Verstaubte Akten

 

 

 

 

 

Die teuren Akten sind nun fort,
fast nur der Himmel weiß, wohin.
Verstaubt ist der verlass´ne Ort.
Doch sie bleiben uns im Sinn.

Bescheide sollten sie enthalten
zum alten rechtlichen Bestand.
Um neue Pläne zu gestalten,
hätten wir sie gern zur Hand.

Wen stört es schon, wenn alte Dokumente
bei der Planung nicht vorhanden?
Wenn doch die neuen Argumente
in den alten Akten noch nicht standen?

Die Geschichte ist jedoch gewissermaßen
ein Grund auf dem die Zukunft ruht;
sie einfach außen vor zu lassen,
wär´ für unsere Pläne nicht so gut.

Wenn etwa vieles, was bisher getrieben,
auf wack´liger Basis hätt´ gestanden
und ohne Recht bis heute wär´ geblieben,
was könnte künftig uns noch binden?

Würd´nicht altes Unrecht fortgeschrieben,
zu Lasten derer, die bisher gelitten?
Da wäre es nicht übertrieben,
wenn sie ihr Recht sich nun erstritten.

Doch Recht und Politik sind hier entzweit.
Politisch wird auch dies entschieden.
Es geht um die Vernunft und um die Zeit
und schließlich um den Nachbarfrieden.

So kommt es, wie es kommen sollte:
Politisch wird gedroht, gefeilscht und dann verglichen.
Jetzt kommt ein Plan, den niemand wirklich wollte.
Alles andere wird heut´ gestrichen.

Merke:

Wenn in den modernen Zeiten
zuerst politische Geplänkel zählen,
wer wollte da noch Paragraphen reiten
und in verstaubten Akten wühlen?

Im Januar 2017

Meisterstück

 

 

 

 

 

Zimmermeister Giebelbau
wird es gleich im Magen flau,
geht es um den Meisterbrief.
Seine Sorge sitzt sehr tief.

Wo kämen wir dahin, wenn jeder
dem guten Handwerk ging an´s Leder,
dem Stand der ehrbaren Berufe.
Ein Scharlatan, wer danach riefe.

Es sind die Sicherheit und Qualität,
das ist´s, worum´s dem Handwerk geht.
Worum sonst, wirst du nun fragen
oder nicht zu fragen wagen.

Da ist was dran, ja in der Tat,
viel besser ist des Meisters Rat.
Er ist versiert in Fertigkeiten,
wird keinen Kummer dir bereiten.

Doch Wettbewerb ist mit im Spiel,
ein bisschen nur, vielleicht nicht viel.
Wenn dieser Meisterzwang entfällt,
will Konkurrenz an unser Geld.

Kurzum, wer wollte es bestreiten,
riecht Handwerk noch nach alten Zeiten.
Wir wünschen uns das Meisterstück
mit leicht verklärtem Blick zurück.

Im November 2005

mittendrin

 

 

 

 

draußen ist nicht drinnen
drinnen ist nicht draußen
weder drinnen noch draußen

draußen hat eine mitte
und mittendrin ein drinnen
in der mitte draußen

ich bin mittendrin
im drinnen
da draußen

die mitte bin ich

Im November 2016

Eigentumswohnung

 

 

 

 

Bald schon ist die Tinte trocken
und besiegelt unser Wohnungsglück.
Pfusch am Bau kann uns nicht schrecken.
Wir haben alles voll im Blick.

Der hohe Preis erscheint uns angemessen,
denn Wohnen ist nun mal so teuer.
Wir müssen diese Chance erfassen
und freu´n uns auf die Einzugsfeier.

In guter Lage wird das Haus entstehen,
die alten Bauten müssen weichen.
Das Umfeld haben wir uns angesehen,
und unsere Mittel werden reichen.

Als erstes zahlen wir dem Staat Tribut.
So ein Bauvertrag kennt viele Raten.
Jetzt wird es Zeit, dass sich am Bau was tut.
Wir können es kaum erwarten.

Noch bleibt es still an des Objektes Ort,
die Ruine steht noch immer da.
Wir wünschen sie als Bauschutt fort
und sehen schon den Abriss nah.

Mit der Zeit erfasst uns Ungeduld,
denn am Objekt herrscht laute Grabesruh.
Ist wirklich nur das Wetter schuld?
Wir sehen ziemlich hilflos zu.

Der Vertrag kennt keinen Fixtermin.
Wie Gummi, scheint uns, ist er auszulegen.
Das zieht sich wohl noch lange hin.
Wann wird sich endlich was bewegen?

