Fast einwandfrei

Angenommen, ich wollte morgen früh ein Frühstücksei essen, hätte aber keines im Hause. Weder in der Küche, noch im Keller. Denken wir einmal auch die freundlichen Nachbarn weg, die selbstverständlich gerne aushelfen würden, wenn sie denn könnten. Sie können es diesmal nicht. Das ist unsere Vereinbarung.

Was tun? Morgen ist nicht heute. Aber wenn ich morgen frühstücke, werden die Geschäfte noch nicht geöffnet sein, Geschäfte, die in der Lage und zudem bereit sind, mir ein Frühstücksei zu verkaufen. Ich frühstücke immer um 6:30 Uhr. Die Geschäfte öffnen um 7:00 Uhr. Zeitdifferenz: Eine halbe Stunde plus Rückfahrt. Wenn alles reibungslos läuft. Wenn sich noch Eier im Regal befinden und die Kasse besetzt ist. Sonst dauert es länger. Wie man es dreht und wendet: Morgen einzukaufen, wäre zu spät für mein Frühstücksei. Gestern kann ich es nicht mehr kaufen, denn gestern ist seit heute vorbei. Also bleibt mir nur heute. Und von heute bleiben nur die restlichen Stunden des Tages. Solange noch ein Händler da ist, der in seinem Angebot auch Eier führt. Frische, versteht sich. Und ökologisch einwandfrei.

Es ist jetzt 17:30 Uhr. Ich bin soeben in meine Freizeitkleidung geschlüpft. Ohne Schlips und Kragen. Gerade habe ich mich hingesetzt, um ein bisschen abzuschalten, den Tag und seine Ereignisse in eine flache Uferzone einmünden zu lassen. Und nun der vorgezogene Wunsch nach einem Frühstücksei. Ich wüsste nicht, ob ich es überhaupt wollte, wenn ich mir vorstelle, den Prozess des Abschaltens für einen Wunsch zu opfern, der erst die Zukunft betrifft und mir heute nicht als so bedeutend erscheint, als dass ich alles für seine Erfüllung unternehmen würde. Das sind aber nur Erwägungen am Rande. Denn ich habe den Wunsch nach einem Frühstücksei für den nächsten Morgen. Das ist ja Thema dieser Niederschrift. Also habe ich diesen Wunsch in dieser zur Zeit noch komfortablen Lage, die durch die nun jetzt fälligen Maßnahmen allerdings gründliche Qualitätseinbußen erleidet: Aufraffen heißt es nun. Eine Einkaufsquelle erdenken, in der es heute das Frühstücksei für morgen gibt. Und dann: Nichts wie hin.

Es sei denn, ein Anruf genügte und das Ei würde ins Haus geliefert. Das wäre auch nicht schlecht und würde mich nur einen Augenblick aus dem verdienten Ruhesessel aufscheuchen. Dann, wenn der Bote klingelt. Gibt es so etwas? Dem Vernehmen nach: ja. Wo aber ist der Haken? Vermutlich sind es die Kosten. Und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die unterhalb einer Mindestabnahme keine Lieferung versprechen. Und wenn ja, wo finde ich dann überhaupt einen solchen Anbieter? Ich weiß es nicht sicher. Und jede Recherche würde meine wohlverdiente Ruhe durch unwillkommene Anstrengungen in Frage stellen. Also: Wir lassen das Internet heute mal außen vor.

Los geht es: Der nächste Laden ist nicht weit. Mit dem Auto ist es noch näher. In Zeiteinheiten. Die Schuhe an, den Anorak übergeworfen; die Wärme des Motors ist seit der Heimkunft noch nicht ganz erloschen. Routinemäßige Hinfahrt, Parken an bekannter Stelle, Einkauf wie gewohnt, Rückfahrt ohne Probleme. Das Fahrzeug steht. Ich kehre zurück ins Heim. In meiner Hand ein ausgeformter Karton. Mit Frühstückseiern Güteklasse A. Und frisch. Für morgen. Und die nächsten 5 Frühstücke dieser Woche.

Bio-Eier. Aus Freilandhaltung. Ökologisch fast einwandfrei.

