Meisterstück

 

 

 

 

 

Zimmermeister Giebelbau
wird es gleich im Magen flau,
geht es um den Meisterbrief.
Seine Sorge sitzt sehr tief.

Wo kämen wir dahin, wenn jeder
dem guten Handwerk ging an´s Leder,
dem Stand der ehrbaren Berufe.
Ein Scharlatan, wer danach riefe.

Es sind die Sicherheit und Qualität,
das ist´s, worum´s dem Handwerk geht.
Worum sonst, wirst du nun fragen
oder nicht zu fragen wagen.

Da ist was dran, ja in der Tat,
viel besser ist des Meisters Rat.
Er ist versiert in Fertigkeiten,
wird keinen Kummer dir bereiten.

Doch Wettbewerb ist mit im Spiel,
ein bisschen nur, vielleicht nicht viel.
Wenn dieser Meisterzwang entfällt,
will Konkurrenz an unser Geld.

Kurzum, wer wollte es bestreiten,
riecht Handwerk noch nach alten Zeiten.
Wir wünschen uns das Meisterstück
mit leicht verklärtem Blick zurück.

Im November 2005

Rotes Glas

Rotes Glas um gewöhnliche Teelichter, das ist der Renner der Saison. Türme zerbrechlicher Weihnachtsdekoration haben ihre Moderichtung gefunden. Sie bedrängen den Besucher, fordern ihn auf, auch das eigene Heim so zu verzieren. In jeder Nische. Überall. Das Fest der Liebe sieht rot. Gestanzte Rentiersilhouetten in vielfältig einfacher Darbietung erobern die Wohnstuben. Gekaufte Nostalgie, made in China; ein Stück Romantik ist zurück. Romantik statt Rummel, Romantik im Rummel und Rummel Romantik. Dekoration geschichtsloser MP3-Player, Computerspiele und Einkaufsgutscheine. Liebloses zum Fest der Liebe mit schrumpfender Halbwertzeit.

Im November 2005

Narreteien

Narren sind unter uns. Jetzt startete die Karnevalssession, zeitgleich mit der Einigung über den Grundlagenvertrag der Großen Koalition. Buntes Treiben kündigte sich an, in Berlin wie in Münster, wo ein versprengtes Häuflein Jecken, die vom Vortag, dem 11.11., noch übrig oder wieder auferstanden waren, den Prinzipalmarkt bevölkerte und Burlesken dem Volkstrauertag zutrieb. Viel Klamauk, aus dem sich nur hin und wieder vormals beteiligte, nun aber strauchelnde Figuren lösten und als pittoreske Farbtupfer in der Menge verschwanden. Figuren, die als kleine Strudel den Lebensstrom ein bisschen durchquirlten, um doch mit ihm wieder eins zu sein.

Und in Berlin? Berlin regiert wieder. Es hat eine Kanzlerin – in spe. Üble Umtriebe abgebrühter politischer Freunde  sind gescheitert. Die im Wahlkampf so heftig bekämpften Gegner haben sich als verlässlicher erwiesen. Ein 191 Seiten starker Koalitionsvertrag ist das Wertpapier, das die Teilhabe an der zukünftigen Regierung verkörpert. Der Börsenstart war verhalten, hagelte es doch heftige Kritik von interessierter und sachverständiger Seite. Doch der Kurs könnte steigen. In Berlin ist der Karneval vorüber. Die Narren sind nach Bayern oder sonst wohin verschwunden. Was bleibt, ist nüchterner Alltag. Und der folgt nicht politischem Kalkül, sondern ein paar Naturgesetzen. Das wissen die Handelnden. Und sie wissen auch, dass die Bürger klüger sind, als manch durchtriebener Geist zu erkennen imstande ist.

Im November 2005