Die grenzenlose Wartezeit
findet schließlich doch ihr Ende.
Der Grund ist von Ruinen nun befreit
und wartet auf die Fundamente.

Plötzlich wird gebaggert und gebohrt,
verfüllt, verfestigt und gegossen.
Die Gräben werden noch verrohrt
und sorgsam dann verschlossen.

Das Bauwerk wächst fortan in Windeseile.
Natürlich sind wir jeden Tag vor Ort.
Jetzt braucht es nur noch eine kleine Weile
bis zu unserer eigenen Wohnung dort.

Das Konto wird in Magersucht getrieben:
Dürr erleichtert finden wir es wieder.
Von ihm ist nicht mehr viel geblieben.
Im Tagesausdruck schlägt sich´s warnend nieder.

Bei den Extras sind wir sehr bescheiden:
Nur vom Besten soll es sein.
Jeder wird uns drum beneiden
und die Kosten bleiben klein.

Schließlich wird der rohe Bau geschliffen.
Die Flächen kriegen jetzt Formate,
und eh´ wir es begriffen,
fließt unser Geld bis auf die letzte Rate.

Stolz betrachten wir den großen Bau,
bis wir aus der Nähe sehen:
Keine Fliese ist hier gerade und kein Spalt genau.
Hier muss noch reichlich viel geschehen.

Leider ist der Sünder dieser Pfuscherei
nicht im Büro und nicht im Land.
Wir fordern ihn sofort herbei.
Er bringt uns noch um den Verstand

In den den nächsten Wochen
geht es schleppend nur voran.
Wir könnten auf Verträge pochen
und biedern bittend uns doch an.

Im Grundbuch steh´n, ist unser nächstes Ziel,
abgenommen muss das Werk dann sein.
Der Mängel aber gibt es viel zu viel.
Wir geh´n auf Kompromisse ein.

Der Schlüssel wechselt bald in unsere Hände,
Restarbeiten müssen halt noch warten.
Uns gehören nun die teuren Wände,
bezahlt mit allen Raten.

Wir sind zuhause angekommen
und genießen unser kleines Glück.
Mancher Traum ist uns dahingeschwommen,
doch haben wir nun alles voll im Blick.

Im November 2016

Grippe

 

 

 

 

Mein Hals ist steif, die Nase läuft
und meine Bronchien keuchen.
Gesunde Zellen feuern Schmerzsignale
und müssen doch den Invasoren weichen.

Die Organe sind jetzt Gästezimmer
für fremde Wesen, die sich hier vergnügen.
Erst wenn mein Körper völlig ausgeraubt,
lassen sie ihn wieder liegen.

Fade schmeckt das Morgenbrot,
unberührt bleibt meine Suppe stehen.
Wie giftiges Gebräu wirkt die Arznei;
so kann´s nicht lange weitergehen.

Sieben Tage währt die Invasion,
dann geh´n die Gäste aus dem Haus.
Doch während sie noch meinen Körper quälen,
suchen sie sich schon ihr neues Opfer aus.

Druckvoll wehrt mein Körper sich
mit Husten und mit Niesen.
So trägt der Wind die üblen Keime fort,
die dann beim nächsten Wirte munter weiter sprießen.

Sein Hals wird steif, die Nase läuft…

Im November 2016

Ehrliches Bedauern

 

 

 

 

 

Ornamente kriechen seinen Hals hinauf.
Symbole zieren die Hand,
die er mir entgegenstreckt.

Künstliche Tunnel dehnen
die Läppchen seiner Ohren.
Ich schüttle mich davor.

Der silberne Nasenring
und das Metall an Brauen und Lippen
verletzen mein Empfinden.

Er hat sich auf seine Art ordentlich gekleidet
für den heutigen Termin.
Er sucht Arbeit.

Seine Bewerbung erreichte mich ohne Bild.
Wäre er sonst hier?
Ich weiß es nicht.

Sein Blick, er sucht Kontakt zu mir,
doch meine Augen wandern nur
zum Metall, den Tunneln und Tattoos.

Meine Fragen sind Routine,
jedem habe ich sie gestellt.
Alle sollen gleiche Chancen haben.

Er öffnet mir die Tür zu seiner Welt.
Sie ist voller Menschen und Moden,
die ich nicht kenne.

Seine Eignung für den Job ist zweifelhaft.
Referenzen fehlen ausnahmslos.
Die Entscheidung scheint schon klar.

Alle anderen hatten ihn schon abgewiesen.
Glatt und strebsam waren die Gewinner.
Er musste stets verlieren.