Im November 2016

Smombie-Bompel

Augsburg feiert in diesen Tagen die Installation von Warnlichtern im Boden von Straßenbahn-Haltestellen. Sie hören auf den Namen „Bompel“ (Kunstwort aus „Boden“ und „Ampel“). Ihre Aufgabe: Smombies (Kunstwort aus „Smartphone“ und „Zombies“) vor einem tödlichen Fehltritt zu bewahren. Denn unausweichlich nähern sich immer wieder Schienenfahrzeuge, denen es bis heute nicht gelungen ist, ihr bequemes Schienenbett zu verlassen und um Hindernisse herum zu fahren. Auch nicht um Smombies. Mit Nachgeben ist nicht zu rechnen. Deshalb ist besondere Vorsicht geboten. Vorsicht, die aber nicht jedermann zu jeder Zeit aufbringen kann.

Wer kann schon seine ungeteilte Aufmerksamkeit einem so eingleisigen Gefährt wie einer Straßenbahn schenken? Es gibt schließlich auch noch andere Probleme. Jedenfalls für unsere liebenswerten Smombies, die uns mit ihrem hilflosen Herumstolpern im öffentlichen Straßenverkehr ohnehin schon viel Mitgefühl abringen. Wie sie da ohne Rücksicht auf Verluste tief in die bewegenden Momente des Weltgeschehens eintauchen. Wie sie sich unter Einsatz ihres eigenen Lebens den Schicksalen der angesagtesten Idole hingeben. Tief versunken in die Botschaften ihres Phones. Bereit, alles zu vergessen, was sich sonst noch regt. Wer wäre da nicht geneigt, ihnen beizuspringen, ihren selbstlosen Einsatz mit mindestens ebenso großem Engagement zu honorieren? Sie verdienen unseren vollen Schutz. Es geht um ihr Leben.

Die Bordsteine aufzureißen, ist da nicht mehr als eine schlappe Geste der Menschlichkeit. Lichter zu installieren, erscheint kaum mehr als ein kleiner Hoffnungsfunke für unsere bedrohte Smombiewelt. Außerdem: Gefahren lauern doch nicht nur an einzelnen Haltestellen. Nein, überall, wo wir Schienen haben.

Und wo wir gerade dabei sind: Vor uns liegt eine Mammutaufgabe. Wenn ich es so recht betrachte, brauchen wir eigentlich eine flächendeckende Bebompelung unserer Städte und der Vorstädte und der gefährlichen Bahnkreuzungen im ganzen Land. Doch was passiert? Fast nichts. Köln hat sich aus seinem Bompel-Projekt dem Vernehmen nach verabschiedet. Und Berlin ebenso. In anderen Städten herrscht verdächtiges Schweigen.

Ja, sind wir noch zu retten? Wir. Die Smombies. Die Verantwortlichen, die unsere Städte mit Bompeln pflastern. Und die Verantwortlichen, die dies nicht tun.

Im November 2016

Auszeit

Die Bahn ist frei. Zuhause wartet viel Gewühl. Eine winzige Auszeit nur. Ein paar Minuten für die Sinne, für Raum und Zeit und Leben. Die Ampel springt auf „Grün“, lädt ein zu dieser kleinen Flucht.

Auszeit in Alltäglichem: Grelle Preisschilder. Unübersehbar, provokant verletzend. Bunte Öde im Geräume der Discount-Auslagen. Zum Ergreifen nah die Dinge, die niemand braucht und doch alle kaufen sollen. Sie will die Ware nicht. Sie sucht nur sich.

Mit leeren Taschen und mit voller Börse verlässt sie diesen Ort.

Auf nach Hause. Auf ins Gewühl.

Im November 2016

mittendrin

 

 

 

 

draußen ist nicht drinnen
drinnen ist nicht draußen
weder drinnen noch draußen

draußen hat eine mitte
und mittendrin ein drinnen
in der mitte draußen

ich bin mittendrin
im drinnen
da draußen

die mitte bin ich

Im November 2016

Eigentumswohnung

 

 

 

 

Bald schon ist die Tinte trocken
und besiegelt unser Wohnungsglück.
Pfusch am Bau kann uns nicht schrecken.
Wir haben alles voll im Blick.

Der hohe Preis erscheint uns angemessen,
denn Wohnen ist nun mal so teuer.
Wir müssen diese Chance erfassen
und freu´n uns auf die Einzugsfeier.

