleicht doch nicht so einer kleinen Klitsche wie dem angebissenen Apple ausliefern. Doch ein anderes Programm habe ich nicht aufgespielt. Und ich habe auch nicht vor, dies jetzt zu tun.

Hilfe ist nicht weit: Mein Windows-Mobile-Phone browst mit einem eigenen System. Es könnte helfen. Die Bankseite ist rasch aufgerufen. Doch beim Eintritt in die 3D-Secure-Anmeldewelt wird sie ganz kleinlaut. Winzige Buchstaben-Bilder-Kombinationen und noch winzigere Eingabefelder sind nichts für müde Augen und dicke Eingabefinger. Eine Mobile-Version gibt es nicht. So taste ich mich wie ein Elefant auf einer Schreibmaschinentatstatur an die richtige Eingabe aller angefragten Daten heran. Selbst der neue Sicherheitscode für das 3D-Secure-Verfahren bleibt in der Wiederholung fehlerfrei. Es ist geschafft. Das System zeigt sich zufrieden und schaltet mich und mein Konto wieder frei. Nun aber mit an Sicherheit grenzender Sicherheit.

Der Arlanda-Zug wird wieder auf sein Gleis gesetzt. Bezahlt wird im 3D-Secure-Verfahren. Online kommt ein Bestätigungscode per Mail. Ich drucke ihn auf Papier. Er ist im Zug zu nennen, wenn der Schaffner kommt. Mobil hätte ich ihn auch haben können. Hätte ich ihn haben können, aber nicht wollen. Ich will ganz sicher gehen.

Im Oktober 2016