Sein eigenes Unglück rührt mich schon.
Doch auch ich werd es nicht ändern.
Kurz und knapp wird er beschieden.

Ich reiche ihm meine Hand
Unsere Blicke treffen sich.
Mit ehrlichem Bedauern.

Im Oktober 2016

Dämmerung

 

 

 

 

 

Leben liebt die Dämmerung,

die Dämmerung das Leben.

Kurze Tage.

Lange Nächte.

Im September 2016

 

Ei Ei

 

 

 

 

 

Ein Ei für´s Frühgericht
mag diesen Eier-Wärmer nicht.

Das Ei, es leidet still,
weil die Hitz´ nicht weichen will.

Coolness bis zum Schluss war seine Wahl,
die Hitze aber ist ´ne Qual.

Schon ist eine Stund´ vorbei,
doch niemand nimmt das heiße Ei.

Der eine kam zu spät, um früh zu speisen,
der andere entschied, viel früher abzureisen.

Der dritte wählte glatt das Nachbar-Ei,
das ging am coolen Ei vorbei.

Dem vierten war es schlicht zu kühl,
für sein Frühstücksei-Gefühl.

Coolness zeigt das Ei dann doch am Schluss,
als es zum Abfall wandern muss.

Im September 2016

Display

 

 

 

 

 

Smart ist unser kluges Phone,
smarter als manch Nutzer schon,
der stumpf auf seines Phones Display sieht
und nicht bemerkt, was drumherum geschieht.

Zwei Kinder in dem Wagen liegen,
für Mama ist es kein Vergnügen,
gleich zwei auf einmal ruhig zu halten,
muss sie ihr Smartphone doch verwalten.

Sie schiebt die ganze Wagenbreite
auf der einen Gehwegseite,
von der andren grüßt die Nachbarin,
ein Gegengruß ist jetzt nicht drin.

Es ruft das Phone nach der Mama,
und siehe an, sie ist schon da,
tippt geschwind ´ne Zeile ein.
Das sei erlaubt, das muss jetzt sein.

Die Kinder träumen sich in unsere Welt,
als nun ihr Wagen krachend hält.
Die Laterne stand im Weg, ist voll getroffen;
harmlos noch, so darf man hoffen.

Mama erschrickt, ist jetzt ganz da,
den Kleinen recht zum Greifen nah,
die sich zum Protest vereinen.
Sie beginnen jämmerlich zu weinen.

Listig stimmt das Phone mit ein,
will ebenfalls beachtet sein,
steht es immer doch bereit,
zu jeder Nacht- und Tageszeit.

Mama plagt das schlecht´Gewissen,
eilig etwas tun zu müssen.
Die Kleinen sind es wert, dass sie sich kümmert,
auch wenn ihr Phone noch weiter wimmert.

Die Kinder lächeln zaghaft wieder,
Mama schlägt die Augen nieder
und stammelt zweimal leis´ verzeih,
das war nicht gut. Das ist vorbei.

Der Quälgeist, dieses smarte Phone,
vergreift sich wieder mal im Ton,
du dummes Phone, du bist verloren,
ich hab es mir geschworen.

Mama öffnet dann in ihrer Wut
das Fach, in dem der Akku ruht,
entfernt den Quell der Energie,
und das Smartphone schweigt wie nie.

Sie sieht die Kinder an, sieht in den Raum,
sie sieht sich um und glaubt es kaum,
was am Menschen so vorüberzieht,
wenn er auf ein Display sieht.

Im September 2016

Rotmilan

 

 

 

 

 

Erhaben zog er seine Kreise,
die Thermik trug ihn hoch hinauf.
Er hatte weite Sicht auf seine Weise
und spielte mit des Schicksals Lauf.

Großmütig ließ er Maus für Mäuschen
im Grase tanzend sich vergnügen.
Er machte derweil Paus für Päuschen
und ließ die fette Beute liegen

So schwebte er mit Seligkeit
im Aufwind seiner Stunden
eine ziemlich lange Ewigkeit,
bis die Sonne war verschwunden.

Die große Höh´, sie schwand im Nu,
sein müder Flügelschlag konnt ihn nicht retten,
er raste auf den Boden zu,
direkt in seines Grabes Stätten.

Wenn die Gunst der Stunde lenkt,
wird´s Zeit, dass man an morgen denkt.