In guter Lage wird das Haus entstehen,
die alten Bauten müssen weichen.
Das Umfeld haben wir uns angesehen,
und unsere Mittel werden reichen.

Als erstes zahlen wir dem Staat Tribut.
So ein Bauvertrag kennt viele Raten.
Jetzt wird es Zeit, dass sich am Bau was tut.
Wir können es kaum erwarten.

Noch bleibt es still an des Objektes Ort,
die Ruine steht noch immer da.
Wir wünschen sie als Bauschutt fort
und sehen schon den Abriss nah.

Mit der Zeit erfasst uns Ungeduld,
denn am Objekt herrscht laute Grabesruh.
Ist wirklich nur das Wetter schuld?
Wir sehen ziemlich hilflos zu.

Der Vertrag kennt keinen Fixtermin.
Wie Gummi, scheint uns, ist er auszulegen.
Das zieht sich wohl noch lange hin.
Wann wird sich endlich was bewegen?

Die grenzenlose Wartezeit
findet schließlich doch ihr Ende.
Der Grund ist von Ruinen nun befreit
und wartet auf die Fundamente.

Plötzlich wird gebaggert und gebohrt,
verfüllt, verfestigt und gegossen.
Die Gräben werden noch verrohrt
und sorgsam dann verschlossen.

Das Bauwerk wächst fortan in Windeseile.
Natürlich sind wir jeden Tag vor Ort.
Jetzt braucht es nur noch eine kleine Weile
bis zu unserer eigenen Wohnung dort.

Das Konto wird in Magersucht getrieben:
Dürr erleichtert finden wir es wieder.
Von ihm ist nicht mehr viel geblieben.
Im Tagesausdruck schlägt sich´s warnend nieder.

Bei den Extras sind wir sehr bescheiden:
Nur vom Besten soll es sein.
Jeder wird uns drum beneiden
und die Kosten bleiben klein.

Schließlich wird der rohe Bau geschliffen.
Die Flächen kriegen jetzt Formate,
und eh´ wir es begriffen,
fließt unser Geld bis auf die letzte Rate.

Stolz betrachten wir den großen Bau,
bis wir aus der Nähe sehen:
Keine Fliese ist hier gerade und kein Spalt genau.
Hier muss noch reichlich viel geschehen.

Leider ist der Sünder dieser Pfuscherei
nicht im Büro und nicht im Land.
Wir fordern ihn sofort herbei.
Er bringt uns noch um den Verstand

In den den nächsten Wochen
geht es schleppend nur voran.
Wir könnten auf Verträge pochen
und biedern bittend uns doch an.

Im Grundbuch steh´n, ist unser nächstes Ziel,
abgenommen muss das Werk dann sein.
Der Mängel aber gibt es viel zu viel.
Wir geh´n auf Kompromisse ein.

Der Schlüssel wechselt bald in unsere Hände,
Restarbeiten müssen halt noch warten.
Uns gehören nun die teuren Wände,
bezahlt mit allen Raten.

Wir sind zuhause angekommen
und genießen unser kleines Glück.
Mancher Traum ist uns dahingeschwommen,
doch haben wir nun alles voll im Blick.

Im November 2016

Grippe

 

 

 

 

Mein Hals ist steif, die Nase läuft
und meine Bronchien keuchen.
Gesunde Zellen feuern Schmerzsignale
und müssen doch den Invasoren weichen.

Die Organe sind jetzt Gästezimmer
für fremde Wesen, die sich hier vergnügen.
Erst wenn mein Körper völlig ausgeraubt,
lassen sie ihn wieder liegen.

Fade schmeckt das Morgenbrot,
unberührt bleibt meine Suppe stehen.
Wie giftiges Gebräu wirkt die Arznei;
so kann´s nicht lange weitergehen.

Sieben Tage währt die Invasion,
dann geh´n die Gäste aus dem Haus.
Doch während sie noch meinen Körper quälen,
suchen sie sich schon ihr neues Opfer aus.

Druckvoll wehrt mein Körper sich
mit Husten und mit Niesen.
So trägt der Wind die üblen Keime fort,
die dann beim nächsten Wirte munter weiter sprießen.

Sein Hals wird steif, die Nase läuft…

Im November 2016