Wie gestern

Er tickt noch. Mein mechanischer Wecker der Marke „Diehl“. In einem Uhrenfachgeschäft auf der Münster-Straße in Lünen, hinter der Lippebrücke auf dem Wege zur Persiluhr hatte ich ihn entdeckt. Hellgrau, mit einem trapezförmigen Gehäuse in der Front und in der Seitenansicht. Das Ziffernblatt war weiß, die Ziffern strahlenförmig vom Rand her durch Striche zur Mitte hin nur angedeutet. Mit goldenen Zeigern, deren Form einer Raute ähnelten, in deren Mitte eine phosphoreszierende gelb-grüne Substanz aufgetragen war, die auch bei völliger Dunkelheit die Zeigerstellung erkennen ließ. Es war Ende der sechziger Jahre. Ich war damals vielleicht 14 oder 15 Jahre alt. Mein Herz hing an dem hellgrauen Wecker. Er kostete 21 Deutsche Mark, die ich mir über viele Wochen angespart hatte.

Ein tolles Stück Technik mit vier unterschiedlichen Drehern und einer oben hervorstehenden quadratischen Taste zum Blockieren des Klingeltons. Das obere Rändelrädchen diente dem Verstellen der Weckzeit, die sich mit der Genauigkeit von etwa einer Viertelstunde durch Rechtsdrehung einstellen ließ. Dabei wanderte ein schmaler Messingzeiger gegen den Uhrzeigersinn über die Ziffernfläche, wo er die Weckzeit auf oder neben den angedeuteten Ziffern der Uhrzeiten markierte. Drehte man links herum, löste sich das Rändelrad und man konnte es abnehmen, wenn man etwa die Rückwand nebst Boden vom übrigen Gehäuse lösen wollte, um das metallene Gehäuse des Uhrwerks freizulegen. Die Zeigerverstellung erfolgte durch eine aufgedrückte Rändelschraube. Die beiden anderen Rädchen hatten klappbare kleine Knebel, und dienten dazu, das Uhrwerks sowie die Klingel aufzuziehen.

Diese Uhr lebte. Ihr mechanisches Werk tickte vernehmlich. Ein kleines Federwerk mit schwingender Unruh und zahlreichen ineinander greifender Zahnrädchen und Hebelchen trieben die Zeiger und den Klöppel an, dessen rhythmischer Anschlag an zwei Glocken zur eingestellten Weckzeit ein schrilles Klingeln erzeugte, das mit der Entspannung des Federwerks allmählich erstarb.

Vor wenigen Tagen habe ich diesen Schatz wiederentdeckt. Beim Räumen für den wohl letzten großen Umzug. Er war immer in meiner Nähe. Er war zuverlässig genug, um mich in den Schul- und Studientagen zu begleiten, um mich sehr früh aus dem Bett zu werfen, als ich frühmorgens zum Morgenappell während des Wehrdienstes aufbrechen musste. Ausgedient hat er schon lange. Zu ungenau ist er geworden. Zu unzuverlässig. Zu anspruchsvoll ist das Verlangen seines Uhrwerks, alle 12 bis 24 Stunden aufgezogen zu werden und dabei die Antriebsfeder der Weckeinrichtung nicht zu vergessen. Die Zeit ist über ihn hinweggegangen. Aber mein Wecker lebt.

Er tickt noch. Wie gestern.

Im April 2021

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