Im September 2016

Müssen

wir müssen
immer
mehr

wir schaffen´s
fast immer
und mehr
und immer mehr
weil wir´s müssen

müssen wir
immer
mehr

wir schaffen´s
nicht mehr
nicht immer
nicht immer mehr
weil wir´s nicht müssen

weder mehr
noch immer
müssen wir

Januar 2016

Von Amts wegen

 

 

 

 

 

Halten Sie einmal die Luft an.
Wechseln Sie die Seiten.
Seien Sie mal ganz Amt.
Handeln Sie von Amts wegen.

Nehmen Sie den Posteingang zur Hand.
Das Formular ist nur unvollständig ausgefüllt.
Es fehlen Angaben.
Ohne die gibt es keine Entscheidung.

Machen Sie sich´s jetzt leicht?
Oder rufen Sie an?
Weisen auf die Mängel hin?
Ganz bürgerfreundlich?

Sie machen sich´s nicht leicht.
Sie rufen den Delinquenten an.
Und ernten Undank.
Vom freundlichen Bürger.

Sie können auch anders.
Das steht im Gesetz.
Wenn´s denn sein muss,
Muss es eben sein.

Sie lehnen ab,
Geben formale Gründe an.
Amtlich korrekt.
Zustellung schon morgen.

Der Schreibtisch ist blank.
Ein Vorgang ist erledigt.
Feierabend für heute.
Auch das ist amtlich.

Halten Sie jetzt lieber die Luft an.

Im März 2015

Lebenszeit

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Wir haben Zeit.
Unsere Zeit.
Nur diese eine.

Wir verlieren keine Zeit.
Sie ist in uns.
Und wir sind in ihr.

Wir gewinnen keine Zeit.
Sie geht mit uns vorbei.
Und wir mit ihr.

Wir verkaufen keine Zeit.
Wir verkaufen uns.
Mit unserer Zeit.

Unsere Zeit
bleibt uns bis zuletzt.
Und zieht dann weiter.

Im Februar 2015

Übermorgen

Wenn morgen übermorgen wäre,
wäre heute
morgen vorgestern.

Heute Morgen wäre
übermorgen morgen.

Heute Mittag ebenfalls.
Und heute Abend auch.

Wenn morgen übermorgen wäre.

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Im Januar 2015

Hingestreckt

Die Sonne schmeichelt uns in Seligkeit,
Brisen streicheln unsre Haut.
Das Rauschen deckt die Sorgen zu.

Wir liegen lange hingestreckt
am weißem Badestrand.

Ein kühler Schatten jagt die Wärme fort,
ein Luftzug lässt uns frieren.
Das Rauschen weckt die Sinne auf.

Wir lagen lange hingestreckt
am weißen Badestrand.

Der Alltag hat uns wieder.

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Piran 2007

 

 

 

 

 

Im Januar 2015

Mal sehen

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Mal sehen.

Was kommt. Vielleicht ist es schon da. Was kommt.

Wir sehen. Was war. Wir haben´s gesehen. Was war.

Wir sehen. Was kommt. Wir sehen doch klar. Was war.

Mal sehen.

Im Dezember 2014

 

Montag

 

 

 

 

 

Abend ist es schon.
Hinter dem Glück der letzten Tage
steigt der Montag auf.

Wer weiß, was mich erwartet,
was mich dann fordern wird,
eine harte Woche lang.

Im Schlaf erwachen Sorgen-Geister,
sie quälen und sie wecken mich
und zerplatzen dann zu Nichts.

Der Wecker meldet sich wie einbestellt,
die letzten Träume flüchten.
Zerschlagen wanke ich ins Bad.

Das Wasser spült die Seele frei.
Der Geist beginnt zu leben.
Ideen warten auf den Tag.

Mechanisch fängt der Montag an,
eingespielt in vielen Jahren
und endet abends dann.

Im November 2014

 

Problemlösung

Lösung, wo ist dein Problem?

Ist es gelöst?

War es nie da, nie hier, nie ein Problem,

dein Problem, das der Lösung, das ungelöste,

das Problem ohne Lösung, gelöst ohne Problem?

Lösung, wo ist dein Problem?

Zeitlos

 

 

 

 

 

Getaktet haben wir sie.
Die Zeit.
Sie ist taktlos geblieben.

Verplant haben wir sie.
Die Zeit.
Sie ist ihre eigenen Wege gegangen.

Erlebt haben wir sie.
Die Zeit.
Verstanden haben wir sie nicht.

Sie begleitet uns.
Die Zeit.
Auf unserem Weg ins Morgen.

Wir haben sie nicht.
Die Zeit.
Unser verlässlich letztes Geleit.